Bild: dpa / 20th Century Fox

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Wie Hollywood-Filme Stalking verharmlost haben

10.02.2016, 12:09 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

In einigen Blockbustern ist es wahnsinnig romantisch, einer Frau krankhaft nachzustellen

Ben Stiller setzt in seiner Rolle in "Verrückt nach Mary" einen Privatdetektiv auf seine Jugendliebe an. John Cusack lauert als Rob Gordon in "High Fidelity" seiner Ex-Freundin nachts vor der Haustür auf. Was in der Realität eine Anzeige nach sich ziehen könnte, ist in manchen Blockbustern der vergangenen Jahre die ultimative Erfolgsstrategie.

Die problematische Botschaft der heute immer noch beliebten Filme: Jede Frau kann erobert werden, mag sie sich auch noch so sehr sträuben. Mann muss nur hartnäckig bleiben.

Beeinflusst diese Darstellung in den Hollywood-Streifen unsere Sicht auf Stalking? Finden wir Stalking weniger schlimm, weil es in den beliebten Filmen nicht zu Problemen führt?

Diesen Fragen ist Julia Lippmann, Postdoktorandin an der University of Michigan, in ihrer Studie "I did it because I never stopped loving you" nachgegangen, die jetzt vorliegt.

Lippmann zeigte 426 Studentinnen je einen der folgenden sechs Filme, gekürzt auf eine halbe Stunde: Die erste Gruppe sah "Verrückt nach Mary" (1998) oder "Management" (2008). In beiden Liebeskomödien fallen Cameron Diaz und Jennifer Aniston ihren Stalkern am Ende willig in die Arme.

Gruppe zwei bekam mit "Der Feind in meinem Bett" (1991) oder "Genug: Jeder hat eine Grenze" (2002) Negativ-Beispiele zu sehen. In den Thrillern fliehen Julia Roberts und Jennifer Lopez vor ihren Verfolgern, tauchen unter und fürchten um ihr Leben.

Die dritte Gruppe sah sich die stalking-freien Tierfilme "Die Reise der Pinguine" (2005) oder "Nomaden der Lüfte" (2002) an.

(Bild: Transformer18 / cc by)

Danach konfrontierte Lippmann die Teilnehmerinnen in Fragebögen mit "Stalking-Mythen", also falschen oder verharmlosenden Aussagen wie: "Jemand, der zum extremen Mittel des Stalkings greift, muss große Liebe empfinden" oder "Viele Stalking-Opfer täuschen Unnahbarkeit nur vor, später ändern sie ihre Meinung".

Das Ergebnis: Die Frauengruppe, die zuvor die negativen Thriller gesehen hatte, stimmte diesen Aussagen seltener zu als die Komödien- und die Kontroll-Gruppe.

(Bild: Patrik Nygren / cc by-sa)

Besonders häufig befürworteten Teilnehmerinnen die Verharmlosungen, wenn sie "Verrückt nach Mary" oder "Management" gesehen hatten und die Filme als "lebensnah" einstuften. Auch wer angab, von der Handlung der Komödien mitgerissen worden zu sein, entschuldigte Stalking häufiger als Zuschauerinnen der anderen beiden Gruppen.

Lippmann zieht den Schluss, dass romantisch verpackte Belästigung in Filmen dazu führen kann, "Stalking-unterstützende Vorstellungen zu verstärken". Je weiter Stalking-Mythen aber in einer Gesellschaft verbreitet sind, so Lippmann, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Opfer die Gefahr verkennen – und im Fall einer Anzeige auch von ihrem Umfeld und der Polizei nicht ernst genommen werden.

Auch Kriminaldirektor Andreas Mayer, Geschäftsführer des Programms Polizeiliche Kriminalprävention in Stuttgart, warnt vor Romantisierungen: "Es gibt Fälle, in denen Opfer anfangs auf den Stalker eingehen, weil sie die Lage falsch einschätzen oder sich geschmeichelt fühlen", sagt er.

Ziehe sich das Opfer nach einer Weile doch zurück, könne Stalking gerade dann in Beleidigung, Verleumdung und Gewalt umschlagen. Stattdessen empfiehlt Mayer, Kontaktversuche keinesfalls zu erwidern, das eigene Umfeld zu informieren und von Anfang an Notizen über die Belästigungen zu führen. Die Dokumentation erleichtert später eine Anzeige.

In Deutschland sind laut Mayer rund 80 Prozent der Stalking-Opfer weiblich, die Täter hingegen sind zu 80 Prozent männlich. 2007 wurde ein speziell auf Stalking ausgerichteter Tatbestand im Strafgesetzbuch ergänzt: Unter dem Schlagwort "Nachstellung" kann nun mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren belangt werden, wer einen Menschen "beharrlich unbefugt belästigt".

Zum Beispiel, indem er seine räumliche Nähe sucht, Kontakt über andere Kommunikationswege (Anrufe, Briefe, aber auch WhatsApp) herstellen will, unter seinem Namen Bestellungen tätigt, ihn bedroht oder durch vergleichbare Handlungen "seine Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt".

Werfen wir einen Blick auf Stalker in romantischen Komödien: Wo wäre Haft statt Happy End gar keine schlechte Idee?

Zwar sind die Filme schon einige Jahre alt, sie werden aber bis heute im TV gezeigt und/oder von Streaming-Diensten angeboten.

1. When in Rome (2010)


Stalking entspringt in der Schmonzette märchenhafter Magie. Beth (Kristen Bell) fischt bei einer Reise nach Italien vier Münzen aus einem verzauberten Brunnen. Die Männer, von denen die Münzen stammen, spüren sie in New York auf, überschütten sie mit Hunderten Präsentkörben, ziehen sich vor ihr aus und brechen in ihre Wohnung ein. Beth verliert darüber die Nerven und beinahe ihren Job.

Trotzdem heiratet sie am Ende Nick, der ebenfalls einige Stalker-Kriterien erfüllt – von unerwünschtem Auftauchen am Arbeitsplatz bis hin zur Erpressung zum Date.

2. High Fidelity (2000)


John Cusack will als egomanischer Plattenladenbesitzer Rob Gordon um jeden Preis seine Ex-Freundin Laura zurück. Er durchwühlt ihre Post, ruft sie nachts an und beobachtet sie und ihren neuen Freund in ihrer Wohnung. "Ich bin zu müde, um nicht mit dir zusammen zu sein", sagt Laura am Ende erschöpft – und kehrt zu ihm zurück.

3. 10 Dinge, die ich an dir hasse (1999)


Patrick Verona (Heath Ledger) soll Kratzbürste Kat (Julia Stiles) rumkriegen. Er belügt sie, stellt ihr nach und beobachtet sie unbemerkt. Kumpel Cameron durchwühlt derweil Kats Zimmer nach Hinweisen auf ihre Vorlieben und gibt sich selbst für seine Angebetete als Französisch-Lehrer aus – ohne ein Wort Französisch zu können.

4. Crazy, Stupid, Love (2011)


Während ein gerade geschiedener Familienvater (Steve Carrell) sich in der Kunst des Abschleppens fortbilden lässt, stalkt sein Sohn Robbie die Babysitterin. Er gesteht seine Liebe mehrfach persönlich, per Brief und SMS, ignoriert ihren Protest und verrät, dass er ein Foto von ihr für intime Stunden besitzt.

Am Ende wird der 14-Jährige für seine Ausdauer belohnt: Jessica überreicht ihm einen Briefumschlag mit Nacktfotos, die "ihn durch die Highschool bringen" sollen. Lesson learned!

Hier können Stalking-Opfer Hilfe bekommen:

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