Fühlen

Tinder ruiniert nicht dein Liebesleben, dafür aber deine Freundschaften

07.03.2016, 12:05 · Aktualisiert: 20.09.2016, 14:48

Tinderella, go home!

Nennt es Fortschritt, nennt es das größte Übel, seit es das Internet gibt: Tinder, die beliebte App zur niemals endenden Fleischbeschau, hat den Datingmarkt nachhaltig revolutioniert – und die Gefühle der Nutzer zumindest im selben Ausmaß verwirrt.

Tindern, so schwört meine Freundin, tut sie nur aus Spaß. Wenn ihr langweilig ist – oder sie nicht einschlafen kann. Denn Tinder, das versichert sie mit Nachdruck, nutzt doch niemand ernsthaft. Für echte Treffen, im wirklichen Leben! Auf Tinder, da sind wir alle "nur so". Zum Zeitvertreib. Um uns durch das Dickicht der potentiellen Sexpartner zu wühlen. Ohne am Ende zuzugreifen. Ich glaube ihr nicht.

Meine Freundin ist ganze zwei Tage bei mir zu Besuch. Zwei Tage, an denen ich arbeiten muss. Da wir deshalb nur den Vormittag zusammen verbringen, verabreden wir uns für den Abend. Um das nachzuholen, was wir in den letzten Monaten verpasst haben.


Fotostrecke: Die besten Dialoge von TinderWahnsinn

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Nach der ersten Tasse Tee nimmt sie ganz selbstverständlich ihr Smartphone in die Hand und hält mir den pulsierenden Tinder-Startscreen unter die Nase. Huch? Die Freundin, die du seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen hast, hat den Abend offensichtlich schon für Besseres reserviert.

Drei ist einer zu viel

Statt sich mit mir zu unterhalten, wird die App ausgepackt. “Komm schon, das ist doch lustig! Lass die Männer in Hamburg ein wenig auschecken, ja?" Jaja, denke ich. Sei nicht so, sei mal lustig, Bianca. Schauen kann doch jeder mal.

Also sitzen wir da und schauen uns die Gesichter fremder Männer an. Als ob es das Wichtigste auf der Welt wäre, seinen Marktwert zur Abwechslung auch mal in einer anderen Stadt zu testen. Was für ein Spaß, denke ich. Nicht für mich.

Sie sitzt mir gegenüber, immer mit einem Auge auf das Display schielend, während ich von meinem Umzug und meinem neuen Leben erzähle. Bis ihr wenig interessiertes "Ahah, ahah, mhmmmm!" durch ein schrilles: "OH KUCK MAL, MALTE HAT MIR GESCHRIEBEN!" unterbrochen wird. Ab jetzt sind wir nicht mehr zu zweit, sondern zu dritt. Malte mit den blonden Haaren hat zwischen unserer ohnehin stockenden Unterhaltung Platz genommen. Ich mag ihn nicht.

Ich ignoriere Malte. Nach zehn Minuten, in denen ich in das verzückte Gesicht meiner Freundin starre, fange ich an mir ernsthaft Gedanken über den Zustand dieser Situation zu machen. Am liebsten würde ich das Wlan aus der Wand reißen.

Tinder ist kein Hobby #justsayin

Eigentlich bin ich nicht so, das weiß meine Freundin. Tinder ist super, um neue Leute kennenzulernen. Um sich die Stadt zeigen zu lassen. Mit Fremden in Bars zu trinken und Sex zu haben. Der Tag hat genügend Stunden, um im Café zu sitzen und wild vor sich her zu wischen. Ausschau zu halten, nach dem Dreamboy oder Girl. Aber warum ausgerechnet jetzt? In einem zeitlich begrenzten Fenster, das nur für uns beide bestimmt war.

Am Tisch tindern? Während eines Gesprächs? Wirklich? Das ist nicht nur respektlos dem direkten Gesprächspartner gegenüber, sondern auch dem aktuellen Match. Was erzählt man später seinen Kindern, wenn man sich nichtmal an die ersten zwei verschickten Nachrichten erinnern kann, weil man eigentlich in einem anderen Gespräch war?

Wer glaubt, nebenbei daten zu können, regt sich vermutlich auch über die bedeutungslosen Treffen auf, die genau dadurch entstehen. Wer Dating wie ein Hobby betreibt, hat Tinder nicht verdient. Und sollte sich nicht wundern, wenn der für den Abend Auserkorene nach dem ersten Treffen nicht mehr zurückschreibt. Er hat schließlich auch Gefühle.

Ich frage meine Freundin, ob sie an unserem ersten Abend tatsächlich auf die Likes fremder Männer angewiesen ist. Ob ihr meine Anwesenheit nicht reicht, das, was ich ihr hier direkt aus meinem Leben präsentiere und im Gegenzug von ihr wissen möchte. Ob sie belanglose "Hi, wie geht's" tatsächlich dem vorzieht, was eine Freundschaft eigentlich ausmacht: Gespräche bis spätnachts und Erlebnisse, an die man sich später gemeinsam erinnert.

Sie versteht die Welt nicht mehr – schließlich könne sie doch tindern, wenn sie das möchte und wo überhaupt das Problem sei, sie höre ja nebenher zu!

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Zuhören, sage ich dann, ist das nicht. Nennt mich altmodisch, aber während eines Gesprächs zu tindern ist schlimmer als Nasebohren. Ist schlimmer als die besorgte WhatsApp-Nachricht zu beantworten, ob man gut angekommen sei. Es zeigt deinem Gegenüber, dass du nicht mal einen Abend deiner wertvollen Zeit opfern kannst, um nicht auf Männerfang zu gehen. In einem Land, in dem du gar nicht wohnst.

Außerdem: Wer hat mich gefragt, ob ich überhaupt Teil deines Liebeslebens sein möchte?

Wer in einem Zweiergespräch tindert, bringt einen unerwünschten Dritten mit an den Tisch, der schon morgen irrelevant sein könnte. Und auch wenn das für viele unvorstellbar klingt: Es gibt Gesprächsthemen abseits der Körpergröße und Muttersprache deines neuen Top-Matches.

Es ist für eine funktionierende Freundschaft nämlich nicht egal, wenn das eigene Liebesleben in jedem Moment des menschlichen Daseins über die Freundschaft gestellt wird, die im Gegensatz zu den möglichen Männergeschichten seit Jahren existieren.

Es macht mich krank, den immer wieder durch Tinder hervorgerufenen Kreislauf des Datings unfreiwillig kommentieren zu müssen. Schließlich sorgen schon alleine die technischen Möglichkeiten dafür, dass der Prozess relativ standardisiert abläuft: Zwei Menschen matchen, schreiben sich wertlose Nachrichten in unregelmäßigen zeitlichen Abständen und treffen sich. Boom!

I don’t want no Tinderella

Vielleicht hilft es, sich Folgendes einzugestehen und mit seinen Freundinnen zu teilen, wenn man nicht vorhat, diese zu entsorgen: Niemand tindert "zum Spaß". Genauso wenig, wie man “zufällig” in jemandes Nähe ist. Das eigene Liebesleben ist ein wichtiger Bestandteil des Daseins, ganz klar. Niemand sollte dafür verurteilt werden, auf der Suche zu sein. Aber fremde Menschen nach ihrem Äußeren zu bewerten, während man andere gelangweilt auf der Couch zurücklässt: Ist kein Spaß. Für niemanden.