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Fühlen

Warum Judith ihr Kind bekam, obwohl sie wusste, dass es nicht lange leben würde

14.09.2017, 11:21 · Aktualisiert: 14.09.2017, 11:42

Das Ultraschallgerät drückt in ihren Bauch, direkt gegen den Kopf ihres Kindes. Immer wieder. Ein zweiter Arzt wird hinzugerufen. Sie tuscheln. Judith weiß, dass das kein gutes Zeichen ist. Sie zwingt sich, ruhig zu bleiben.

Judith und ihr Mann Flo sind bei der Pränataldiagnostik, so hatte es der Frauenarzt empfohlen.

Im fünften Monat gab es die ersten Anzeichen für Probleme: Zu viel Gehirnwasser im Kopf ihres Ungeborenen.

Kurz vor diesem Termin im März klopft das Baby noch ordentlich gegen den Bauch. "So als ob es sagen wollte: Hey, es ist alles super", sagt Judith.

Und plötzlich ist gar nichts mehr super. Die Ärzte wenden sich ihnen wieder zu: "Das Kind hat zu viel Wasser im Kopf. Wir haben drei Herzfehler gefunden. Das Verhältnis von Rumpf und Kopf stimmt nicht. Es sieht aus wie Trisomie 18."

Trisomie 18 ist eine Krankheit, bei der das Erbgut stark verändert ist. Eine, die schwere Behinderungen auslöst, die das Leben in vielen Fällen unmöglich machen. Die meisten Kinder sterben noch vor der Geburt, die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 2,5 bis 14,5 Tage.

Der Arzt sagt: "Die meisten Frauen treiben ab."

Es ist mir egal, was die meisten Frauen machen.
Judith

Sie will die Ärzte von ihrem Bauch wegschubsen. "Krümel", hatten sie ihr Baby zuvor genannt. Von nun an nennt sie es Levi. Levi, das bedeutet Kämpfer.

An einem Tag im August  sitzen Judith (32) und Flo (35) in der Hebammenpraxis von Jaenette Harazin in Hamburg. Jaenette ist spezialisiert auf Frauen, die ihr Kind verloren haben. Verwaiste Mütter nennt man sie. 

Sie selbst verlor vor acht Jahren ihren Sohn. Sie sitzen auf einer Couch, an den Wänden hängt roter Tüll, eine Lampe spendet schummeriges Licht. In einem anderen Raum kleben Pappsterne an einer Wand. Jedes erinnert an ein verstorbenes Kind. 

(Bild: bento)

Judith und Flo wollen über ihr Kind sprechen. Das Kind, mit dem ihnen am Ende nur drei Tage blieben. 

Sie wollen aufklären: Über Trisomie 18 und über den Wert einer Schwangerschaft, an deren Ende nicht das Leben, sondern der Tod steht.

Trisomie 18

Trisomie 18 ist eine Krankheit, bei der das Erbgut stark verändert ist. Sie tritt bei einer von 6000 Lebendgeburten auf. Beim sogenannten Edwards-Syndrom kommt das 18. Chromosom dreimal statt zweimal vor. Damit ähnelt die Trisomie 18 stark der Trisomie 21, besser bekannt als Down-Syndrom. 

Die  Lebenserwartung ist stark begrenzt: Nur fünf Prozent der Kinder, die unter Trisomie 18 leiden, werden lebend geboren (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung). 

 In der Regel leben die Kinder nur einige Tage (durchschnittlich 2,5 bis 14). 

Nur fünf Prozent überleben das erste Lebensjahr (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung). 

In Deutschland starben 1352 Kinder im Jahr 2015 in den ersten sieben Tagen ihres Lebens. 

Die meisten Frauen entscheiden sich für einen Schwangerschaftsabbruch – Zahlen gibt es dazu nicht (Tagesspiegel). 

Sie sind ein starkes Paar, Judith und Flo, sie lassen einander aussprechen und wenn sich im Gespräch bei einem der Hals verengt und die Tränen kommen, streichelt der eine dem anderen kurz über den Arm.

Die beiden haben sich 2011 während des Oktoberfest in einem Club in München kennengelernt. Er, mit der ruhigen Art, sie mit der herzlichen, lauten Lache. Judith war aus Berlin angereist und Flo aus Hamburg, beide feiern mit Freunden.

An der Bar wollen Flos Freunde ihr einen Drink ausgeben. "Das trinke ich nicht", sagt sie. Flo gefällt ihr trotzdem.

