Fühlen

"Warum habe ich überhaupt jemals mit dem Studium angefangen?"

08.10.2015, 14:28 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

In unserer Serie "Über-Ich" beantwortet die Psychologin Kathrin Hoffmann eure Fragen.

Nina, 29, schreibt:

Ich bin Medizinstudentin und finanziere mir mein Studium mit zwei Jobs. Ich wurschtle mich von einer Klausur zur anderen, meist schiebe ich sie, weil ich nicht genug gelernt habe. Vier Klausuren fehlen mir, um das Physikum zu schreiben. Ich muss lernen. Und ich muss mit einer Freundin in den Urlaub fahren. Meine Schwester und meine Mutter besuchen. Mit meinem Freund Urlaub machen, das wünschen wir uns schon seit Jahren. Und ich muss arbeiten, arbeiten, arbeiten.

Wie würde es sich anfühlen, wenn du fertige Ärztin bist?

Irgendwann wollte ich mal bei Ärzte ohne Grenzen arbeiten. Jetzt frage ich mich: Warum habe ich überhaupt jemals mit dem Studium angefangen? Wo sind meine Träume und Ziele hin?

Ich sitze hier mitten in der Nacht, bemitleide mich wegen meines Versagens, meines Übergewichts, meiner Einsamkeit, meiner Langeweile, meines Aussehens, meiner Armut…. Ich bin aggressiv passiv. Ich schaffe es einfach nicht, meinen Kalender hervor zu holen, mir die wichtigsten Daten aufzuschreiben und zu planen: Wann lerne ich was?

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Liebe Nina,

nach dem Lesen deiner Schilderung musste ich erst mal tief Luft holen. Dein Leben scheint momentan einem riesigen Berg zu gleichen und du irgendwo auf halber Strecke, keine Puste und Kraft mehr für den Rest des Weges. Du scheinst resigniert zu haben, aber auch ärgerlich zu sein, auf dich selbst und auf die hohen Anforderungen, die gerade an dich gestellt werden. Eins scheint klar: So kann es nicht weitergehen, du hast dir zu viel auf einmal vorgenommen und dabei vergessen, wieso du das alles tust.

Zunächst einmal könnte es helfen, innezuhalten und dich daran zu erinnern, wieso du dich für das Medizinstudium entschieden hast. Was macht diese Arbeit so erstrebenswert und sinnvoll für dich? Wie würde es sich anfühlen, wenn du fertige Ärztin bist? Menschen zu helfen und dich für die Gesellschaft nützlich zu machen, scheinen wichtige Werte in deinem Leben zu sein. Jeder Mensch richtet sein Leben mehr oder weniger bewusst nach bestimmten Werten aus. Treffe eine klare Entscheidung mit allen Konsequenzen. Im Moment würdest du aus deinem Frust heraus wahrscheinlich am liebsten alles hinwerfen. Aber was würde das langfristig für dein Leben bedeuten?

Wenn du dich dafür entscheidest, deinen jetzigen Weg weiter zu gehen, ist es wichtig, dass du klare Prioritäten setzt. Das kann auch bedeuten, einen Urlaub oder Besuch zugunsten einer wichtigen Prüfung zu vertagen. Gleichzeitig solltest du aber immer darauf achten, dass du dir kleine Pausen, schöne Momente und Belohnungen (zum Beispiel Urlaub nach einer Prüfung) gönnst.

Was magst du an deinem Leben und worauf bist du stolz?

Deine Demotivation könnte daher kommen, dass du nur siehst, was alles noch vor dir liegt, was du nicht hinbekommen hast und wie „unfähig“ du bist. Was ist mit der anderen Seite? Was hast du bisher schon alles geschafft? Was bekommst du gut hin? Was magst du an deinem Leben und worauf bist du stolz? Könnte es sein, dass du sehr hohe Ansprüche an dich stellst und dich selbst eher runtermachst anstatt dich aufzubauen?

Überlege dir ein realistisches nächstes Etappenziel: Welches Stück des Weges willst du in welcher Zeit schaffen? Welche Unterstützung brauchst du bei diesem Teilabschnitt? Welche „Ausrüstung“ (Bücher, Skripte,…) brauchst du? Wann willst du Pausen einlegen, um Kraft zu tanken? Wie willst du Kraft tanken?

Viele Universitäten haben eine psychosoziale Beratungsstelle, an die du dich wenden kannst, wenn du gerne persönlich mit einem Psychologen über deine momentanen Schwierigkeiten sprechen möchtest. Darüber hinaus werden oft Kurse wie zum Beispiel Zeitmanagement oder Stressbewältigung angeboten.

Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du die Kraft findest, um deinen Weg weiterzugehen, vielleicht in einem anderen Tempo und mit dem sicheren Gefühl, dass du es schaffen kannst, wenn du deine Kräfte gut einteilst und an dich glaubst!

Du hast dich bei der Studienwahl vertan? Macht nichts! Hier gibt eine Karriereberaterin Tipps, wie du da wieder rauskommst.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.