Bild: Hatice Ince

Fühlen

Wie mich der Tod meines Vaters verändert hat

27.05.2016, 09:34 · Aktualisiert: 27.05.2016, 13:50

Der Vater unserer Autorin starb kurz vor Ende ihres Studiums – und ließ sie fast all ihre Träume vergessen. Fast.

Ich bin Langzeitstudentin. Ein Status, den ich nie angestrebt habe. Ich verbringe nicht gern viel Zeit an der Uni oder will Studentenvorteile auskosten. Vor sechs Jahren ist mein Vater gestorben, das hat mein Leben durcheinandergebracht.

Studium und Karriere, meine Träume und Ziele waren plötzlich nicht mehr so wichtig. Seit seinem Tod habe ich viel gelernt über mich und unsere Gesellschaft, in der Leistung manchmal mehr zählt als Menschlichkeit. So habe ich es zumindest empfunden.

Mit 25 stand ich kurz vor dem Abschluss meines Studiums. Ich musste nur noch zwei Hausarbeiten beenden und meine BA-Thesis anmelden. Mein Vater litt damals schon länger unter starkem Husten. Dann die Diagnose: Lungenkrebs. Ich war geschockt und überfordert. Die beiden Hausarbeiten habe ich bis heute nicht beendet.

Die nächsten drei Semester habe ich versucht, weiter zu studieren, habe es dann doch vorgezogen, im Einzelhandel und in der Gastronomie zu arbeiten. Ich brauchte das Geld, gleichzeitig halfen mir diese Jobs, alles andere auszublenden und von zu Hause rauszukommen.

Die Nächte verbrachte ich mit Recherche. Sämtliche Krebsarten, ihre Symptome, Heilungsmethoden und Todesstatistiken. Auch meine Mutter bereitete mir Kummer. Sie hatte schon vorher eine Depression, die verschlimmerte sich nun zunehmend.

Knapp zehn Monate nach der Diagnose entschied mein Vater sich für eine Chemotherapie. Zu diesem Zeitpunkt war er schon todkrank, wirkte aber zunächst gar nicht so.

In den kommenden Monaten mussten wird aber doch mehr als ein Dutzend Mal den Notdienst rufen, vom stärkeren Infekt bis zum leichten Schlaganfall war alles dabei.

Etwa sieben Monate nach Beginn der Chemo musste mein Vater erneut ins Krankenhaus. Ihm ging es gut, sagten sowohl Ärzte als auch meine Familie. Deswegen besuchte ich ihn nicht sofort, sondern wollte erst am nächsten Tag fahren.

Ein Foto aus dem Heimatort von Hatices Vater. Er wurde hier beerdigt. Die Tiere machen Hatice glücklich, "weil sie immer wie eine lästernde Gruppe neben einem herliefen".

Ein Foto aus dem Heimatort von Hatices Vater. Er wurde hier beerdigt. Die Tiere machen Hatice glücklich, "weil sie immer wie eine lästernde Gruppe neben einem herliefen". (Bild: Hatice Ince)

Das war zu spät. An einem Samstagmorgen um 06:42 erhielt ich den Anruf: Mein Vater war seit 30 Minuten tot. Meine Mutter war gesundheitlich labil und ich spreche besser Deutsch als sie, deswegen war ich beim Arzt als Notfallkontakt hinterlegt. So musste nun ich ihr mitteilen, dass ihr langjähriger Partner nicht mehr lebt.

Und ich war nun eine Halbwaise.

Studium und Karriere? Nebensache.

Wenn mich jemand fragte, wie es mir geht, habe ich gelächelt und gesagt, dass der Tod halt zum Leben dazu gehört.

Meiner Mutter ging es immer schlechter. Dass ich gut mit dem Tod umging, gab ihr Kraft. Ich kam tatsächlich ganz gut damit klar, aber nicht mit dem, was in den sieben Monaten vorher war: Da musste ich mit anschauen, wie mein einstiger Held Stück für Stück zerfiel.

Erst Monate nach seinem Tod konnte ich zeigen, dass mir das alles nicht egal war. Ich bekam einen Nervenzusammenbruch. Das erste Mal nach meines Vaters Tod habe ich alles rausgelassen und unentwegt geweint. Die nächsten Tage blieb ich zu Hause und habe nichts getan.