Auf der Tanzfläche sagt sie zu ihm: "Warum tanzt du nicht intensiver mit mir, entweder bist du schwul oder vergeben." Sie gehen an den Rand der Tanzfläche. Reden, lachen. Und Berlin-Hamburg, das ist doch gar nicht so weit, denken sie sich.

Drei Wochen später kommt Judith nach Hamburg. Flo zeigt ihr den Hafen, sie trinken ein Bier in der Strandperle.

Nach dem dritten Treffen stellt Flo Judith als seine Freundin vor. Nach einem Jahr zieht sie nach Hamburg. Zweizimmerwohnung im Rotklinker. 

2015 heiraten sie. 

Zwei Jahre versuchen sie, ein Kind zu zeugen. Warum Judith nicht schwanger wird, bleibt unklar. Eine künstliche Befruchtung geht schief.

Dann klappt es doch noch. Ganz natürlich. Judith hat Bauchkrämpfe. Sie schnappt sich einen Schwangerschaftstest, aus dem 10er-Pack, das sie bei Ebay bestellt hat, und schleicht sich in das Badezimmer.

Der Test ist positiv. Sie weckt Flo und wedelt mit dem Test vor seinem Gesicht. Die beiden heulen. Sind glücklich. Endlich! 

Es ist der 27. November 2016, genau ein Jahr nach ihrer Hochzeit.

Sie entscheiden sich gegen Vorsorgeuntersuchungen, die bestimmen können, ob das Kind krank ist. Wie die meisten werdenden Eltern überlegen sie hin und her. Bis Flo sagt:

"Ach, selbst wenn das Kind behindert ist, das ist doch nicht schlimm."

Sie lesen ihrem Ungeborenen vor: "Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe?" Judith hält eine Schäfchenspieluhr gegen ihren Bauch. Sie singt für ihr Kind, das kann sie gut. 

Und dann kommt der Tag im März.

Es ist der Tag der schlimmen Nachricht: Nach dem Termin fahren sie nach Hause. "Wir waren wie im Tunnel", sagt Flo. "Zum Glück sind wir mit der Bahn gefahren." Eine Haltestelle vor der, an der sie immer aussteigen müssen, stellt sich Judith vor, wie sie ihr totes Kind in die Arme ihrer Eltern legt. Sie bricht zusammen, ihr Weinen erschüttert ihren Körper. Sie steigen aus, gehen den Rest zu Fuß.

Eine Untersuchung des Fruchtwassers bestätigt die Diagnose: Levi hat Trisomie 18. 

Er wird wahrscheinlich noch im Bauch sterben, oder kurz nach der Geburt.

"Ganz, ganz wenige schaffen es ins Kleinkindalter", sagt Flo. Ihnen ist klar:

Wir werden kein Kind haben, dass bei uns aufwächst.
Flo

Wenn Judith die Trauer richtig trifft, dann wird sie lethargisch. Flo sagt: "Komm, wir gehen raus." Die beiden gehen Fahrradfahren. Nach Wedel zu den Schafen auf dem Deich. Raus aus der Stadt. 

Ein Gedanke setzt sich bei Judith fest: Was, wenn wir das Kind trotzdem bekommen? Ganz egal, ob es danach ein paar Minuten oder ein paar Tage lebt?

Ein Arzt bestärkt sie darin: "Die Bauchzeit ist die schönste Zeit die sie dem Kind machen können. Es ist das schönste Geschenk. Er hat es warm und ist geschützt", sagt er.

Endlich einer, der versteht, dass sie sich schon jetzt als Mutter fühlt, egal was noch kommt.

Flo wundert sich über ihre positive Einstellung. Für ihn ist alles schrecklich.

Aber für sie ist klar: 

Levi soll entscheiden. Ich will nicht, dass er stirbt weil ich das Go gegeben habe.

Also lassen sie es passieren. Zunächst zieht Flo sich zurück. Er will die Bindung zum Kind nicht zu groß werden lassen. Streichelt ihren Bauch nicht mehr. Judith gibt ihm die Zeit. Aber sie sagt auch: "Ich will es dir nicht übelnehmen, aber ich kann nicht für alle stark sein."

Und trotzdem respektieren sie sich. 

Einer funktioniert, einer weint.

