Fühlen

Für 700 Euro im Taxi durch den Sturm – mit einem AfD-Wähler

06.10.2017, 17:53 · Aktualisiert: 08.10.2017, 11:52

Wenn ich nur wüsste, wo zur Hölle wir sind. Es schüttet, draußen tiefschwarze Nacht. Drinnen, im Auto, zischt Mehmet sich eine Dose Energy und dreht die Heizung hoch. Es riecht nach Feiern und Saufen und Kotze.

Mehmet unterdrückt einen Rülpser und sagt: "Also Leute. Was is' so falsch daran, dass ich AfD gewählt hab?"

Da sitze ich also. In einem Taxi von Dortmund nach Hamburg. Mit ein paar Fremden und ihrem Gepäck.

Kerstin, blond, Hornbrille, Marketingmanagerin, lebt in Altona.

Lukas, dunkles Haar und Holzperlenkette, kommt aus Aachen, macht was mit Häusern und Wärmedämmung und will seine Schwester besuchen. 

Mojo, Regenjacke und Kappe, versteht kein Deutsch und kaum Englisch, sagt drei Sätze: "I am Mojo. Here since three months, from Africa. I want to go to Pauli."

Und Mehmet. Der Fahrer.

Bis auf unser gemeinsames Ziel verbindet uns nichts. Wir sitzen in diesem Wagen, weil es in Norddeutschland einen Sturm gibt, der die Bahn zu großen Teilen lahm gelegt hat. 

Den ganzen Abend hatten wir in Dortmund gewartet und hasserfüllt auf die Anzeige gestarrt. 350, 480, 29838 Minuten Verspätung. Bis, nach vielen Stunden, ein Mensch in Bahn-Uniform vorbei kam und "Taxigutscheine, hier" schrie. 

Wir fünf trafen uns zufällig am Taxisteig, als wollte jemand ein Bild dieses neuen Deutschlands zusammensetzen, das noch nicht so ganz weiß, wie es mit sich umgehen soll: die selbstbestimmten Frauen, der Ingenieur, die Einwanderer. Die Neuen und die Alten. 

Bevor Mehmet den Motor startet, dreht er sich zu uns um. "Bin Mehmet. Wollt heut pennen. Aber krieg 700 Euro von der Bahn für das hier." Wir gucken verblüfft, er freut sich noch mehr.

Es geht los, und als Mehmet sein Taxi über den Beschleunigsstreifen jagt, fühlt sich das ein bisschen nach Verreisen an.  

Links schreibt Kerstin ihrer WhatsApp-Gruppe, dass ihr sicher niemand glaubt, wo sie sich befindet, nach all der scheiß Warterei. Vorne kramt Lukas Lakritz aus dem Rucksack. Mojo, rechts, checkt Fußballergebnisse.

Nun herrscht dezent unangenehmes Schweigen

Wie lässt sich in einer Nacht, die gerade erst begonnen hat, ein Gespräch anfangen? Was sollen Fremde reden, die so eng auf der Rückbank eines Autos sitzen, dass sich ihre Oberschenkel berühren? 

Das Auto vor der Abfahrt (Bild: Nike Laurenz / bento)

Mehmet, der Fahrer, fängt an.

Er ist Iraner. Seit 37 Jahren in Deutschland, er hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Mehmet kam mit einem Traum: "Gutes Geld machen für gute Arbeit", er zeigt auf sein Lenkrad. 

Doch dann ließ die Frau ihn sitzen. "Verarscht und weg", sagt er. Nachdem sie sich jahrelang ein Leben aufgebaut hatten in Dortmund. "Ich bin ein stolzer Kerl. Aber da war ich ausnahmsweise mal enttäuscht." 

Das Geld, das Mehmet noch übrig hatte, gab er für den erwachsenen Sohn aus. Er bekam einen schönen Mercedes. 

Mehmet spricht schnell und wird lauter, wenn es um seine Heimat geht. Um die Familie, die noch dort lebt, und wie sehr ihm der Safran fehlt. Dann erzählt er von seinem Lieblingsurlaub, zehn Tage Kanada. Als Kerstin lacht, sagt Mehmet: "Fröhliches Lachen im Auto. Das ist die beste Fahrt der Woche."

