Fühlen

Warum uns die Likes der Anderen egal sein sollten

06.04.2016, 14:31 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Chia Samen und Detox-Smoothies drapieren wir neben unserem Lieblingsbuch, wir zeigen uns in Bikiniposen vor dem Sonnenuntergang. In den sozialen Netzwerken posten wir oft geradezu banales. Hashtags und Status-Updates sind jetzt unsere Manifeste.

Was früher die Nachbarn hinter Spitzengardinen waren, sind heute unsere Facebook-Freunde. Wir leben in einer Gesellschaft der ständigen Bewertung – und übernehmen das erzkonservative Erbe unserer Eltern. So werden wir zu einer Generation der Angepassten.

Sicher ist es besser, Haltung durch ein Like zu zeigen, als keine zu haben. Eine neue Studie, veröffentlicht in der renommierten Fachzeitschrift Plos One, belegt sogar, dass Bewegungen wie der arabische Frühling durch die große Teilnahme in sozialen Netzwerken schneller an Einfluss gewannen. Nur: Wie ernst kann man den wechselnden Filter unserer Facebook-Profilbilder schon nehmen, wenn er erst zur Solidarität mit den Anschlagsopfern in Paris mahnt, um Wochen später den neuen Star-Wars-Film abzufeiern?

Wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Du kennst das: Du loggst dich im Flughafen von Barcelona ein – und wartest angespannt auf die Likes der Anderen. Der Anblick der Palmen wird zur Nebensache, mit jedem Klick wird dein Selbstwertgefühl weiter gepusht. Jetzt weißt du, dass es eine gute Idee war, in diese Maschine zu steigen; es war verdammt richtig diesen Urlaub zu buchen.

Richtig für dich oder die Anderen?

Es sind die unzähligen, unsichtbaren Gegenüber, die uns durch ihre ständige Bewertung zum Konformismus erziehen. Sven Hillenkamp spricht in seinem Buch Negative Moderne von den unzähligen “Dus”, die das neue Weltbild in den sozialen Medien bestimmen. Dabei könnte dies widersprüchlicher nicht sein: Die Bedingungen der Viralität sind unergründlich. Heute ist es ein niedliches Kätzchen, welches uns in den Internet-Himmel erhebt, morgen wird das nächste Literaturwunderkind durch die Shitstorm-Hölle gejagt. Und niemand weiß, wie lange der Hype anhält. Planbarkeit gleich null.

Sind wir im Netz nicht konform oder gar nicht existent, erleben wir den sozial-medialen Tod. Egal, wie sehr wir uns dagegen sträuben, wir brauchen die Bestätigung der Anderen, um zu überleben. Schaffen wir es wiederum, uns eine passable Online-Persönlichkeit aufzubauen, müssen wir uns der Bewertungsmaschinerie stellen. Wir leben in einer Ära der ständigen Zurechtweisung – und haben zu Allem etwas zu sagen.

Die Bewertung ist längst ins Real Life übergetreten. Wir wagen uns kaum in ein Restaurant oder Hotel, ohne vorher deren Online-Profil zu checken. Dabei erwarten wir nicht weniger als absolute Perfektion. Ein Gast findet bei Vapiano eine Raupe im Salat und stellt das Video ins Netz. Eine Studentin beschwert sich über die Verspätungen der Bahn und wird zum neuen Facebook-Superstar. Zwar müssen die Unternehmen jetzt reagieren und versprechen, ihr Angebot zu optimieren. (Spoiler: Das mit der Pünktlichkeit klappt bei der Bahn immer noch nicht.) Ihnen droht durch so ein Video aber auch massiver Schaden.

Liebe Vapiano Fans,heute hat ein Fan bei uns ein Smartphone-Video gepostet. In den Hauptrollen: Ein Salat und eine...

Posted by Vapiano on Dienstag, 25. Februar 2014


Bei Prominenten wird ein Fehler oft zum Karriereeinbruch babylonischen Ausmaßes. Der Gedanke, dass jede Form von Presse profitabel ist, ist zum Relikt einer Zeit geworden, in der sich Pseudointellektuelle wie Til Schweiger noch nicht in Sekundenschnelle vor einem Millionenpublikum äußern konnten. Wenn schon der nächste Mausklick Genugtuung verspricht, bleibt kein Raum für Selbstreflexion. Auf Facebook oder Twitter entschuldigen sich die Gebeutelten dann schneller, als Maybrit Illner einladen kann. Die Regeln sind gelernt, Abbitte wird mittlerweile präventiv geleistet. Es ist der Versuch, Kritik im Keim zu ersticken und sich Bedeutung durch Likes zu erhaschen.

Einen schönen Tag ihr Süßen ❤️󾌬Und weil ich euch Lieben ja kenne ,habe ich euch schonmal ein paar Fragen vorweg...

Posted by Daniela Katzenberger on Samstag, 12. März 2016

Mein blinder FleckInstagram ist für Bilder, und die verstehen sich nicht immer von selbst. Manche Bilder wirken lä...

Posted by Tilo Jung on Dienstag, 10. März 2015

Was bedeutet der Hinweis "Meinung"?

Unsere Autoren und Redakteure argumentieren klar, meinungsstark, manchmal polemisch. Unsere Kommentare sind, das liegt in der Natur der Sache, absolut subjektiv und müssen nicht der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen. Wir wollen weder unseren Lesern noch unseren Kollegen vorschreiben, wie sie über einen Sachverhalt zu denken haben; wir wollen zur Debatte anregen – und freuen uns auf den Dialog. (Mehr Fragen und Antworten zum Redaktionsalltag findet ihr hier: FAQ)

Die Schuld liegt nicht bei uns, die unfähig sind, aus diesem Spiel auszusteigen. Es ist das Medium, das uns Macht über Menschen und Unternehmen verspricht. Wir zücken im richtigen Moment die Handykamera und Millionen Klicks sind zum Greifen nah. Wir rufen Hashtags auf Twitter ins Leben – und finden uns in Talkshows und auf Buchcovern wieder. Dafür fotografieren, filtern wir alles, was uns heilig ist; sind zu ewiger Bewertung und Anpassung verdammt. Immer mehr übernehmen wir die Funktion von Überwachungskameras in den sozialen Medien und werden zu Usern under constant surveillance. Ganz ohne staatliche Hilfe.

Es nützt nichts, sich dem Internet abzuwenden. Warum auch? Immerhin hat es uns die Keyboard-Katze und das furzende Nilpferd geschenkt. Sollten wir jedoch nicht lernen, mit den Reaktionen unserer unzähligen Gegenüber zurechtzukommen, droht uns eine Herrschaft der Angepassten. Wir sollten weniger Ficks auf die Likes geben und uns so zeigen, wie wir sind. In den sozialen Medien, in denen Babyfotos und Schokomuffins den Ton angeben, könnte dies der Anfang einer echten Rebellion sein.

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