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10.08.2018, 08:55 · Aktualisiert: 10.08.2018, 10:08

"Monsterland", so habe ich das Münsterland genannt, als ich wegzog, mit 21. Ich war bereit, der ländlichen Einöde zu entfliehen, endlich die richtige, die große Welt kennenzulernen. Ich wollte Großstadt und Reizüberflutung, ich wollte Anonymität und Geschäfte, die immer geöffnet haben.

Nie wieder Langeweile, für immer wilde Partys.

Jahre später sitze ich auf der Terrasse meiner Eltern und habe Bauchweh. Ich habe Bauchweh, weil ich eine Woche hier war und morgen zurück in die große Stadt muss. Ich habe Bauchweh, weil ich am liebsten noch Wochen hier bleiben möchte. Und ich habe Bauchweh, weil das nicht geht.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

In den letzten Tagen habe ich den Landleben-Traum gelebt: Ich bin überall mit dem Fahrrad hingefahren, ich habe nachts Sterne beobachtet und dem Wind zugehört, tagsüber habe ich im Freibad Stunden um Stunden gelegen, Pommes gegessen, geschlafen. Ich war mit meinen Eltern Kaffeetrinken und bin nachts durch die Wälder und Wiesen mit dem Rad gefahren, habe die kühle Nachtluft eingeatmet und war der glücklichste Mensch der Welt.

Als ich wegzog, war ich mir sicher, dass es nichts Schlimmeres geben kann, als die Enge der Kleinstadt, die Spießigkeit, die Langeweile. Alles war immerzu so ruhig, so geregelt, so unaufgeregt. Alles, was ich wollte, war weg, weg, weg hier.

Ich wollte nicht mehr Fahrradfahren, sondern die U Bahn nehmen. Ich wollte keinen Keller voller Vorräte und Einmachgläser, sondern die Küchen dieser Welt ausprobieren. Ich wollte nicht Frühstück um acht, Mittagessen um eins, Abendessen um sieben, schlafen um zehn. Ich wollte Techno-Clubs und Adrenalin, Freiheit und das Gefühl, dass jeden Tag alles neu ist.

Und genau das bekam ich auch. Zehn Jahre lang zog ich von Großstadt zu Großstadt, wechselte Jobs, Beziehungen und Wohnungen, wurde erwachsen, trank plötzlich teuren Wein und aß nur noch Dinge, deren Namen meine Eltern noch nie gehört hatten (und ich vorher auch nicht).

Und dann, eines Tages, begann es: das Heimweh.

Es zeigte sich nur selten und scheu, es kroch ganz langsam in mein Leben. Ich erwischte mich dabei, nachts nicht mehr mit der U Bahn nach Hause zu fahren, sondern zu laufen, um die Stille einer Stadt zu hören, die tagsüber immer laut war. Ich fuhr immer öfter an den Wochenenden raus aus dem Lärm und rein in den Wald.

Ich saß nachts am Fenster und hörte dem Regen zu. Mit den Jahren wuchs das Heimweh und meine Absonderlichkeiten. Ich ging ständig spazieren und wenn es mir schlecht ging, fuhr ich raus aufs Land. Ich ging nicht mehr in hippe Bars, sondern in kleine Spelunken, die mich an die Kneipen meiner Jugend erinnerten. Dort trank ich Herrengedecke und erzählte stolz, dass ich vom Land komme.

Aus der Verachtung für das ländliche Leben ist ein permanentes Heimweh geworden. Wenn ich meine Eltern besuche, mache ich plötzlich all die Dinge, die ich früher gehasst habe. Und dabei macht sich ein Gefühl breit, das ich erst kennenlerne: das Gefühl, zu Hause zu sein.

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Mein zwanzigjähriges Ich schaut mir manchmal dabei zu und schüttelt den Kopf. Es sitzt auf meinem Gepäckträger, neben mir in der Kneipe, es liegt im Freibad neben mir, es schaut mir beim Schlafengehen um zehn zu und fragt:

What the fuck?

Gerne würde ich ihm sagen, dass es sich geirrt hat. Dass das Landleben ein Geschenk ist und kein Fluch. Dass die Kleinstadt, die Ruhe, die Natur, die Luft, dass all das so wertvoll ist und so gut tut. Aber es würde mir nicht zuhören, dieses jüngere Ich. Und es hätte recht damit.

Denn so verlockend und schillernd mir die Großstadt erschien, so absolut begehrenswert und ohne Makel, so perfekt scheint mir heute eine Woche auf dem Land. Was sich geändert hat, ist nicht die Perspektive, sondern das Angebot: Was ich immer habe, ist langweilig und banal, nervig und unangenehm. Bloß ist es eben heute, mit Anfang 30, die große Stadt, die mir zu schaffen macht. Die mich anödet. Die mich müde macht. Eine Woche voller Sonne, Freibad und laue Nächte erscheint da plötzlich wie ein Paradies, das ich erst jetzt erkennen kann.

Man kriegt das Dorf nicht aus sich heraus, das weiß ich heute. Ich werde die Natur, die Stille, ich werde die Terrasse meiner Eltern immer vermissen. Trotzdem werde ich nicht zurückziehen, weil ich verstanden habe, dass dieses Gefühl, dass sogar die Bauchschmerzen und das Vermissen, dass all das ein Geschenk ist.

Es bedeutet, dass es einen Ort gibt, an den ich fahren kann, wenn ich verstehen will, wo ich herkomme. Es bedeutet, dass ich für immer ein zweites Zuhause habe, egal, in welcher Stadt oder in welchem Land das Haus steht, in dem ich wohne. Es bedeutet, dass ich in einer vollen U-Bahn die Augen zumachen kann, und den Garten meiner Eltern rieche. Die heiße, chlorgetränkte Luft im Freibad. Den Grill der Nachbarn. Das Bier in der Kneipe.

Es bedeutet, dass ich einfach die Augen zumachen kann und ein Zuhause in mir trage, einen Ort mit Menschen, die mich lieben und wo immer ein Stuhl auf der Terrasse bereitsteht, in den ich mich setzen kann, die Nase im Wind und ein leises Lächeln auf dem Gesicht, wenn mein Vater sagt: Ach, schön, dass du mal wieder da bist.


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