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Fühlen

Wie es sich anfühlt, heutzutage als Jungfrau zu daten

30.08.2017, 19:12 · Aktualisiert: 01.09.2017, 11:05

Elif ist 27 und will erst Sex haben, wenn sie den Richtigen gefunden hat

"Aber du bist doch so hübsch, warum machst du das denn nicht?"

"Hab doch mal richtig Spaß!"

Das sind nur zwei der Sätze, die sich Elif* immer wieder anhören muss, wenn sie über ihre Beziehungen redet.

Denn Elif, 27 Jahre alt aus Düsseldorf, hatte noch nie Sex.

In ihrem Umfeld stößt sie damit auf Unverständnis. "Ich wurde von allen Seiten konfrontiert: 'Du bist nicht normal, du bist komisch, ich mache das, warum machst du das nicht?'"

Elif hat ihre eigene Antwort:

"Ich habe mich sehr oft gefragt, warum andere das machen und ich nicht – und für mich beschlossen, dass Sex etwas sehr Intimes ist, was ich generell nicht mit vielen Menschen teilen will."

Seit ihrer Jugend setzt sie sich mit dem Thema Sex intensiv auseinander, vermutlich mehr als jemand, der regelmäßig Sex hat. "Ich wurde so erzogen, dass das Konzept Sex mit Liebe und Ehe verbunden ist, und ich mich mit einem Mann enger einlassen sollte, der es ernst mit mir meint", sagt sie.

Doch auch wenn ihr Elternhaus in dieser Sache prägend war – die Entscheidung zu warten hat sie selbst getroffen. Nach einem langen Überlegungsprozess.

Mir geht es darum, einen Menschen grundlegend kennenzulernen.
Elif

Mit vielen zu schlafen würde für sie nicht nur den Akt an sich entwerten, sondern auch die Menschen, mit denen man Sex hat. Man würde sie wie Objekte konsumieren – und das Erlebnis dadurch austauschbar machen.

Ist sie neugierig?

"Nein, nicht auf den Akt an sich. Mir geht es darum, einen Menschen grundlegend kennenzulernen, die besondere Verbindung und Intimität erst mal wachsen zu lassen – und die Intimität durch Gespräche, viele Treffen, und und und, auf eine weitere Ebene zu bringen." Die meisten wüssten allerdings gar nicht mehr, was es heißt, intim zu werden außerhalb des Physischen, findet Elif.

Und: Was man mit vielen erlebt, ist nichts Besonderes.

Was man mit vielen erlebt, ist nichts Besonderes. (Bild: Pixabay/bngdesigns)

Viele verstehen das nicht, schon gar nicht, wenn es um Dating und Beziehung geht. Um Dinge wie Tinder, Lovoo, Parship.

Doch wie geht das überhaupt, daten und enthaltsam leben? Was macht das mit ihren Beziehungen und wie erzählt sie es ihren Partnern?

"Es ist schon schwierig, einen Mann zu finden, der zu warten bereit ist", sagt Elif.

Wenn sie einen Mann länger datet, versucht sie, einen ruhigen Moment abzuwarten, um ihm ihre Prinzipien zu erklären.

Die meisten würden das anfangs nicht verstehen. Wenn sie ihnen sagt "Ich will mit dem Sex warten", müssten sie das erst einen Moment verdauen. Richtig geschockt habe aber bis jetzt noch niemand reagiert.

Eine Beziehung ist daran zerbrochen: "Mein damaliger Freund war 23 und hielt es ein Jahr lang ohne Sex aus. Aber er war noch nicht bereit zu heiraten. Er ist gegangen mit der Begründung, sich austoben zu müssen", erzählt sie.

Als ob das eine Kompetenz wäre – man muss getestet werden wie ein Möbelstück bei Ikea.
Elif

Für viele Männer sei Sex eben etwas so grundlegend Wichtiges für die langfristige Partnerwahl, dass sie, auch wenn sie eine Frau umwerfend finden, wissen wollen, wie sie im Bett ist.

"Als ob das eine Kompetenz wäre – man muss getestet werden wie ein Möbelstück bei Ikea.“ Daher habe ich schon Angst, dass jemand, den ich mag, Abstand nimmt, sobald ich das anspreche.

Manchen sei der Aufwand auch zu groß. "Es gibt viele Frauen, die toll sind und Sex noch im Paket dabeihaben – es gibt ein riesiges Meer an Auswahlmöglichkeiten."

Männer, sagt Elif, würden verständnisvoller als Frauen reagieren.

"Von Frauen höre ich oft den Spruch mit der Katze im Sack."

Die Aufforderung von Freundinnen, mal "richtig Spaß zu haben". Als könne man keinen Spaß haben, wenn man keinen Sex hat.

"Viele vergessen, dass man mit einem Mann viele andere schöne Dinge machen kann. Ich hatte schon richtig schöne Dates, wo sich die Männer so viel Mühe gegeben haben, sich was Tolles für mich zu überlegen, mich zu umwerben. Ich habe doch die ganze Zeit Spaß."

Und knutschen? Kuscheln? Hat sie schon mal einen Mann nackt gesehen?

Lana Petersen
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Lana Petersen
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"Ja. Ich bin beim Daten ein ganz normaler Mensch. Wenn ich date, küsse ich auch und genieße das Drumherum, wenn die Funken und der Zauber intensiver werden", sagt Elif.

Hat sie eine Vorstellung, wie passiert, wenn das alles konkreter wird? Es ist schließlich nicht schwer, sich über Sex zu "informieren", auch wenn man selbst keinen hat.

Pornos sind im Internet leichter zu bekommen als eine vernünftige Antwort auf gutefrage.net.

"Wenn man sich die meistgeschauten Pornos anguckt, wird einem gruselig. Das hat nichts mit Liebe, Sex oder der Realität zu tun", sagte Elif. Sie rede da eher mit ihren Freundinnen drüber.

Aber ich will, dass er den Sex mit mir wertschätzt.
Elif

Aktuell ist Elif single. Bei ihrem Zukünftigen ist ihr wichtig, dass er versteht, dass es eben nicht so eine leichtfertige Sache ist, mit einer Frau ins Bett zu gehen. "Aber ich will, dass er den Sex mit mir wertschätzt."

Eine genaue Vorstellung von ihrer ersten Nacht hat sie nicht: "Wahrscheinlich passiert es betrunken während der Hochzeitsnacht", lacht sie.

Angst nicht mit dem Sex zufrieden zu sein, hat sie nicht.

"Wenn jemand mich liebt, will er doch mit mir zusammen sein und genießt die Nähe und wird das schön finden."


*Name von der Redaktion geändert.

Gerechtigkeit

Warum viele Opfer rechter Gewalt in der offiziellen Statistik nicht erwähnt werden

30.08.2017, 16:17 · Aktualisiert: 30.08.2017, 19:46

Sie wurden auf offener Straße totgeschlagen, in ihrer Wohnung erschossen oder mit dem Messer umgebracht – weil den Tätern die Farbe ihrer Haut nicht passte, oder ihre Herkunft oder ihre politischen Überzeugungen. 

Seit 1990 wurden nach Angaben der Amadeu-Antonio-Stiftung mindestens 178 Menschen von Rechtsradikalen umgebracht. Das Bundeskriminalamt spricht dagegen von lediglich 75 Todesopfern.