Auch bei Flo legt sich dann der Schalter um: "Das ist jetzt unsere Zeit mit dem Kind. Mehr Zeit haben wir nicht. Die müssen wir nutzen", sagt er.

Sie streicheln den Bauch. Eine Freundin bemalt ihn mit bunter Farbe, sie machen Fotos. Ihre Eltern schenken ihnen ein Gipsset, damit sie einen Abdruck von Händen und Füßen machen können, wenn das Kind geboren ist.


Das war so schön, dass andere überlegt haben, was können wir für die machen? Wie können wir die Schwangerschaft intensivieren?

Hier sind Tipps von Hebamme Jeanette Harazin, wie du dich als Freund verhalten kannst: 

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Judith hält jeden Moment in ihrem Tagebuch fest. Sie macht kein Geheimnis aus der Trisomie, erzählt es ihren Freunden und Kollegen. "Wie kannst du so viel Kraft haben?" wird sie gefragt. "Aber wieso? Levi gibt mir Kraft", sagt sie. Und auch: "Ich habe eine tolle Schwangerschaft."

Auch, weil sie und Flo als Paar so stark sind. "Wir hatten viele Kraftquellen", sagt sie.

"Wir haben das Positive gesehen", sagt er.  

 All das hilft ihnen, mit dem Schmerz klarzukommen.

Im Juni hat Judith  einen Blasensprung. 32. Woche. Das sind acht Wochen zu früh. Alle kommen. Ihre Eltern, seine Eltern, Freunde, Flo bricht eine Geschäftsreise in den USA ab. 

Aber die Wehen kommen nicht.

Sie bauen eine Einschlafkiste für Levi, gemeinsam mit Judiths Papa. Sie malen das Meer. Weite und Hoffnung. 

Eine Pastorin hatte ihnen dazu geraten: "Alles, was sie selber für ihr Kind machen, hilft in der Trauer."

Ihre Hebamme Jeanette sagt: Mach ein Abschiedsritual. Vielleicht klammerst du an Levi.

Judith sagt: 

Levi, es ist okay, wenn du jetzt gehen willst.

Aber Levi will nicht gehen.

Drei Wochen lang bleibt er noch bei Judith und Flo. Sie gehen tanzen, sie feiern zweimal auf Hochzeiten. Sie gehen essen. 

Sie machen nochmal Fotos, mit einer Fotografin.

Sie stecken so viel Leben wie möglich in diese letzte Zeit. 

Alle zwei Tage gehen sie zum Arzt. Immer wieder müssen sie sehen, ob Levi noch lebt.

Auf das Sterben warten, das war schlimm, sagen sie.

Am 3. Juli wird die Geburt eingeleitet. Ärzte und Freunde raten ihr dazu, es könnte sonst zu einer Infektion bei Judith kommen.  

Am Donnerstag, den 6. Juli 2017 kommt Levi zur Welt. 1380 Gramm, 38 Zentimeter.

Levi liegt noch in seiner Fruchthülle, in der Position eines Klappmessers. Er muss rausgeschält werden. 

"Er ist eingeschlafen", sagt die Hebamme behutsam.

Sie wissen nicht, wann Levi eingeschlafen ist. Bei der Geburt wurden die Herztöne nicht überwacht. 

"Endlich keine Wehen mehr, endlich keine Schmerzen mehr und endlich ist er da", denkt sich Judith trotzdem. Und auch Flo sagt: "In diesen Stunden der Geburt spielte die Trisomie keine Rolle."

Eine Pastorin kommt und tauft Levi. Er wird für die Sternenfotografin gebadet.

Sternenfotografen

Kinder, die tot geboren werden, werden Sternenkinder genannt. Es gibt seit 2013 die Initiative "Dein Sternenkind". Hier arbeiten knapp 600 Fotografen ehrenamtlich. Wenn sie gerufen werden, dann kommen sie ins Krankenhaus, um die Sternenkinder, oder auch Kinder, die bald sterben werden, zu fotografieren. Es geht darum, die Eltern in ihrer Trauer zu unterstützen und ihnen eine greifbare Erinnerung zu schenken. 

Judiths Eltern kommen in den Kreißsaal, später kommen Flos Eltern dazu. Sie halten ihr Enkelkind und nehmen Abschied.

"Im Trubel der Großstadt bist du still geboren", schreibt Judiths Papa später in ein Album für sein Enkelkind. 

(Bild: Privat)

Zwei Nächte lang bleiben die beiden bei Levi.