Während der Regen aufs Taxidach klatscht, als entleerte jemand Wassereimer darüber, redet Mehmet weiter. Jetzt geht es um Ausländer.

"Ich bin ja selbst einer", sagt er. Aber so langsam kotze es ihn an, dass manche Ausländer Scheiße bauten. "Ihr Deutschen seid viel zu nett zu uns." Und dann erzählt er, warum er die AfD gewählt hat.

"Ihr wisst nicht, wie viele Ausländer richtig kriminell sind und hier nicht hingehören. Die kommen und sagen: 'Ich will gutes Geld, aber keine gute Arbeit machen'". 

Wir fragen ihn, wie er darauf kommt, dass es so viele seien, und ob ihm bewusst ist, dass es auch viele Deutsche gibt, die kriminell sind. Kerstin will wissen, ob Mehmet das Gefühl hat, dass sein Leben durch die Anwesenheit anderer Ausländer schlechter wird.

"Nein", antwortet er. 

"Eben", sagt Kerstin. 

Mehmet: "Aber ich hab Angst, dass es so kommt."

Zu dritt erzählen wir ihm vom Parteiprogramm der AfD. Am Ende fragt Mehmet ungläubig: "Die wollen keine Schwulenhochzeit? Die wollen null Flüchtlinge? Nicht einen? Was ist ihr Problem?"

Jetzt fühlt sich die Fahrt ein bisschen an wie das politische Deutschland der vergangenen Monate. Drei Menschen, die eher einer Meinung sind, reden auf den ein, der die AfD wählt. Es geht vor allem um ihren Umgang mit Flüchtlingen – aber der, der aus Afrika kommt, sitzt daneben und versteht kein Wort. 

Mojo schaut aus dem Fenster, ein durchweichtes Ahornblatt klebt an der Scheibe.

Für einige Zeit spricht niemand. Da keiner sich kennt, ist es schwierig zu sagen, was die Leute hier denken. Wie leidenschaftlich Lukas gerade davon gesprochen hat, dass er sich eine Welt ohne Grenzen wünscht. Und wie höflich Kerstin sagte: "Diese Idee klingt interessant."

Menschen sollten öfter in einem Taxi sitzen, aus dem sie so schnell nicht rauskönnen, denke ich.

Wir dösen ein und wachen auf, als Lukas Mehmet fragt, ob er ihn am Steuer ablösen soll. Mehmet fährt jetzt seit vier Stunden, ständig muss er wegen des Starkregens vom Gas. Wir halten an einem Rastplatz, drehen für fünf Minuten alle Fenster runter und teilen uns Lukas' Lakritze.

Kurz vor dem Elbtunnel fängt Mehmet wieder mit der AfD an. "Ich kann ja nächstes Mal was lesen, bevor ich wählen geh", sagt er. "Es muss ja nich' immer AfD sein."

Wir lachen, aber das war kein Witz. "Ich bin Iraner, aber ich hab nichts gegen Schwule", sagt Mehmet ernst. Lukas blinzelt mich an, sein Blick sagt: "Haben wir gut gemacht." 

Als wir die Autobahn verlassen, lässt der Regen nach. "Is here Pauli?", fragt Mojo. Wir hätten ihn mehr fragen sollen, denke ich. Wie fühlten sich diese Stunden für ihn an, Stunden, nach denen alle irgendwo ankommen, nur Mojo nicht?

Hamburgs Lichter brennen in den Augen. Jetzt wäre es an der Zeit, erleichtert zu sein, weil die Fahrt rum ist. "Ich penn jetzt an der Tanke", sagt Mehmet. 

Mojo, Kerstin und Lukas steigen nacheinander aus. Als sie in die Nacht verschwinden, würde ich sie am liebsten bitten, zu bleiben. Weiterfahren. Mehr erfahren. Ich bin hellwach. 

Die Namen der Mitfahrenden und des Taxifahrers wurden von der Redaktion geändert.

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