Bild: Franz Krekeler / bento

Fühlen

Diese Frau hilft behinderten Menschen, Sexualität auszuleben

01.08.2016, 10:54 · Aktualisiert: 23.12.2016, 15:31

Michael weiß, wie Sex zwischen zwei Menschen abläuft, die sich bewegen können. Sie streicheln sich gegenseitig, verrenken und küssen sich. Und kommen dann vielleicht gemeinsam zum Orgasmus.

Für Michael, 30, ist Sex etwas anderes.

Michael trägt eine Atemmaske und sitzt im Rollstuhl, er hat seit seiner Geburt Muskeldystrophie. Eine schwere Muskelkrankheit, die zu immer stärker ausgeprägtem Muskelschwund führt.

Michael, der eigentlich anders heißt, kann sprechen, seine rechte Hand und seinen Kopf leicht bewegen. Sechs Männer und Frauen arbeiten abwechselnd für ihn, helfen ihm auf die Toilette und ins Auto, sind von morgens bis abends bei ihm.

Und Michael hat Edith Arnold, 28. Eine Sexualbegleiterin, die seit eineinhalb Jahren regelmäßig zu ihm nach Köln fährt. Hier lebt er mit seinen beiden jüngeren Brüdern bei seinen Eltern.

Als Sexualbegleiterin hilft Arnold Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, etwas auszuleben, das die Gesellschaft ihnen nicht zugestehen will: Lust.

Arnold streichelt, massiert und befriedigt, machmal ist sie einfach nur nah. In Einzelfällen schläft sie auch mit ihren Klienten – aber ohne Küssen, ohne Oralverkehr. Dreimal pro Woche fährt sie raus, um Klienten zu treffen.

Edith Arnold: 120 Euro für eine Stunde Nähe

Edith Arnold: 120 Euro für eine Stunde Nähe (Bild: Franz Krekeler / bento)

Michael hat studiert, jetzt arbeitet er halbtags als Mediengestalter in einer Agentur. Er mag Kino, Festivals und Shoppen. Ein ganz normales Leben ist das, sagt er. Ein Leben, in dem man auch mal erregt ist, intime Berührungen von jemandem spüren möchte. Nur, dass er dafür Edith Arnold braucht.

Eine Stunde bei ihr kostet 120 Euro, zwölf Stunden 940 Euro, ein Tag und eine Nacht 1360 Euro. Während die Sexualbegleitung in den Niederlanden oder in Schweden in manchen Fällen von den Krankenkassen übernommen wird, müssen Klienten in Deutschland selbst bezahlen.


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Wenn Edith Arnold bei Michael klingelt, am Arm eine Tasche mit Massageöl, Kondomen, Tüchern und Desinfektionsmittel, dann sieht sie "nicht wie ein sexy Vamp aus, sondern wie immer", sagt sie. Die blonden Haare trägt sie als Zopf, dazu Ringelshirt, Jeans, weiße Chucks, kaum Make-up. Menschen, die dieser Frau nah sein wollen, erreichen sie vor allem über ihre Webseite, auch Michael hat sie so gefunden.

Während der Pubertät vertraute er sich seiner Mutter an, mit dem Vater sprach er nie über seinen Wunsch nach Sex. "Ich glaube, dass ihn das gar nicht so richtig interessieren würde. Er redet generell eher wenig über sowas", sagt Michael. Auch die Brüder würden grundsätzlich nur mit der Mutter über ihre Freundinnen sprechen, die wisse Rat.

Doch wie man jemandem helfen kann, der eine Behinderung hat und Berührungen spüren will, das wusste selbst Michaels Mutter nicht. Also masturbierte er – so gut es ging. Bis er irgendwann im Internet auf Arnolds Seite stieß.

Eine Freundin hatte er noch nie, Arnold hingegen war schon öfter in festen Beziehungen. Auch, seit sie diesen Job macht.

Bei ersten Dates habe sie schon oft den Satz gesagt: "Ich bin Sexualbegleiterin." Das muss dann bei ihrem Gegenüber erst einmal sacken. Dass sie auch gern Kajak fährt, einen Hund hat, Kaffee und ihren Balkon liebt, das kommt schon besser an.

Doch wer ihren Job nicht akzeptiert, mit dem kann sie sich nichts vorstellen, sagt Arnold. Wenn sie erzählt, klingt sie sanft aber entschlossen, sie drückt sich gewählt aus, fast nie sagt sie "ähm" – und sie lächelt viel.

