Fühlen

Ich wollte nicht mit Aaron ins Bett. War es deshalb sexueller Missbrauch?

10.01.2016, 12:55 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Seit zwei Jahren denke ich fast jeden Tag darüber nach, was in jener Nacht passiert ist: Als er mich mit nach Hause nahm, mich küsste und berührte – und ich mich wie gelähmt fühlte.

Lange habe ich mich nicht getraut, darüber zu sprechen. Weil ich mich schämte, weil ich das Gefühl hatte, selbst Schuld zu sein, weil ich noch immer nicht genau weiß, was passiert ist. Einvernehmlicher Sex oder Missbrauch? Gibt es auch etwas dazwischen? Und was bedeutet das?

Ich wohnte damals seit ein paar Monaten in der Stadt. An diesem Abend war ich bei einer Party, einige Freunde machten sich gerade auf den Weg in die Disco. Mein ehemaliger Mitbewohner Aaron, der eigentlich anders heißt, fragte per WhatsApp, was ich mache. Spontan schloss er sich an.

Ich hatte viel getrunken, Bier und Schnaps. Beim Tanzen merkte ich, dass ich kaum noch Kontrolle über meine Bewegungen hatte. Als ich nach draußen an die frische Luft wankte, kam Aaron mit. Wir liefen ein Stück – wobei ich eher stolperte und wankte. Wir unterhielten uns.

Mein erster Blackout.

Ich erinnere mich, dass ich irgendwann weinte und nach Hause wollte. Dass ich weglief und nicht mehr wusste, wo ich war, in der neuen Stadt. Dass ich eine U-Bahn-Station fand, dort aber keine Bahn mehr fuhr. Dass ich weinend neben einer Mauer zusammensackte. Dass mein Telefon klingelte und Aaron fragte, wo ich sei.

Dann wieder ein Blackout.

Später liefen wir wieder gemeinsam durch die Nacht, ich hatte mich wohl beruhigt. Ich konnte noch immer kaum gerade stehen, geschweige denn gehen. Wir kamen bei ihm zu Hause an, in der Wohnung, in der ich auch schon gewohnt hatte. Ich dachte, wir wären in seinem Zimmer, weil es so spät war – um die anderen nicht zu stören. Ich konnte kaum die Augen offen halten.

Dann küsste er mich. Und ich tat nichts. Ich machte nicht mit, ich stieß ihn nicht weg. Ich spürte seine Berührungen und war wie gelähmt.

Blackout.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, in seinem Bett, wollte ich nur weg. Ich zog mir meine Jacke und meine Schuhe an und verschwand. Ich fühlte mich erniedrigt, dreckig, übel. Draußen strahlte die Sonne in mein Gesicht, ich weinte.

In den folgenden Tagen sprach ich mit niemandem, aß nichts, trank nichts. Ich bestrafte mich selbst.

Mein Telefon klingelte, ich sah meinen Freund auf dem Display. Ich hob ab, ich schluchzte. Ich erzählte, was ich glaubte, was passiert war.

Er war still. Ich weinte. Er legte auf.

In den folgenden Tagen sprach ich mit niemandem, aß nichts, trank nichts. Ich bestrafte mich selbst. In meinen Augen verdient, schließlich hatte ich meinen Freund betrogen. Dachte ich zumindest.

Nach einigen Tagen fand mich meine Mitbewohnerin, flößte mir Saft ein, schickte mich unter die Dusche. Ich vertraute mich ihr an. Aber ich verschwieg das Gefühl, das ich am Morgen nach dem Vorfall hatte: Dass etwas nicht stimmt. Ich interpretierte es als Schuldgefühl, weil ich ja "fremdgegangen" war. Ich sagte nicht: “Ich wurde missbraucht” oder “Das war gegen meinen Willen”. Ich sagte: "Mein Freund hat Schluss gemacht. Weil ich einen anderen geküsst habe."

Ich sagte das so, weil ich es einfach nicht besser wusste. Vielleicht auch, weil sich das leichter ertragen ließ. Ich war so Täterin, nicht Opfer. Wer will schon Opfer sein?

Bis heute frage ich mich fast täglich, ob ich etwas falsch gemacht habe.

Viele Erinnerungsstücke aus der Nacht, kehrten erst Wochen später zurück, zum Beispiel, dass ich weinend vor Aaron davon gelaufen bin.

Noch heute bin ich mir nicht sicher darüber, was genau geschehen ist. Ich weiß nur, dass es sexuelle Handlungen gab. Dass ich das alles nicht wollte. Und dass ich kaum noch zurechnungsfähig war.

Bis heute frage ich mich fast täglich, ob ich etwas falsch gemacht habe. Habe ich Signale gesendet, die er falsch interpretieren konnte? Hätte ich weniger trinken sollen? Einen längeren Rock tragen? In einer WhatsApp-Nachricht nach Mitternacht eine Bedrohung entdecken? Wie konnte ich nur so dumm sein, nicht zu merken, dass er etwas von mir will?

Früher konnte ich nicht verstehen, wieso Menschen, nicht zur Polizei gehen, wenn sie missbraucht wurden. Heute weiß ich: So einfach ist das oft nicht.

“Ich wollte nur sagen, dass es mir leidtut, was passiert ist”, sagt er.

Das Schwierige an Situationen wie der, die ich erlebt habe: Niemand kann genau sagen, wie das Geschehene einzuordnen ist. Ich erinnere mich nur bruchstückhaft. Aaron würde die Nacht vielleicht ganz anders schildern. Vielleicht denkt er bis heute, dass die Küsse einvernehmlich waren, dass ich seine Berührungen genossen hätte. Aber wahrscheinlich hätte er mich dann nicht angerufen, zwei Wochen nach dieser Nacht.

Mein Handy klingelte. Ich hatte Aaron und alle gemeinsamen Bekannten bereits bei Facebook aus meiner Freundesliste entfernt, seine Handy- und Festnetznummer gesperrt. Er rief mit unterdrückter Nummer an. “Ich wollte nur sagen, dass es mir leidtut, was passiert ist”, sagt er. Ich schweige. Beginne zu weinen. Sage: “Du glaubst nicht, wie mir das leidtut.” Ich lege auf.

Wir sprechen nie wieder ein Wort miteinander.

Das Absurde an meiner Situation: Ich schätze mich glücklich. Es gab zwar sexuelle Handlungen, aber keinen Geschlechtsverkehr. Ich habe keine körperlichen Schäden davon getragen. Ich musste wegen dieser Nacht nie zum Arzt.

Natürlich muss man nicht vor jedem Kuss fragen, ob der andere auch wirklich will. Und trotzdem: Seit dieser Nacht passe ich auf – auf mich und meine Freunde. Wenn eine Bekannte nicht mehr stehen kann, dann sorge ich dafür, dass sie nach Hause geht. Wenn eine Freundin zu viel getrunken hat, dann bleibe ich bei ihr.

Aaron wusste, dass ich zu viel getrunken hatte.

Er hätte mich einfach in eine S-Bahn setzen sollen.

Was heißt einvernehmlicher Sex?

Wann sexuelle Handlungen nicht mehr als einvernehmlich gelten, regelt in Deutschland das Gesetz. Es unterscheidet zwischen drei Formen: sexuellem Missbrauch, sexueller Nötigung und Vergewaltigung.

Sexueller Missbrauch bezieht sich meist auf den Missbrauch von Kindern. Der sexuelle Missbrauch “widerstandsunfähiger Personen” (§179 Strafgesetzbuch) bezieht sich auf Opfer, die “wegen einer geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung einschließlich einer Suchtkrankheit oder wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder körperlich” nicht in der Lage sind, sich zu wehren. Also zum Beispiel durch Alkoholkonsum. Offen bleibt die Frage, wie betrunken eine Person sein muss, um sich körperlich nicht mehr wehren zu können. Reicht 1,0 Promille? 1,5? 2,0?

Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen

Bei Vergewaltigung und Nötigung wird das Opfer durch Gewalt oder Drohungen oder durch Ausnutzung einer schutzlosen Lage zu sexuellen Handlungen gezwungen. Nach deutschem Recht liegt ein “Zwang” vor, wenn der Wille des Opfers gebeugt wurde. Das Opfer muss dies durch Gegenwehr zeigen. Was genau das bedeutet und wie viel Widerstand eine Frau leisten muss, damit es sich um Vergewaltigung handelt, ist nicht eindeutig. Der Unterschied zwischen den beiden Formen: Bei Vergewaltigung findet Penetration statt, bei Nötigung nicht.

Bundesjustizminister Heiko Maas kündigte im April 2015 an, den Vergewaltigungsparagraphen auszuweiten. (DER SPIEGEL) Bislang scheitert diesen Plan an Bundeskanzleramt und Bundesinnenministerium. (DER SPIEGEL) (Mehr zu der Reform hier bei 3Sat)

In vielen Fällen ist es schwierig nachzuweisen, ob Sex einvernehmlich war oder nicht. In einem Urteil vom 5. November 2014 wies der Bundesgerichtshof die Klage einer Frau zurück, die angab, vergewaltigt worden zu sein. Der Grund: “Es habe sich weder eine gewaltsame Durchführung dieses Geschlechtsverkehrs noch eine Widerstandsunfähigkeit der Nebenklägerin in dem vorgenannten Zeitraum zweifelsfrei feststellen lassen.”

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