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Fühlen

Warum Liebeskummer das Beste ist, was dir passieren kann

17.02.2016, 10:39 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Der Schmerz, der dich auffrisst und wieder ausspuckt, macht dich stärker. Wenn du dich nicht vor ihm versteckst.

Wenn du keine Luft mehr bekommst und dein Herz zerfetzt in deinen Rippen hängt, wenn alles grau aussieht und du dich am liebsten auflösen möchtest, weil der Schmerz nicht aufhört. So fühlt sich Liebeskummer an.

Wäre die Welt nicht ein besserer Ort ohne dieses grausame Gefühl? Wenn wir uns einfach so trennen und verlassen werden könnten, ganz sachlich und rational? Ohne Wut und Tränen?

Nein!

Denn Liebeskummer, so höllisch und qualvoll er auch ist, lässt dich stärker, reifer und mitfühlender werden. Er macht dich zu einem besseren Menschen – ob du willst oder nicht. Das dauert allerdings. Und schmerzt.

So erinnert sich Ricarda, 22: "Der schlimmste Liebeskummer meines Lebens ist ein paar Jahre her. Ich stand auf den Kerl, mit dem ich eine Affäre hatte und er verschwand ins Ausland – ohne, dass ich ihm sagte, was ich fühlte. Ich hatte einfach nicht genug Mumm, ihm und mir meine Gefühle einzugestehen." Ricarda leidet sehr und wünscht sich lange, sie wäre mutiger gewesen und hätte es riskiert.

Ricarda, 22

Ricarda, 22 (Bild: K. Grulke)

Ungeschehen machen will sie ihren Liebeskummer aber auf keinen Fall: "Ich denke, dass jede Erfahrung uns ein Stück weit formt und man sich selbst dadurch besser kennen lernt. Deswegen bereue ich nichts."

Beziehungscoach Silvia Fauck hat eine Liebeskummerpraxis in Berlin und täglich mit gebrochenen Herzen zu tun. Wer leidet, kann sich das nicht vorstellen, aber: "Wenn man Liebeskummer überstanden hat, fühlt man sich stärker. Man weiß, es geht immer weiter", sagt sie.

Das sagt auch Stephan Doering, Professor und Leiter der Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien: "Jede Erfahrung, die man durchlebt, ist ein Gewinn für die Persönlichkeit, weil der Mensch mehr von sich und von der Welt weiß und versteht. Wenn man intensiv geliebt hat, ist man einerseits bereichert durch das, was man gemeinsam erlebt hat; andererseits hat man durch den Liebeskummer aber auch die Erfahrung gemacht, dass man einen tiefen Schmerz überleben kann. Dadurch, die eigene Kraft und Stärke zu spüren, gewinnt man Sicherheit."

Liebeskummer macht einen Menschen also zu einem Konzentrat seiner selbst: Du wirst immer mehr du und veränderst dich zum Positiven.

So erinnert sich Kim, 22: Als ihr erster Freund nach eineinhalb Jahren Beziehung mit ihr Schluss macht, ist sie verzweifelt: "Er war nicht nur mein Freund, sondern auch mein bester Freund. Ich habe ihn schrecklich vermisst, nicht nur die körperliche Nähe. Wenn ich etwas erlebt habe, wollte ich es ihm immer sofort erzählen. Es hat mich sehr erschreckt, wie mich das aus der Bahn geworfen hat."

Kim, 22

Kim, 22 (Bild: Kim T.)

Ganz langsam, mit Hilfe von Freunden und Familie, geht es ihr besser und besser. Und wie Ricarda würde auch Kim diese Erfahrung trotz allem nicht rückgängig machen wollen: "Ich weiß jetzt, dass es vorbei geht. Auch, wenn ich zwischenzeitlich nicht daran geglaubt habe. Und dass ich auch alleine sein kann – es aber nicht muss, so lange ich meine Familie und Freunde habe. Ich glaube, dass man Liebeskummer erst dann versteht, wenn man selbst davon betroffen war. Und dass man auch dann erst versteht, was Liebe eigentlich heißt."

Aber gehören Leid und Liebe wirklich untrennbar zusammen?

Für eine gesunde Seele schon, sagt Professor Doering: "Es ist sehr ungewöhnlich und selten, dass man sich einmal in seinem Leben verliebt und eine Beziehung eingeht, die bis ans Lebensende hält. Ja, es gibt Menschen, die noch nie Liebeskummer hatten – aber das sind oft Menschen, die ihr Leben lang Liebesbeziehungen vermieden haben, weil sie von vorn herein große Angst haben vor Verlust oder Zurückweisung."

Wer also erwachsen wird, kommt um Schmerz nicht herum. Er macht uns reifer, empathischer und lehrt uns Demut.

Das sieht auch Kim so: "Liebeskummer macht einem bewusst, dass man nicht unbesiegbar ist. Dass der Kopf noch so oft sagen kann: 'Alles nicht so wild, das Leben geht weiter' und du trotzdem nicht anders kannst, als dich schlecht zu fühlen. Ich glaube, dass man erst, wenn man das verstanden hat, echtes Mitgefühl für andere Menschen entwickeln kann."

Dazu darf man allerdings nicht vor dem Liebeskummer davon laufen. Ihn nicht verdrängen. Man muss den Schmerz aushalten, ohne zu wissen, wie lange er dauert.

"Das Schlechteste, was man tun kann: Sich ständig abzulenken, Party zu machen, sich vor Bildschirme zu setzen. Die Trauer gibt uns die Gelegenheit, uns mit uns selbst zu beschäftigen und näher zu uns zu kommen", sagt Doering. "Sich von jemandem in einem Trauerprozess ablösen zu können, ist ein Zeichen einer reifen Persönlichkeit."

Schmerz, Verlust und Trauer gehören zum Leben dazu, sie machen uns menschlich und wer sie er- und überlebt hat, wächst daran und versteht andere. Ohne das würde dem Leben eine Dimension fehlen. Oder wie Silvia Fauck sagt: "Wer Liebeskummer nicht kennt, der hat nie richtig geliebt."

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