Ihre Freunde und enge Familienmitglieder fänden ihren Beruf gut, stellten oft Fragen, dann antworte sie offen. Sie hat keine staatlich anerkannte Ausbildung zur Sexualbegleiterin, die gibt es auch gar nicht. Stattdessen bringen sich die wenigen Sexualbegleiter in Deutschland in Workshops und Seminaren gegenseitig bei, was sie beim Kontakt mit ihren Klienten lernen.

Arnold ist ausgelernte Schneiderin. Sie studierte ein paar Semester Produktdesign, "das passte nicht richtig", sagt sie. Dann zog sie von Kassel nach Hamburg. Die Stadt, in der sie immer sein wollte.

Sexualbegleiterin Arnold: "Wer meinen Job nicht akzeptiert, mit dem kann ich mir nichts vorstellen"

Sexualbegleiterin Arnold: "Wer meinen Job nicht akzeptiert, mit dem kann ich mir nichts vorstellen" (Bild: Franz Krekeler / bento)

Im Fernsehen sah sie eine Dokumentation über Sexualbegleitung, und weil sie in einem integrativen Kindergarten war und ihre Tante geistig behindert ist, fand sie das Thema interessant. Sie startete ihren Computer und damit in ein neues Leben, schrieb eine Mail an Nina de Vries, die als Sexualbegleiterin seit zwei Jahrzehnten Pionierarbeit in Deutschland leistet.

Was sie von der Frau lernte, trägt sie heute weiter an Klienten wie Michael. Worauf er steht, wo und wie er gern angefasst wird: Michael erzählt es ihr. Aber auch, was ihn bedrückt. Geschichten aus dem Alltag. "Feingefühl braucht man da", sagt Arnold.

Außer mit ihr kann Michael kaum offen über seine Treffen mit Arnold sprechen. Für diese Geschichte wollte er nur per E-Mail kommunizieren, um sich selbst zu schützen. Seine Freunde wissen nichts von Arnold. Nicht, dass er die Zeit mit ihr so genießt, ohne verliebt in sie zu sein. Nicht, dass er ihr nach jedem Treffen einen Umschlag mit Geld gibt. Unangenehm wäre es, wenn das jemand rausbekommt, sagt Michael.

Doch während er an ein Leben ohne Berührungen nicht mehr denken will, sind sich Konservative und Liberale uneinig, ob man Menschen, die ihre Sexualität nicht alleine ausleben können, wirklich dabei helfen sollte.

Man könne sich bei Menschen, die eine geistige Behinderung haben, nicht sicher sein, ob sie wirklich freiwillig mitmachen, meinen Kritiker. "Grundsätzlich abzulehnen ist der Geschlechtsverkehr zwischen einer Sexualbegleiterin und einem Menschen mit Behinderung, weil das eine Form von Prostitution ist", sagt Andreas Lob-Hüdepohl, wissenschaftlicher Berater der Deutschen Bischofskonferenz.

Edith Arnold: "Wer mich da als Prostituierte bezeichnen möchte, meinetwegen"

Edith Arnold: "Wer mich da als Prostituierte bezeichnen möchte, meinetwegen" (Bild: Franz Krekeler / bento)

Im Gegensatz zu Prostituierten reist Arnold durch ganz Deutschland zu Klienten, sagt sie. Sie halte manchmal Vorträge über ihre Arbeit in sozialen Einrichtungen und begleite auch dort Menschen – je nachdem, wie offen die Leitung des Hauses mit dem Thema umgeht. Sie treffe sich sogar mit Menschen, die sich gar nicht mehr bewegen oder sprechen könnten, habe gelernt, dann mit ihren Augen und Händen zu kommunizieren.

"Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf Sexualität", sagt Arnold. "Wer mich da als Prostituierte bezeichnen möchte, meinetwegen." Michael sagt: "Ich könnte auch ins Bordell gehen. Aber wieso, wenn ich mir bei Edith sicher sein kann, dass sie von keinem Zuhälter zu etwas gezwungen wird?"

Sie erfülle nur einen Wunsch in seinem Leben, das jederzeit zu Ende sein könnte. Wenn er sie in diesem Leben braucht, dann ruft er sie an.

Fährt Arnold für ein Treffen raus, dann mit der Bahn. In Köln, auf dem Weg zu Michael, wird sie am Bahnhof von einem seiner Helfer abgeholt. Seine Familie hat das Haus schon verlassen, wenn sie im Auto vorgefahren wird. "Sturmfrei", sagt Michael. "Es herrscht dann eine sehr intime Atmosphäre." Wenn sie die Türklinke drückt, sein Zimmer betritt, liegt er schon in seinem Bett.


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