Fühlen

"Er zog die Klinge über meine Lippen": Was haben Menschen mit extremen Narben erlebt?

15.02.2017, 17:58 · Aktualisiert: 15.02.2017, 18:02

Es gibt Erlebnisse, die nie aus unserer Erinnerung verschwinden – die sind für immer im Kopf. Und es gibt die Erlebnisse, die uns auch für alle anderen sichtbar prägen: durch Narben.

Narben bleiben. Sie sind auf unseren Händen, ob wir wollen oder nicht, auf Knien oder Oberarmen. Und sie erinnern uns noch Jahre später an Momente aus unserer Vergangenheit – meistens an schmerzhafte. Hinter jeder Narbe verbirgt sich eine Geschichte – über das Leben und seine Verletzlichkeit.

Wir haben vier Menschen gebeten, uns ihre Narbe zu zeigen und zu erzählen, was sie damit verbinden.

Luise, 21

Luise, 21

Luise, 21

"Ich hatte früher extrem starke Kopfschmerzen und konnte mich in der Schule schlecht konzentrieren. Deshalb ging ich zu verschiedenen Ärzten. Eine Orthopädin entdeckte auf einem Röntgenbild, dass meine ersten beiden Halswirbel so sehr verschoben waren, dass der eine Wirbel stark auf mein Rückenmark drückte. Ich war damals 15.

Es wurde schnell beschlossen, dass ich operiert werden müsse: Man wollte sicherstellen, dass mein Rückenmark unter keinen Umständen beschädigt werden kann – zum Beispiel durch einen Sturz. Denn wenn das Rückenmark beschädigt wird, kann es zu einer Querschnittslähmung kommen.

In der Operation wurden die beiden Halswirbel wieder gerade gestellt und vierfach verschraubt. Das Ganze wurde mit einem Metallbogen und Knochen aus meinem Becken befestigt. Ich lag zwei Wochen im Krankenhaus und musste danach länger mit so einer schrecklichen Halskrause bis zum Kinn rumlaufen. Mittlerweile ist alles wieder zusammengewachsen.

Heute bin ich leicht in meiner Bewegung eingeschränkt, beim Schulterblick muss ich meinen ganzen Oberkörper drehen. Und ich muss viel Sport machen, um meine Rückenmuskulatur zu stärken.

Rückblickend ist die Geschichte hinter meiner Narbe sicherlich ein Grund, warum ich jetzt Medizin studiere. Mein Chirurg hat mich damals sehr beeindruckt. Und meine Mutter war damals viel bei mir. Ich habe gemerkt, wie gut es tut, wenn Angehörige da sind, selbst wenn sie nur neben deinem Bett sitzen."

Romy, 20

Romy, 20

Romy, 20

"Meine Narbe stammt von einem Luftröhrenschnitt. Ich habe eine Krankheit, bei der meine Atmung in der Tiefschlafphase aussetzt. Sie nennt sich 'Kogenitales zentrales Hypoventilationssyndrom'. Weil ich nachts keine Kontrolle über meine Atmung habe, muss ich beatmet werden.

Früher wurde ich über einen Schlauch durch meinen Hals beatmet, heute trage ich nachts eine Nasenbeatmungsmaske. Das Loch in meinem Hals ist zugewachsen, es ist nur noch eine kleine Narbe sichtbar.

Und du?

Ich mache momentan eine Ausbildung zur Tierarzthelferin. Meine Krankheit schränkt mich eigentlich nur über Nacht ein. Wenn ich schlafe, muss ich von einer Nachtwache betreut werden. Für Außenstehende ist das komisch. Aber ich kenne es nicht anders und zum Glück sind die Nachtwachen sehr nett.

Ich bin froh, dass die Krankheit bei mir früh erkannt wurde. Denn es ist gut möglich, dass durch eine späte Diagnostik in der Kindheit eine Sauerstoffunterversorgung entsteht und geistige Schäden bleiben. Manche bekommen zusätzlich noch eine schwere Darmerkrankung. Wenn ich einmal im Jahr in der Selbsthilfegruppe andere Betroffene treffe, dann sehe ich, dass es mich noch viel schlimmer hätte treffen können."

