Fühlen

Eine 22-jährige Studentin lässt sich sterilisieren – Warum?

19.06.2017, 14:38 · Aktualisiert: 19.06.2017, 16:57

Die wenigsten wissen mit Anfang 20 schon, wie ihr Leben später mal aussehen soll. Ob sie lieber in einer Dreizimmerwohnung in der Stadt oder in einem Reihenhäuschen im Vorort wohnen möchten. Ob und wann sie Kinder wollen – und wieviele. 

Nina hat zumindest diese Entscheidung schon getroffen. Sie heißt eigentlich anders, ist 22 Jahre alt und lebt und studiert in München. Mitte Mai ließ sie sich sterilisieren.

Wieso entscheidet sich eine so junge Frau dafür, niemals Kinder zu bekommen? Wir haben mit Nina gesprochen:

Wie kommt man mit 22 Jahren auf die Idee, sich sterilisieren zu lassen?

Als ich 12 Jahre alt war, habe ich in einem Aufklärungsbuch über Verhütung gelesen. Kondome wurden dort erklärt, die Pille, das Übliche – und Sterilisation. Da stand: Das ist permanent, sicher und nebenwirkungsfrei – wird aber normalerweise nur bei Frauen ab 35 durchgeführt, die bereits Kinder haben. Und da dachte ich: Wie ärgerlich.

Du wolltest dich also mit zwölf Jahren schon sterilisieren lassen?

Nein. Es war mehr so ein Gefühl: Dass es mich betrifft. Als hätte ich gespürt, dass diese Info für mich relevant sein könnte.

Wie kannst du dir so sicher sein, keine Kinder zu wollen?

Ich möchte vor allem nicht schwanger werden. Für manche ist diese Vorstellung vielleicht schön, aber mich gruselt sie eher: Als würde mir ein Alien im Bauch wachsen. Ich bin da so ein bisschen tokophobisch – das bedeutet ich habe Angst vor Schwangerschaft und Geburt.

Ich habe aber auch kein Bedürfnis nach Kindern, sie passen nicht unbedingt in meinen Lebensplan. Kinder kriegen ist in meinen Augen auch nicht grundsätzlich etwas Gutes. Es ist etwas Gutes, wenn man sich darum kümmert und ein netter und vernünftiger Mensch daraus wird. Aber das ist viel Arbeit und ich würde meine Arbeit lieber in andere Dinge stecken, um die Welt besser zu machen.

Was schwebt dir vor? 

Ich glaube, dass Bildung super wichtig ist. Ich studiere Informatik und Philosophie und könnte mir vorstellen, in die Hochschullehre zu gehen. Informatik und Mathe lehren ist zwar vielleicht nicht so politisch relevant, aber ich glaube, dass es gut ist, wenn man logisch denken und argumentieren lernt.

Die Vorstellung, schwanger zu sein, gruselt mich.

Hast du keine Angst davor, dass sich deine Bedürfnisse mit dem Alter ändern?

Grundsätzlich verstehe ich diese Haltung zum Alter nur bedingt: Wenn eine Frau mit 22 Jahren sagt, sie wolle sicher Kinder, hat niemand Einwände. Das kann sich doch auch ändern. 

Sollte ich allerdings in die Situation kommen, wird es an der Sterilisation nicht scheitern. Den Eingriff kann man unter Umständen sogar rückgängig machen. Außerdem ist meine Gebärmutter ja noch Intakt, ich kann also auch versuchen, mich künstlich befruchten zu lassen – oder Kinder zu adoptieren.

(Bild: Lana Petersen)

Mit herkömmlichen Verhütungsmitteln kann man sich ganz einfach umentscheiden. Kam das für dich nicht in Frage?

Doch, klar. Mit 16 habe ich angefangen die Pille zu nehmen, auch weil ich so starke Regelschmerzen hatte. Von der Pille habe ich dann aber heftige Kopfschmerzen bekommen. Deswegen bin ich auf den Nuvaring umgestiegen. Den habe ich vier Jahre lang genommen. In der Zeit wurde ich depressiv: Ich kam kaum aus dem Bett, war oft verzweifelt, traurig, kraftlos. Als mein Studium anfing, konnte ich mich kaum darauf konzentrieren, hatte am Anfang keine Freunde.

Glaubst du, das hing mit den Hormonen zusammen?