Nun war ich gefesselt in einem Alltag, in dem ich nie gefesselt sein wollte.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich immer noch an der Uni eingeschrieben gewesen. Es stand für mich fest, dass ich irgendwann zurückkehren wollte, um mein Studium zu beenden. Jetzt merkte ich: Ich war all dem nicht mehr gewachsen. Ich schrieb keinen Exmatrikulationsantrag, sondern überwies einfach kein Geld mehr. Ich konnte mich nicht überwinden, zur Uni zu gehen. Ich hatte mit ihr abgeschlossen.

Nun war ich gefesselt in einem Alltag, in dem ich nie gefesselt sein wollte. Unter der Woche habe ich als Teilzeitkraft bei einer Modekette gearbeitet und fast jeden Sonntag in einem Café gekellnert. Es hat mir Spaß gemacht. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt.

Und trotzdem musste ich ständig daran denken, dass ich mir meine Zukunft immer anders vorgestellt hatte. Ich wollte Journalistin werden. Übrig blieben unerfüllte Träume und unabgeschlossene Projekte – das war mein Leben.

Meine Freunde hingegen zogen an mir vorbei. Sie hatten Traumjobs, bauten Häuser und gründeten Familien. Und fragten mich immer mal wieder nach der Uni. Es war sicher nur nett gemeint, mich aber stresste es. Ich hatte inzwischen richtig Angst vor der Uni, Angst zu scheitern.

Das erste Telefonat mit dem Arzt meines Vaters führte ich auf dem Campus. Dort erfuhr ich, wie schlimm es um ihn stand. Deswegen assoziierte ich die Uni mit seiner Krankheit.

Zweieinhalb Jahre nach dem Tod meines Vaters wollte ich nicht mehr so weiterleben. Es missfiel mir, dass ich keine Ziele mehr anstrebte. Ich lebte nur noch um zu funktionieren. Ich war gefrustet und unzufrieden.

Deswegen gelang es mir auch, meine Angst zu überwinden: Ich schrieb mich wieder ein, um Begonnenes abzuschließen. Für mich und auch für meinen Vater. Er hätte es so gewollt.

Hatices Vater liebte Schnee.

Hatices Vater liebte Schnee. (Bild: Hatice Ince)

Es hatte sich vieles an der Uni geändert. Für die Wiedereinschreibung würde ein formloser Antrag reichen, hieß es. Tatsächlich aber musste ich mich ganz normal bewerben und hoffen, dass ich für das Studium zugelassen werde, was ich fast schon abgeschlossen hatte. Und als ich eingeschrieben war, musste ich all meine Leistungen anrechnen lassen und einige Prüfungen zusätzlich ablegen, da sich die Prüfungsordnung verändert hatte.

Es war anstrengend, aber hat sich gelohnt: Ich arbeite derzeit an meiner Abschlussarbeit. In drei Wochen will ich abgeben.

Und danach werde ich mich bewerben.

Wir leben in einer so leistungsorientierten Gesellschaft, dass ich meine Trauer lange nicht richtig zuließ. Ich versuchte, sie zu verdrängen, weil ich Angst hatte, aus dieser Gesellschaft herauszufallen, nicht mehr zu genügen.

Als mein Vater gestorben ist, war ich in dem Alter, in dem die Karriere losgeht, losgehen sollte. Jeder andere in meinem Alter startete durch, nur ich blieb stehen. Freunde und Familie haben mich dazu animiert, es auch anzugehen, wenigstens zu versuchen.

Gleichzeitig fühlte ich mich wie gelähmt: Antrieb, Ziele und Motivation waren verschwunden. Vielleicht wäre es mir besser ergangen, ehrlich zu mir selbst zu sein und professionelle Hilfe aufzusuchen? Ich weiß es nicht.

Suchen Personaler nicht nur makellose Menschen, die nichts dem Zufall überlassen?

Nach dem Tod meines Vaters habe ich mich nicht getraut, mich zu bewerben. Suchen Personaler nicht nur makellose Menschen, die nichts dem Zufall überlassen? So dachte ich. Mein größter Fehler. Deswegen empfand ich mich als ungenügend. Ich habe mich selbst unter Druck gesetzt. Ich war mir sicher, dass mich niemand einstellen würde. Ich hätte mich ja selbst nicht eingestellt.

Heute vertraue ich darauf, dass es den einen Personaler geben muss, der über eine akademische Lücke im Lebenslauf hinwegblicken kann und sich für mich als Menschen interessiert.

Und heute weiß ich, dass dieses einschneidende Ereignis erforderlich war, um zu dem Menschen zu werden, der ich heute bin.

Lass uns Freunde werden!


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