​Arne, 27

​Arne, 27

Arne, 27

"Ich bin im Jahr 2015 nach dem Tod meines kleinen Bruders nach Lateinamerika ausgewandert, nur mit einem Rucksack und etwas Werkzeug im Gepäck, um in der Fremde eine neue Heimat zu finden. In Puerto Viejo de Talamanca mietete ich eine kleine Holzhütte in einer Hotelanlage und verdiente mit dem Verkauf von Getränken und Kuchen am Strand Geld.

Die erste Begegnung mit meinem späteren Angreifer, der mir auch meine Narbe verpasste, machte ich kurz nach meiner Ankunft: abends, in der Nähe eines Imbisses, als er mich von der gegenüberliegenden Straßenseite zu sich herüberpfiff. Er kam mir komisch vor, ich reagierte nicht.

Als ich eines Morgens die Tür meiner Holzkabine öffnete, saß er direkt davor. Im ganzen Ort war er bekannt als 'Angel' – und allmählich wurde mir bewusst, was für ein Typ Angel war. Er handelte mit Drogen, terrorisierte junge Frauen. Selbst die örtliche Polizei hatte er im Griff.

Doch erst, als mich nach einem Monat ein Freund aus Deutschland besuchte, passierte etwas. Wir saßen abends in einer Bar, als einer von Angels' Männern uns Drogen anbot.

Die Fotografin Saskia Frietsch zeigt auf Instagram Bilder von Menschen mit Narben – zum Klicken:

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Wir lehnten ab, doch das erweckte offenbar den Eindruck, dass wir selbst im Besitz von Drogen wären. Der Mann schrie mich an, dass ich aufhören solle, in der Gegend Drogen zu verkaufen – dann eilte er davon.

Als mein Freund und ich am nächsten Tag an Angels' Haus vorbeifuhren, tauchte er plötzlich hinter seinem Auto auf, die rechte Hand hinter seinem Rücken. Dann holte er aus. Zuerst traf mich der Knauf seines Messers zwischen Auge und Schläfe direkt aufs Jochbein, dann zog er die Klinge über meine linke Wange und Lippen bis kurz vor mein Kinn.

Unter Schock rannten wir. Einfach nur weg.

Und noch am gleichen Tag verließ ich die Küstenregion, nach nur 35 Tagen. Hätte ich mich gegen diesen Angel zur Wehr gesetzt, hätte er wahrscheinlich seinen Revolver gezogen."

Lena, 24

Lena, 24

Lena, 24

"Meine Narbe stammt aus der Silvesternacht 2013. Sie erinnert mich an eine unvergessliche Party mit den besten Freunden der Welt, auch wenn die Geschichte hinter der Narbe nicht so lustig ist. Und wäre ich nicht so leichtsinnig gewesen, dann hätte ich diese Narbe vermutlich nicht.

Gemeinsam mit den Freunden aus meiner Schulzeit feierten wir das Ende des Jahres in der WG eines Freundes. Wir spielten Spiele, tranken und freuten uns, wieder zusammen zu sein. Vom Balkon aus beobachteten wir das Feuerwerk über der Stadt. Kurz nach Mitternacht verließen wir das Haus, wir wollten in einen Club.

Die Straßenbahnhaltestelle war voller Menschen. Wir warteten auf unsere Bahn, als plötzlich von der gegenüberliegenden Straßenseite eine Rakete herüberschoss. Der Feuerwerkskörper flog waagrecht und knallte direkt gegen meinen Oberschenkel. Durch den Aufprall wurde ich zurückgeschleudert und landete auf der Straße.

Meine Strumpfhose zerfetzte, das Bein blutete und irgendjemand bot mir an, mich ins Krankenhaus zu bringen. Ich brauchte einen Moment, um mich aufzurappeln.

Doch diese blöde Rakete sollte mir nicht den Abend verderben. Ich lachte ein wenig, wahrscheinlich war ich auch wegen des Alkohols etwas weniger schmerzempfindlich.

Ich zog meine Strumpfhose so hoch, dass das große Loch am Oberschenkel nicht mehr zu sehen war. Wir fuhren in den Club und feierten bis morgens. Erst als ich mittags aufwachte, spürte ich noch einmal so richtig den Schmerz."


Gerechtigkeit

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15.02.2017, 17:29 · Aktualisiert: 15.02.2017, 19:08

3 kurze Antworten.

1. Was ist passiert?

US-Präsident Donald Trump empfing am Mittwoch den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz äußerte er sich zur Lösung des Nahostkonfliktes: