Fühlen

Was tun, wenn ich in der Öffentlichkeit sexuell belästigt werde?

05.01.2016, 15:14 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Am Kölner Hauptbahnhof sollen in der Silvesternacht Dutzende Frauen massiv von Männern bedrängt worden sein, sexuell belästigt und bestohlen. Die Polizei spricht von "Straftaten einer völlig neuen Dimension".

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Wie reagiere ich am besten, wenn ich in der Öffentlichkeit belästigt werde? Wo bekomme ich Hilfe? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Was ist sexuelle Belästigung?

Sexueller Belästigung fängt bei unerwünschten Bemerkungen in der U-Bahn an, geht über das Anfassen des Intimbereiches in einer Menschenmenge bis hin zur Vergewaltigung. Sexuelle Belästigung kann im öffentlichen oder privaten Bereich vorkommen, von Fremden oder Bekannten (SPIEGEL ONLINE).

Wichtig ist, dass die belästigte Person eine Grenze überschritten sieht ("Süddeutsche Zeitung"). Die Frauenberatungsstelle Osnabrück definiert deshalb sexuelle Belästigung als "jedes sexuell motiviertes Verhalten, das für die Betroffenen unerwünscht ist und sie als Person und / oder Frau herabwürdigt, bzw. ihre persönlichen Grenzen verletzt".

(Bild: kf_photographie / cc by-nd)

Im Alltag ist sexuelle Gewalt jedoch häufig eine Grauzone. Laut einer bento-Umfrage im Mai dieses Jahres wurde jeder dritte junge Erwachsene in Deutschland bereits sexuell belästigt (bento). Nicht nur in Köln, sondern auch in Hamburg soll es in der Silvesternacht zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Die Hamburger Polizei riet auf Twitter: "Seien Sie wachsam, aber nicht ängstlich".

Wie kann ich mich dagegen wehren?

Menschen, die Opfer sexueller Belästigung werden, können sich direkt oder im Nachhinein gegen die Täter wehren. Generell gilt: "Öffentlichkeit ist wichtig", sagt Kriminalhauptkommissarin Christina Meyer der Nachrichtenagentur dpa ("Süddeutsche Zeitung"). "Man muss andere ins Boot holen. Umstehende in der U-Bahn sind mögliche Verbündete, nicht Leute, vor denen ich mich bloßstelle. Wenn ich zu einem Glotzer sage: 'Lassen Sie das!', dann schauen zwei, drei andere auch ihn an, nicht nur mich."

In konkreten Situationen solltest du außerdem...

  • ...klare Botschaften senden – verbal und nonverbal: In Bahn, Uni oder Büro kannst du beispielsweise aufstehen, deutlich sagen, dass der Täter aufhören soll, dich zu belästigen und den Raum verlassen (Die Welt).
  • ...die Polizei rufen oder, falls das nicht möglich ist, den Eltern oder Freunden per SMS oder WhatsApp schreiben, wo du dich befindest und dass du dringend Hilfe brauchst.
  • ...besonders aufmerksam beobachten: Wie sieht der Täter aus? Was genau tut er? Welche Menschen bekommen mit, was passiert? Diese Hinweise können für spätere Ermittlungen wichtig sein (Tagesspiegel).

(Bild: Rodrigo Paredes / cc-by)

Auch im Nachhinein können sich Opfer an Polizeibehörden, Beratungsstellen oder Notruftelefone wenden (siehe Infobox unten). Und sich auch rechtlich zur Wehr setzen: Den Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz regelt beispielsweise das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Es legt fest, dass sich Opfer von Belästigungen im Job bei den zuständigen Stellen des Betriebes oder der Dienststelle beschweren können. Diese Stellen sind dann verpflichtet, die Beschwerde zu prüfen.

Mach dir Mut – und traue der eigenen Wahrnehmung, anstatt sie zu untertreiben: "Frauen relativieren oft: 'Ich übertreibe bestimmt' oder 'Vielleicht war der Rock doch zu kurz'. Gerade wenn jemand aus der Familie oder dem Freundeskreis Grenzen überschreitet. Oft ist ein Übergriff ja gar nicht fassbar, sondern subtil", sagt Kriminalhauptkommissarin Christina Meyer.

Wie handele ich, wenn ich Zeuge werde oder sich mir jemand anvertraut?

  • Hilf, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen. Sprich andere Leute konkret an mitzuhelfen. Biete der Person Hilfe an, schlage zum Beispiel einen sicheren Ort vor. Greif den Täter nicht verbal oder körperlich an und halte Abstand, um dich selbst zu schützen (Polizei Berlin).
  • Richtiges Zuhören: Vermeide Wertungen und Rechtfertigungsdruck. Die Person soll frei von den Erlebnissen erzählen können und sich ernst genommen fühlen (Frauenberatung Osnabrück).
  • Ermutige die Person, sich weiterführende Beratung zu organisieren (siehe Infobox unten).

An welche konkreten Adressen kann ich mich wenden, wenn ich oder andere Opfer sexueller Belästigung werden?

Hast du Ähnliches erlebt? Hier findest du Hilfe

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Tel.: 08000 116016) bietet rund um die Uhr direkte kostenfreie Hilfe in 15 verschiedenen Sprachen an. Möglich sind auch Online-Beratungen.

Die Telefonseelsorge von evangelischer und katholischer Kirche ist unter Tel.: 0800 1110111 kostenfrei zu erreichen.

Speziell für muslimische Frauen bietet das Muslimische SeelsorgeTelefon kostenfreie Hilfe unter Tel.: 030 443509821.

Die Hilfsorganisation Caritas bietet Online-Beratungen und direkte Hilfe vor Ort: In vielen Städten betreibt die Caritas Beratungsstellen, an die du dich wenden kannst, wenn du persönliche Hilfe benötigst.

Opfer von Kriminalität und Gewalt können sich an den Weißen Ring wenden, der telefonisch und persönlich weiterhilft. Das bundesweite Opfer-Telefon ist aus jedem Ort Deutschlands ohne Vorwahl unter Tel.: 116006 zu erreichen.

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