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Fühlen

"Ich wusste, dass ich queer bin, bevor ich Worte dafür hatte"

28.09.2017, 16:59 · Aktualisiert: 28.09.2017, 17:16

Elena, 27, aus Berlin

Als mir klar wurde, dass ich queer bin ...

… hatte ich ehrlich gesagt noch nicht mal Worte dafür. Ich war damals zwölf Jahre alt und in meiner Mädelsclique war es ziemlich normal, miteinander zu knutschen – manchmal alle gleichzeitig zusammen im Bett, später auch auf der Tanzfläche des linken Zentrums meiner Heimatstadt.

Vorbilder hatte ich aus dem Fernsehen: Ich war ein riesiger Sailor-Moon-Junkie, und Sailor Uranus war für mich die Coolste von allen. Sie hatte eine uneindeutige Geschlechtsidentität, war super schlau und stark. Das hat mich damals schon total fasziniert und angezogen, ich konnte mich irgendwie damit identifizieren.

Queere Momente:

Beim Finden von sexueller Identität gibt es für jeden prägende Momente. Um die soll es hier gehen - für alle, die sich selbst als "queer" bezeichnen würden. 

Zum ersten Mal habe ich meinen damaligen Freundinnen davon erzählt ...

… als wir alle zusammen in unserem Lieblingscafé saßen. Es war überhaupt kein Ding, weil wir ja alle Teil derselben Gruppe waren und auch schon öfter was miteinander hatten. Da war sowas einfach normal. Niemand aus dieser Gruppe hätte negativ reagiert.

Wenn ich heute darüber rede ...

… kann ich mich viel besser ausdrücken. Ich habe Soziale Arbeit studiert und im Laufe des Studiums angefangen, mich mit Gender auseinanderzusetzen. Stück für Stück lernte ich das ganze Vokabular, mit dem ich viel besser über mich selbst denken und sprechen konnte. Das half mir total. 

Ich bezeichne mich selbst nicht nur als queer, sondern auch als pansexuell. Was bisexuell ist, wissen die meisten Menschen zwar. Aber Pansexualität kennen viele noch nicht. Ich erkläre dann aber immer, dass Anziehung bei mir eben nicht geschlechtsbezogen ist. Es gibt mehr als zwei Geschlechter, mehr als nur männlich und weiblich, deshalb heißt es "pan". 

Das erste Mal richtig verliebt war ich...

… in zwei Jungs aus meiner Klasse – und gleichzeitig in meine beste Freundin

Das hat sich etwas komisch angefühlt und total anders, als in Jungs verliebt zu sein.

Bei ihr fühlte ich mich geborgener, weil ich sie schon kannte und eine Beziehung zu ihr hatte. Bei Jungs kam immer dieser Faktor des Unbekannten dazu, weil ich kaum Umgang mit ihnen hatte. Sie waren für mich mysteriöse Wesen.

Ich war damals ziemlich verwirrt und unsicher, ob ich jetzt verliebt bin oder nicht. Es hat etwas gedauert, bis ich gemerkt habe, wie sich die verschiedenen Sorten von Verliebtheit für mich anfühlen. Und ich bin noch dabei, herauszufinden, warum das so ist.

(Bild: Privat)

Wenn ich jemanden kennenlernen will...

... spreche ich die Person an. Ich bin da inzwischen ziemlich selbstbewusst geworden und habe einen recht treffsicheren "Gaydar". 

Aber oft bin ich auch noch verunsichert und schüchtern, habe Angst, Grenzen zu überschreiten und Menschen vor den Kopf zu stoßen. Trotzdem mag ich dieses Spiel, wenn Menschen aufmerksam aufeinander werden, öfter Blickkontakt aufnehmen, sich anlächeln.


Dann gehe ich meist direkt hin und drücke mich ganz klar aus.

Je mehr ich mich mit Konsens und Kommunikation beschäftige, desto mehr verliert auch die Möglichkeit, auf Ablehnung zu stoßen, ihren Horror. Zwar ist Ablehnung oft schwer zu ertragen. Aber ich habe auch verstanden, dass sie zum Leben dazu gehört. 

Ich weiß, wie schwer es manchmal sein kann, zu jemandem "Nein" zu sagen – egal, worum es geht. Deswegen macht es mich immer total froh, wenn ich das hinbekomme, aber auch wenn andere das schaffen. Inzwischen nehme ich das deshalb kaum noch persönlich. Als persönliche Utopie wünsche ich mir, dass alle Menschen ihre Bedürfnisse und Grenzen klar miteinander kommunizieren können. 

Noch mehr queere Momente findest du hier:

Grace Guthrie
Neele Schuhmann
1/12

Der schwierigste Moment war für mich...

... als meiner Freundin und mir eklige Sachen zugerufen wurden. Wir saßen kuschelnd auf einer Bank am Fluss. Vier Typen liefen vorbei und machten anzügliche Gesten und Geräusche. Ich wurde richtig wütend. 

So was passiert leider ständig – da treffen Misogynie, Sexismus und Homophobie aufeinander und ich fühle mich einfach nur machtlos, entblößt und objektifiziert.

Meine Familie und mein sonstiges soziales Umfeld sind zum Glück ziemlich cool damit. Aber sich im öffentlichen Raum durch offen gezeigte Zuneigung zu "outen", ist leider meist anstrengend.

Elena, 27

Elena ist kritische Sozialarbeiterin – also eine Fachkraft, die die Arbeitsbedingungen, die Strukturen und die eigene Praxis machtkritisch hinterfragt. Außerdem ist sie Musikerin im Electro-Jazz-Projekt "Lucidos". Gelegentlich legt sie auf queerfeministischen Partys auf. Sie liebt tanzen, Lakritze und ihr neues Saxophon.

Und einer der schönsten war ...

... erst kürzlich, mit einer Freundin, in die ich auf meine eigene Art sehr verliebt bin. Wir haben eine wunderschöne inspirierende, liebevolle und unterstützende Beziehung zueinander. Wir haben Eis gegessen und in einem Gespräch unsere Gefühle füreinander beschrieben. Dabei haben wir uns darauf geeinigt, dass wir einfach so weitermachen wie bisher. Weil es sich schon so einfach romantisch und gut anfühlt. 

Das war mein schönstes Beziehungsgespräch bisher und hat mir Hoffnung gegeben, dass es tatsächlich möglich ist, meine Beziehungen emanzipatorisch zu leben.


Musik

Diese neue Spotify-Funktion schickt dich zurück in deine Jugend

28.09.2017, 16:37 · Aktualisiert: 28.09.2017, 16:38

Es gibt sie wohl für jeden von uns: Diese Lieder, die uns schon mit der ersten Note zurück in die Vergangenheit befördern. Lieder, die untrennbar mit einer bestimmten Zeit, einem bestimmten Gefühl oder einer bestimmten Person verbunden sind.

Spotify hat nun eine neue Funktion, die dir einen solchen musikalischen Flashback in deine Teenagerjahre bescheren will. Die "Zeitkapsel" ist eine personalisierte Playlist mit all den Liedern, zu denen du damals geweint, getanzt und geknutscht hast.