Fühlen

Warum ich mich nicht mehr wie eine Schlampe fühle

17.11.2016, 13:33

​Wie ich gelernt habe, mit Slut Shaming umzugehen.
Ich will dich ja nicht verletzen, aber…

Gerade hatte sich die Bekannte auf den Sitz neben mich fallen lassen, in einem Bus irgendwo in einem anderen Land. Zufällig reisten wir durch die gleiche Gegend und begegneten uns dabei schon zum zweiten Mal. Ich freute mich wirklich, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Ihr ging es anders, das spürte ich – und trotzdem erstaunte mich der zweite Teil ihres Satzes:

…William sagt, du bist eine Hure.

Das saß. Auch Jahre später erinnere ich mich genau an diesen Moment: Zum ersten Mal verurteilte mich jemand dafür, dass ich meine Sexualität auslebte.

William arbeitete in einem Hostel, in dem meine Bekannte eine Woche nach mir eingecheckt hatte. Er wusste lediglich, wie ich heiße – und dass ich innerhalb von zehn Tagen zwei verschiedene Männer geküsst hatte. Er war nicht darunter.

Was ihn das also anging? Was meine Nebensitzerin das anging? Nichts. Heute ist mir das völlig klar.

Damals war ich 19 Jahre, Single, und zum ersten Mal sechs Wochen allein auf Reisen. Die pure Leichtigkeit des Seins. Ich besuchte wunderschöne Orte und begegnete Menschen aus aller Welt. Manche von ihnen küsste ich. In einem LGBT-Club knutschte ich gleichzeitig mit einer Mittzwanzigerin und ihrem besten Freund, unter Zugabe von Eiswürfeln aus unseren Cocktails. Einmal auf der Reise hatte ich Sex - natürlich mit Kondom. Kurzum: Ich genoss meine Freiheit.

Was war mir vorzuwerfen?

Wer ist Livia?

Livia Augustin, Mitte 20. Kaffee, Wein und Worte sind ihr Elixier. In der bento-Sexkolumne resümiert sie Schlüsselmomente, durch die sie lernte, was sie (nicht) will – im Bett und im Leben.

Frauen verlören an Wert, wenn sie mit vielen Männern knutschten, erläuterte mir meine Bekannte. Ich stimmte ihr nicht zu, trotzdem fühlte ich mich mies.

Erst Jahre später stieß ich auf ein Wort für ihr Verhalten: Slut shaming.

"Wenn eine Person öffentlich oder privat eine Frau beleidigt, weil diese ihre Sexualität auf eine Weise ausgedrückt hat, die nicht mit den patriarchischen Erwartungen an Frauen übereinstimmt", so definiert das Portal feminismus101 Slut shaming.

Damals verlor ich mich in Rechtfertigungen und erlog eine bravere Version meiner Ferien. Da sie nicht wusste, dass ich mit einem der Männer auch geschlafen hatte, sagte ich: : "Immerhin hatte ich keinen Sex, sondern habe nur geknutscht."

In den folgenden Jahren lernte ich viel über sexuelle Selbstbestimmung. Und ich lernte mit Menschen umzugehen, die davon wenig halten.

Unsere Kolumnen im Überblick:

Lana Petersen
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Wenn mich heute jemand wegen meines Sexlebens kritisiert, dann lege ich nicht alles offen, aber ich leugne auch nichts. "Mit wie vielen Leuten warst du im Bett?" Auf so eine Frage antworte ich, je nach Gesprächspartner, entweder mit der Wahrheit – oder aber: "Das ist privat." Damit stelle ich klar: "Das geht dich nichts an, du hast nicht das Recht, mich danach zu beurteilen."

Was mir außerdem wichtig ist: Ich verteidige andere Personen, wenn jemand über ihr Sexverhalten herzieht. Egal, ob sie Freundinnen sind oder Fremde. "Boah, wie billig die rumläuft." Oder: "Die macht‘s ja auch mit jedem" – niemand darf sich anmaßen, so über jemanden zu urteilen. Und das sollte man auch benennen. "Was genau geht es dich an, was sie macht?": Mit so einer Nachfrage habe ich manche zum Stutzen gebracht.

Zurück zu meiner Busfahrt: Sie endete besser, als sie begonnen hatte, nämlich an einem weiteren Traumstrand. Die Sonne wärmte mich auf, ein Cocktail kühlte mich wieder ab, ich begann, mich zu sammeln. Nein, ich würde mir nicht meinen Spaß verderben lassen, ich wollte die Welt entdecken und meinen Körper. Ich war voller Neugier und Fragen.

Ich dachte an die Frau aus dem LGBT-Club, stundenlang hatten wir uns geküsst. Stand ich (auch) auf Frauen? Konnte ich mir Sex mit ihnen vorstellen… oder Liebe? Oder wäre es gar nicht so spannend gewesen, wenn ihr Kumpel nicht ebenfalls mitgemacht hätte? Wünschte ich mir einen Dreier?

Das stand zwar auf meiner geheimen Wunschliste, aber ob das in der Realität so schön wäre wie in meinen Träumen, bezweifelte ich.

Ich sollte es früher herausfinden als geahnt.

Ob weinend bei "The Scientist" von Coldplay oder mit Schmetterlingen im Bauch bei David Bowies "Heroes" – Sex und Musik gibt es in vielen Varianten.

Welcher Song zu deinem Sexleben passt, verrät dir unser Quiz.


Fühlen

Diese Bücher haben unser Leben verändert

17.11.2016, 13:32 · Aktualisiert: 17.11.2016, 17:36

Manchmal gibt es dieses eine Buch, das man mit Herzklopfen liest, morgens um drei, obwohl der Wecker um halb sieben klingelt. Oder die Geschichte, die einen so vereinnahmt, dass man erst im Dämmern aus der Strandliege aufsteht, einen fetten Sonnenbrand auf den Unterarmen.

An solche Bücher erinnert man sich auch noch Jahre später, an das Gefühl, das in einem aufstieg, als man Seite für Seite tiefer ins Innere der Story drang.

Herbst ist Lesezeit, deswegen stellen wir hier die Romane vor, die uns berührt, verändert und zum Nachdenken angeregt haben: