Bild: Lana Petersen

Fühlen

Ich bin eine Schlampe – ach nee, ein Mann

20.01.2016, 16:10 · Aktualisiert: 05.10.2016, 16:17

Das Wort "Schlampe" ist für heterosexuelle Männer ungebräuchlich, eine gleichwertige Beleidigung gibt es nicht.

Ich bin eine Schlampe. Ich habe in den vergangenen paar Jahren mit drei Dutzend Frauen geschlafen, mit vielen davon ein einziges Mal. Wir haben uns am selben Abend kennengelernt, hatten Sex und haben uns nach dem Frühstück nie mehr wieder gesehen.

Mein erstes Mal hatte ich in der Klokabine einer zur Disco umgebauten Industriehalle meiner Heimatstadt. Das Mädchen, das unter grauer Stahlbetondecke rittlings auf mir wippte, verlor ich später an der Bar aus den Augen – für immer.

Max Varon berichtet an dieser Stelle ab sofort von den Abenteuern seines Sexlebens, von seiner männlichen Perspektive auf Beziehungen und Freundschaft, von Orgasmen und Frauenbildern. Lese hier noch mehr Sexkolumnen, die auf bento erschienen sind.

In Amsterdam habe ich im Gemeinschaftsbad unseres scheußlichen Hostels mal meine mexikanische Zimmergenossin zwischen den Waschbecken gefickt. Der Typ, der zwischendurch zum Zähneputzen reinkam, war entweder cool oder dicht genug, uns zu ignorieren.

Ich hatte Dreier und Vierer, lebensmüde Quickies neben Bahngleisen und einmal Analsex mit einem Mann. Nichts Abgefahrenes eigentlich, generell einfach gern und oft. Manche dieser Sexgeschichten finde ich noch heute ziemlich glorreich, bereuen tu ich kaum eine.

Nur: Ich bin keine Schlampe.

Eine Frau käme mit meinem Verhalten niemals durch.

Niemand hat mich je so genannt. Meine engeren Freunde, männlich wie weiblich, wissen recht genau Bescheid, was ich treibe und in etwa wie oft. Sie grinsen wissend, wenn ich mich ich am Ende einer Clubnacht hastig verabschiede. Gestört hat sich nie einer daran.

Gut, es gab diese peinlichen Momente: "Du bist also das Mädchen aus Bayern“, sagte eine alte Schulkameradin mal zu meiner damaligen Freundin. Stille. Blick zu mir. "Das muss meine Vorgängerin gewesen sein.“ Die alte Bekannte, die versucht hatte, den Überblick zu behalten, war nicht etwa sauer auf mich oder angeekelt. Es war IHR endlos peinlich.

Das Wort "Schlampe“ ist für heterosexuelle Männer eh völlig ungebräuchlich, eine gleichwertige Beleidigung gibt es nicht. "Stecher“ hört man viel seltener, zudem ist es gar nicht immer abwertend gemeint. Eher eine Virilitätstrophäe, die Männer untereinander anerkennend herumreichen.

Eine Frau käme mit meinem Verhalten niemals durch. Es ist kein Zufall, dass Lena Dunham, eine der feministischen Heldinnen unserer Generation, ihre Autobiografie "Not That Kind Of Girl“ genannt hat. Die Apologie der Mittzwanzigerin, die ihrem männlichen Mitbringsel zwischen Hosenknopf und BH-Verschluss zu erklären versucht, dass sie sowas ja eigentlich nie mache.

Es ist kein Zufall, dass Lena Dunham ihre Autobiografie "Not That Kind Of Girl" genannt hat.