Wenn Judith morgens aufwacht, geht sie auf den Krankenhausflur und sagt: "Ich will meinen Levi haben." Dann legt sie sich zurück ins Bett. Sie kuscheln miteinander. Nachts kommt er in die Kühlung.  

Von außen mag das makaber wirken, aber: "Wir haben das Sterben verlernt. Wir wollen den Tod immer ausschließen, von uns fernhalten", sagt Jeanette die Hebamme, "Aber dieser Abschied ist wichtig für die Eltern."

Wir hatten keine Berührungsängste. Es ist doch unser Kind.
Judith

Und die Ärzte unterstützen sie in ihrem Wunsch: "Sie bleiben so lange wie sie das brauchen. Sie holen Levi, wie sie mögen", sagen sie. 

Samstagnachmittag verlassen Judith und Flo das Krankenhaus. Levi bleibt da.

"Sonntag war Bombenwetter, wie ein Geschenk von Levi", sagt Judith.

Am Montag ist es trübe. Sie fahren ins Krankenhaus. Judith zieht Levi eine Windel an, damit er etwas kräftiger wirkt. Sie packen Fotos und seine Spieluhr in die Kiste. Wenn man sie aufzieht, ertönt ein altbekanntes Lied:

"Guten Abend, gute Nacht (...).

Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt."

 

Im Trauerraum im Krankenhaus flackert auf dem Altar eine Kerze. 

Sie verabschieden sich von ihrem Kind. 

Legen Levi in die Kiste.  Die Pastorin hält eine berührende Ansprache. 

Ein paar Tage später trifft Judith die Trauer, wie bisher noch nicht. Sie weint eine Stunde lang, ihr tut alles weh: "Ich geh durch die Hölle. Ich mache alles, ich brauche mein Baby zurück", sagt sie zu ihrer Mutter am Telefon.

Judith weint immer noch. Immer mal wieder. Aber wenn sie jetzt weint, sagt sie, dann ist es befreiend. Sie geht zum Sternenyoga, trifft hier andere Mütter, mit denen sie sich austauscht.

Auch deshalb hat sie sich entschieden, ihre Geschichte zu erzählen. Weil sie aufklären will. 

Ich möchte Müttern Mut machen und sagen, dass jeder Tag der Schwangerschaft ein Geschenk ist. Etwas Besonderes. Und ich möchte nicht, dass es ein Tabuthema ist. Ich will das nicht totschweigen. Ich bin stolz auf unseren Kleinen und ich möchte mich nicht verstecken.
Judith

Manchmal, wenn Judith durch die Schnuller und Babybrei-Reihen in der Drogerie läuft, denkt sie: "Auch ich müsste jetzt ein Baby vor mir halten. Ich bin auch eine Mama, ich kann es nur nicht zeigen. Keiner kann es sehen."  Der Gedanke quält sie. 

Am meisten Angst haben Judith und Flo davor, dass ihr Kind vergessen wird. 

Sie haben ihr Tagebuch, unzählige Fotos. Schnappschüsse und Professionelle von Fotoshootings. Aber ist das genug?

Was bleibt, wenn man sein Kind nicht mit nach Hause nehmen kann? 

"Die Liebe bleibt", sagt Judith.


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Stan Lee sagt, dass die X-Men und Fantastic Four zu Marvel zurückkommen

14.09.2017, 10:47

Deadpool vs. Avengers? Ja, bitte!

Der Verlag Marvel hat uns einige der beliebtesten Superhelden der Comic-Geschichte beschert: von Iron Man über Wolverine bis zur Unsichtbaren Frau. Seit 2008 führt Marvel seine Helden auch im Marvel Cinematic Universe (MCU) zusammen. In Einzel- und Teamfilmen treffen die Helden aufeinander, von "Thor" über "Captain America" bis hin zu den "Avengers". 

Allerdings: Nicht alle Helden dürfen mitmischen. Marvel hatte zuvor die Rechte an den "X-Men" und den "Fantastic Four" abgegeben. Viele Superhelden des Verlags dürfen also in den Filmen des Verlags nicht dabei sein. Lange war das auch mit "Spiderman" so, erst durch einen Deal mit Rechteinhaber Sony durfte dieser dann doch im Universum der "Avengers" herumspringen.

Nun sagt Comic-Legende Stan Lee: "Früher oder später bekommt Marvel die Rechte aller Charaktere zurück."