Fühlen

Sex mit Fremden tut so gut

10.02.2016, 16:55 · Aktualisiert: 05.10.2016, 16:17

Es ist kurz vor 4 Uhr, als wir uns zum ersten Mal küssen. Ich drücke dich gegen die Theke. Hoffe, es fühlte sich leidenschaftlich an. Ich hatte eigentlich nur kurz das Gleichgewicht verloren.

Egal. Wir haben beide getrunken, sind ein bisschen beschwippst, können aber noch klar denken. Du ziehst mich heftiger an dich, die Augen fest geschlossen. Schon aus Vorsicht. Bald wird hier das Licht angehen, grell und erbarmungslos.

Wir kennen uns seit 30 Minuten. Ich weiß, dass du Teresa heißt und Pharmazie studierst. Du hast eine angenehm raue Stimme, fast heiser. Du liebst es, wenn man dich auf den Hals küsst.

Der DJ lässt sein letztes Lied ausfaden, "Don’t Look Back In Anger". Wir können nicht mehr warten, hier zumindest. Kleine Männer schieben Dreck und Plastikbecher mit breiten Besen von der Tanzfläche. Gleich wird uns der Laden endgültig ausspucken, raus in die Nacht.

Wir können nicht mehr warten, hier zumindest.

Wir sind das Anti-Instagram-Pärchen. Verschwitzt, verschmiert und ein bisschen verzweifelt. Hinter uns sind nur Bierpfützen und Neonlicht.

Keine Liebesgeschichte.

Wir sind übrig geblieben. In einer Welt der Filterselfies sind wir die Otto-Dix-Karikatur. Manche haben für uns nur Spott übrig, giftiges Mitleid. Sie nennen das Resteficken.

Manche haben für uns nur Spott übrig, giftiges Mitleid.

Aber ehrlich gesagt: Fuck it!

Jeder ist mal unglücklich getrennt, traurig, emotional taub. Und jetzt vögeln wir uns wieder unter die Lebenden. Dafür, nur dafür, haben wir uns gefunden. Ich bleibe stehen, bis du an meiner Hand ziehst. An der frischen, kühlen Morgenluft fühle ich mich wieder nüchtern und klar.

"Ich liebe dich. Heute Nacht", sage ich. "Heute Nacht ist okay", sagst du.

Wir küssen uns wieder. Ich drücke dich gegen eine Hauswand, diesmal ganz bewusst. Du greifst in meine Hose. Ich komme mit meinem Mittelfinger auch ziemlich weit und, als du dein Bein anhebst, noch tiefer. Hier in der Fußgängerzone interessiert das niemanden mehr. Außer uns sind nur die Vögel wach.

Wir laufen jetzt schneller, meine Hand in deiner.

Anti-Helden wie wir. Wir scheißen darauf, ob uns irgendjemand für ein "süßes Pärchen" hält. Wir rebellieren gegen das Liebesdiktat und den Zwang, für immer zusammen sein zu wollen oder gar nicht. Für jetzt gerade sind wir genau richtig. Wir bekämpfen unsere Einsamkeit mit dem, was da ist. Miteinander.

Wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß.

Wir teilen uns meine Zahnbürste. Ich sage dir, dass du schöne Brüste hast.

Das hier wird kein Drama in fünf Akten, sondern ein Lustspiel in einem. Keiner muss warten auf die erlösende WhatsApp, die nie kommt. Und bloß keine Selfies. Wir wissen ja noch nicht mal, ob wir zusammen gesehen werden wollen.

Wir teilen uns meine Zahnbürste. Ich sage dir, dass du schöne Brüste hast. Weil es stimmt. Ich lecke dich. Wir haben Sex, kommen, schlafen ein. Ich mache uns Rühreier und bringe dich zum Bus.

Knapp drei Wochen später laufe ich in den Hörsaal, als du mir auf der Treppe mit deinen Freundinnen entgegenkommst. Ich erkenne dich trotz deiner Brille. Aus der Lederhandtasche schauen deine Bücher. Ach ja, Pharmazie. Du siehst mich auch, dein Kopf beginnt zu arbeiten.

Wie zerfleddert wir beide aussahen, als wir auf deinen Bus gewartet haben. Wie du mich auf die Nase geküsst und "Machs gut, fremder Mann" gesagt hast. Beim Einsteigen hast du dich nicht mehr umgedreht.

Ich grinse dich an.

Und dann, hier in der Uni, lächelst du auch.

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