Lange Zeit bin ich da nicht draufgekommen. Ich habe zwei Therapien gemacht, war bei zwei verschiedenen Therapeuten. Sie haben mich alles Mögliche gefragt, aber nie, ob ich Hormone nehme. Irgendwann habe ich meiner Frauenärztin davon erzählt und sie meinte, es kann auch davon kommen. Als Alternative hat sie mir dann die Hormonspirale empfohlen: Die Hormondosis sollte nochmal geringer sein, die Wirkung lokaler und sie soll keine depressiven Verstimmungen hervorrufen. 

Aber nach dem Einsetzen hatte ich wochenlang unerträgliche Schmerzen. Irgendwann habe ich sogar opiatähnliche Schmerzmittel genommen. Einen Monat später musste sie entfernt werden, weil sie verrutscht war und zu tief saß – 500 Euro und ein weiterer Monat meines Lebens für nichts.

Macht hormonelle Verhütung depressiv?

Dass die Pille, der Nuvaring oder die Spirale jede Menge Nebenwirkungen haben kann, ist unstrittig: Schon auf dem Beipackzettel ist von "Stimmungsschwankungen" ist die Rede, von einer "Minderung der Libido" oder "depressiven Verstimmungen."

Wie groß aber ist das Risiko, an Depressionen zu erkranken, wirklich?

Forscher der Universität Kopenhagen veröffentlichten 2016 eine Studie, aus der hervorgeht, dass durch hormonelle Verhütung die Wahrscheinlichkeit zunimmt, später Antidepressiva verschrieben zu bekommen. Für die Untersuchung griffen die Forscher auf Daten des dänischen Patientenregisters von über einer Million Frauen und Mädchen im Alter von 15 bis 34 Jahre zurück, die keine psychologischen Vorerkrankungen aufwiesen. Insgesamt bekam jede 200. Frau Antidepressiva verschrieben. Bei Frauen, die hormonell verhüteten, waren es rund 0,5 Prozent mehr. (JAMA Psychiatry)

Die Korrelation nimmt laut Studie mit dem Alter ab. Aber auch die Hormonspirale, die Frauen eher später eingesetzt wird, steht seit einiger Zeit unter Verdacht. (DER SPIEGEL)

Was ging in diesem Moment in dir vor?

Mir war klar, dass ich mit Hormonen fertig bin. Ich glaube, sie sind schuld daran, dass ich mein Studium nicht in Regelzeit fertigbekomme, dass ich am Anfang keine Freunde hatte. Sie haben mir zwei Jahre meines Lebens genommen, die kriege ich nie wieder.

War das der Moment, in dem du wieder an Sterilisation gedacht hast?

Nicht direkt. Ich habe dann noch mit einem Caya-Diaphragma herumhantiert. Aber das Ding wollte einfach nicht richtig sitzen. Dann habe ich noch mit natürlicher Verhütung angefangen: Mit einer zertifizierten App, mit Temperaturmessen und so weiter. Aber auch das war mir zu ungenau: Meine App sagte beispielsweise, mein Eisprung sei vorbei. Aber meine Frauenärztin sagte, ich sei kurz davor. 

Was ist mit Kondomen?

Kondome habe ich sowieso meistens verwendet, auch wegen Krankheiten. Aber nur Kondome, ohne zusätzlichen Schutz – das hat mich wahnsinnig gestresst. Wo befindet es sich gerade, wer hat es zuletzt gesehen, angefasst? Das war mir und auch meinem damaligen Freund irgendwann einfach zu blöd.

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Wie hat dein Umfeld auf deine Entscheidung reagiert? 

Meine Eltern haben mich am Anfang nicht ernst genommen. Sie dachten glaube ich, das geht vorbei. Und als es ernster wurde, dass der Chriurg mir sagt, ich solle warten. Aber sie sind auch rational denkende Menschen. Mein Vater ist selbst Arzt, meine Mutter hat lange als Krankenschwester gearbeitet. Als ich ihnen erklärt habe, warum ich das mache und welche Möglichkeiten es trotzdem gibt, haben sie meine Entscheidung akzeptiert.

Meine engen Freunde haben sich für mich gefreut, weil sie mitbekommen haben, was ich alles durchgemacht habe und wie es mir ging. Ich war ja irgendwann wirklich an diesem Punkt, an dem ich entscheiden musste: 

Sexualität oder Depression.

Was ist mit Partnern: Ist das Thema in einer Beziehung schon mal aufgekommen?

Ich hatte zwei längere Beziehungen. In beiden habe ich darüber gesprochen. Mein erster Freund, da waren wir beide 19, war prinzipiell sogar selbst an einer Vasektomie interessiert. Ich habe damals noch hormonell mit dem Nuvaring verhütet und die Probleme mit der Depression haben mich letztlich dazu gebracht, die Beziehung zu beenden. Er hätte mich wahrscheinlich high-fivend aus der Klinik abgeholt, wenn wir noch zusammen wären.