"Not That Kind Of Boy“ is not a thing. Bei einer Frau, die, pardon me, rumbumst wie ich, fände sich garantiert eine achso wohlmeinende Freundin, ein böswilliger Ex-Freund oder ein anderer Teilzeit-Puritaner, der sie von seinem selbstgezimmerten, moralischen Wachturm herab fragen würde, was mit ihr eigentlich nicht stimmt? Wie lange sie denn noch so leben wolle? Um im Laufe des Gesprächs dann das ultimative verbale Geschütz aufzufahren, um eine Frau ins 19. Jahrhundert zurückzuballern: "Schlampe!“

Dass der Begriff großer Mist ist, fällt mir nicht als Erstem auf: Mit den "Slutwalks“ versuchten Frauen in den vergangenen Jahren, den reaktionären Moralisten ihre Kampfvokabel zu entreißen und ihn – ähnlich wie "schwul“ – positiv umzudeuten. Selbst unter Feministinnen war umstritten, ob das noch Sinn ergibt. Viel Erfolg hatten die "Slutwalkerinnen“ damit ohnehin nicht. Die "Schlampe“ ist gesund und munter.

Dieser Text ist keine Lebensbeichte. Ich schäme mich für wenig.

Das Wort soll Frauen beschämen, die sich das Recht herausnehmen, wie Männer zu leben. Das ist sein einziger Zweck. Wenn es jemals vertretbare Gründe gab, sich in das selbstbestimmte Sexleben einer erwachsenen Frau einzumischen, sind die heute weitgehend überflüssig: Gegen Geschlechtskrankheiten helfen Kondome, gegen ungewollte Schwangerschaften allerlei weitere Verhütungsmittel. Und gegen falsche Erwartungen an den nächsten Morgen hilft vorher Reden und Ehrlichkeit und, hört hört, das beiderseitige Bemühen, kein Arschloch zu sein.

Außerdem spräche jeder dieser Gründe dafür, promisken Männern wie mir die gleichen Vorwürfe zu machen. Tut aber keiner. Und ich wäre der Letzte, der sich das wünschen würde.

Dieser Text ist keine Lebensbeichte. Ich schäme mich für wenig. Ich habe nicht jede Frau so gut behandelt, wie sie es verdient hätte, andererseits habe ich manche meiner heute engsten (platonischen) Freundinnen auf ihrer Schlafcouch erst richtig kennengelernt.

Andere fremde Frauen haben mir, wenn es mir scheiße ging, die Gewissheit gegeben, noch immer ein attraktives männliches Wesen zu sein. Ich hoffe, für manche flüchtige Sexpartnerin habe ich das auch getan. Und wenn wir einfach eine Nacht lang Spaß miteinander hatten, war das eigentlich auch Grund genug.

Eine Frau zu verurteilen, weil sie Freude am Sex hat, ist ja nicht nur anmaßend. Es ist gefährlich.

Niemand muss sein Sexleben führen wie ich, im Gegenteil. Ich finde es sogar einen sehr schönen Gedanken, sich für die einzige, richtige Partnerin aufzusparen. Wer sich dafür entscheidet, hat denselben Respekt verdient wie eine Frau, die sich entscheidet, viel Sex mit vielen Partnern zu haben.

Eine Frau zu verurteilen, weil sie Freude am Sex hat, ist ja nicht nur anmaßend. Es ist gefährlich. Eine Gesellschaft, die sexuell selbstbestimmte Frauen so herabwürdigt, sendet eine grausame Botschaft an gewalttätige Männer: "Sie hat es nicht besser verdient, die Schlampe." Wer diesen widerwärtigen Begriff verwendet, liefert Sexualstraftätern eine Rechtfertigung.

Wir lassen Männer wie Frauen ihren Kleidungsstil frei wählen, ihren Wohnort, ihren Beruf. Wir leben in einer liberalen Demokratie, deren Gesetze und sozialen Normen darauf fußen, dass erwachsene Menschen besser als alle anderen wissen, was gut für sie ist.

Aber bei der intimsten Entscheidung – wie will ich meine Sexualität leben? – glauben viele bis heute, sie könnten ihren Neid, ihre Missgunst und antiquierten Vorstellungen anderen ungefragt aufdrücken.

That’s none of your fucking business.

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