09.06.2018, 17:51

Es ist lebenswichtig für uns.

Mein erstes Umkleidekabinen-Selfie fühlte sich an wie eine Revolution. Ich weiß noch, wie ich mich endlich getraut hatte, in einer Berliner Modeketten-Filiale in die falsche Abteilung abzubiegen – oder vielmehr genau in die richtige.

Mit versteinerter Miene, die extramaskulin wirken sollte, stellte ich mich zum ersten Mal in Boxershorts, dunklen Jeans und Hemd vor den Spiegel und machte ein Foto. Dass mein Herz bis zum Hals klopfte, sah später nur die Kassiererin, deren Augenbrauen unter dem Pony verschwanden, als ich die Sachen auf den Ladentisch legte.

Die Sachen habe ich gekauft und später auch "draußen" getragen. So gut wie beim ersten Anprobieren haben sie sich nie mehr angefühlt – wie ein Triumph.

Für genderqueere und Transmenschen ist Kleidung so viel mehr als Mode oder der Wunsch, den Körper zu bedecken. Ihr glaubt, euer Lieblingspulli tut Wunder für euer Selbstbewusstsein? Fragt mal einen Transmann nach seinem ersten Binder, der die Brust abflachen lassen soll!

Zur Person

Lex Marmor heißt eigentlich anders und verwendet im Alltag zwei unterschiedliche Vornamen, einen Männer- und einen Frauennamen. Hier schreibt Lex, was das bedeutet: im Alltag, in der Liebe und bei der Arbeit. 

Zum ersten Mal Klamotten für das Geschlecht zu tragen, in dem du leben willst, fühlt sich nach dem anfänglichen "Kann ich jetzt wirklich...?" im Kopf nicht nur wahrer und bequemer an als alles zuvor.

Deine Kleidung zeigt auch anderen, wie du dich siehst und wie du gesehen werden möchtest – auch in Bezug auf dein Geschlecht.

Für mich bedeutet Kleidung vor allem Ausdrucksfreiheit. Schließlich halte ich mich mit der binären Aufteilung in männlich und weiblich nicht erst auf, was den meisten in meiner Umgebung unbegreiflich scheint. Bislang bin ich dabei mit Sprüchen davongekommen, die zeigen, wie viel Sexismus wir verinnerlicht haben.

Etwa die Bemerkung: "Du bist ja heute schick!", von einer Arbeitskollegin. Dabei trug ich einfach nur ein Kleid und Glitzerohrringe. Mein 700 Euro teurer Boss-Anzug mit Hemd und Krawatte, in dem ich tags zuvor zum Dienst erschienen war, hatte offensichtlich weniger Eindruck gemacht.

Für mich ist das belustigend bis nervig.

Für viele Transmenschen wäre es aber noch viel entscheidender als für mich, wenn sie ihre Wunschkleidung ungehindert tragen könnten.

Denn Kleidung hilft nicht nur dabei, zu zeigen, wer man ist. Sondern auch zu verdecken, wer man nicht ist – oder worauf die Gesellschaft Transmenschen gern reduziert. Ein Binder macht die Brust flacher, ein Push-Up sorgt für Rundungen.

Fester Stoff und weite Schnitte sorgen dafür, dass sich bei Transfrauen im Schritt nichts abzeichnet, was sie dort meist nicht haben wollen, Loose-Fit-Hosen helfen Transmännern, ihre Schenkel schmaler zu zaubern und können an entscheidender Stelle ausgestopft werden.

Die Geschlechtercodes, die die meisten in Punkto Kleidung gelernt haben, sind einfach: Ein Anzug heißt "wichtig und einflussreich", ein Blumenkleid "süß und verspielt". Bei Genderqueeren oder Transmenschen funktionieren sie leider nur leidlich – und schlägt die gewünschte Wirkung fehl, ist das ein ganzes Stück gefährlicher als für Cismenschen (Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt).

Oft genug werden Transmänner für Lesben gehalten.

Denn weite Shirts, Hoodies und Loose-Fit-Hosen haben Männer längst nicht mehr gepachtet. Und das ist auch gut so! Wer sich feminin kleiden will, hat es noch schwerer: Einerseits braucht es nicht mehr als ein rosa Oberteil oder auffällige Muster, um in den Augen mancher "wie'n Mädchen" rumzulaufen.

Andererseits gilt es außerhalb von Metal-Festivals bis heute nicht als akzeptabel, gleichzeitig einen Rock und Gesichtshaare zu tragen – ob man letztere lieber längst losgeworden wäre oder nicht. Oft bleibt die Reaktion dann nicht bei gemeinen Sprüchen, sondern geht in körperliche Übergriffe über. Viele Transfrauen wagen es deshalb erst nach ihrer Transition, in Rock oder Kleid rauszugehen.

Das Bewusstsein, dass Kleidung einerseits so befreiend, andererseits so gefährlich sein kann, teilt wohl jede Cisfrau mit uns – mit einem Unterschied: Für viele Genderqueere und Transmenschen ist sie die einzige Möglichkeit, ihr Geschlecht auszudrücken. Etwa, wenn sie kein Geld für eine Transition haben oder ihr soziales Umfeld sie unmöglich macht.

Ich habe mir deshalb angewöhnt, das Aussehen anderer Leute nicht mehr anzusprechen. Kein Kompliment, kein Kommentar, wenn jemand etwas trägt, das ich so noch nie an der Person gesehen habe.

Was weiß ich denn schon, vielleicht traut er oder sie sich gerade, endlich das zu tragen, was sich richtig anfühlt – so wie ich damals? Niemand sollte 2018 mehr zum CSD müssen, um seine Wahrheit zu leben.


Gerechtigkeit

So hart quetscht Macron Trumps Hand – es geht um mehr als einen Handschlag

09.06.2018, 17:36 · Aktualisiert: 09.06.2018, 18:14

Am Wochenende haben sich die Regierungschefs der G7 in Kanada getroffen. Zu der Gruppe gehören USA, Kanada, Deutschland, Japan, Frankreich, Großbritannien und Italien. 

Und eigentlich gab es nur ein wichtiges Thema: Europa und die anderen Staaten gegen Donald Trump. Der hält nämlich nichts von freiem Welthandel und hat gerade Strafzölle auf Stahl und Aluminium beschlossen.

Schon vor dem Treffen ging der Streit los, Donald Trump und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gifteten sich auf Twitter an.

Trump beschwerte sich über die Handelspolitiker Kanadas und der Europäer.