Der andere hatte eine ganz andere Einstellung als ich. Er hat zwar miterlebt, wie sehr mich das Thema Verhütung belastet hat und war mit gegenüber immer sehr empathisch. Aber die Vorstellung, dass ich den Eingriff durchführen lasse, fand er schrecklich – weil ich das ja ungeheuer bereuen könnte. Ich habe ihn dann immer gefragt, welche bessere Alternative er sähe, und er konnte mir nichts dazu sagen.

Wie hast du dich kurz vor der OP gefühlt? Bist du alleine ins Krankenhaus?

Ich hatte schon ziemlich Angst, weil es meine erste OP war und dann auch noch unter Vollnarkose. Und ich habe natürlich alles gegoogelt, was passieren kann und mir Youtube-Videos angeschaut. Aber ich wollte es ja auch, also habe ich das ausgehalten.

Meine Mutter hat mich begleitet. Eigentlich wäre ich auch gern alleine gegangen, aber ich dachte: Das wäre doch auch ein tolles Mutter-Tochter-Ding – auch weil ich es so toll fand, dass sie mich unterstützt. Deswegen habe ich sie gefragt.

Was ist mit den Depressionen: Hast du sie überwunden? 

Weitgehend. Ich glaube, solche Phasen relativ schwerer Depressionen gehen nicht spurlos an einem vorüber. Ich habe immer noch hin und wieder diese Momente, in denen ich denke, dass alles keinen Sinn hat, niemand mich mag, und ich einfach im Bett bleiben sollte. Solche Denkmuster gewöhnt man sich irgendwie an, wie etwas, das man ein Jahr lang jeden Tag gemacht hat. 

Allerdings kann ich mich jetzt dagegen wehren, indem ich es kontextualisiere, und mich entscheide, anders zu handeln. So gesehen bin ich also vielleicht noch in "Recovery", ich habe ja auch erst vor etwa einem Jahr aufgehört, Hormone zu nehmen. Aber ich merke auch, dass es besser wird.

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Du hast eine Woche nach der OP einen Thread auf Reddit aufgemacht, in dem dir Nutzer Fragen zum Eingriff stellen können. War das eine Form der Verarbeitung?

Nein. Den Thread habe ich aufgemacht, weil ich das vor meiner OP selbst gegoogelt hatte und im deutschsprachigen Raum absolut keine nützlichen Informationen finden konnte. Ich wollte wissen: Gibt es jemanden, der sowas macht? Wie geht’s den Leuten danach? Man findet nichts, außer vielleicht in den USA. Mir liegt etwas daran, hier aufzuklären.

Wie waren die Reaktionen?

Die meisten waren sehr nett. Es gibt natürlich immer Trolle. Was ich schräg fand: Einer fragte, wann ich das denn einem Partner sagen würde. Er fände die Vorstellung ganz schlimm, wenn eine Frau, die er liebt, keine Kinder kriegen könnte. Ich habe ihm geantwortet, dass Freunde sowieso wissen, dass ich keine Kinder will, ob das nicht reiche. Und er meinte: Nein, das ist was anderes. Das klingt nach: Solange eine Frau nur sagt, dass sie keine Kinder will, muss man sie nicht ernst nehmen.

Was ist Mythos, was ist wahr? Unsere Vögelkunde erklärt's:

Annika Eliane Krause
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Ist die Vorstellung, dass eine Frau keine Kinder will, in unserer Gesellschaft ein Tabu?      

Ich glaube schon. Das hat sicher auch mit einem bestimmten Frauenbild zu tun: Dass jede Frau schon von Natur aus irgendwann Kinder will. Das halte ich für falsch. Aber wenn man das oft genug wiederholt, denkt man vielleicht, dass es so sein muss.

Deine Situation ist sehr individuell und du hast dich offenbar lange mit dem Thema beschäftigt. Würdest du anderen dazu raten?

Nein. Eine meiner Freundinnen hat mit 24 Thrombose bekommen, darf keine Hormone nehmen, braucht Blutverdünner und so weiter. Das ist alles nicht so optimal. Aber ich würde ihr nie ohne Weiteres raten: Lass dich sterilisieren! Für mich hat sich das immer richtig angefühlt, aber das muss nicht bei anderen Menschen so sein. Wenn man sich noch nicht sicher ist oder diesen Wunsch verspürt, irgendwann mal Mutter zu werden, wäre es Quatsch. 


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