06.04.2018, 17:04 · Aktualisiert: 13.04.2018, 12:13

Christoph, 28, fragt:

Meine Freundin ist schon sehr lange unheilbar krank. Sie hat Multiple Sklerose, es wurde vor drei Jahren diagnostiziert. Bis dahin waren wir ein glückliches und normales Paar. Wir hatten unsere Jobs, unsere Reisen. Wir hatten Träume.

Heute sitzt sie im Rollstuhl. Wir haben heftige Zeiten hinter uns. Haben fast geheiratet, als es einmal so aussah, als würde es zu Ende sein. Sind in eine barrierefreie Wohnung gezogen. Ich arbeite nur noch Teilzeit, weil sie immer weniger allein klarkommt. Unsere Liebe wurde belastbarer, extremer.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Ich würde sie nie verlassen und habe Angst vor diesem einen Tag, an dem sie sterben wird. Es könnten Monate sein oder Jahre – das sagen sie uns schon seit Monaten und Jahren.

Ich habe mich für diese Frau aufgegeben, und erst so langsam merke ich, was das bedeutet. Ich habe zum Beispiel ein paar Freunde verloren, weil ich einfach keine Zeit mehr für sie hatte. Und ich habe keinen Sex mehr, weil es nicht mehr geht.

Doch ich vermisse es, befriedigt zu werden. Ich weiß, wie das klingt: egoistisch, verletzend. Aber ich selbst und meine Hände reichen nicht. Ich brauche Sex!

Multiple Sklerose (MS)

  • MS ist eine chronische Krankheit des zentralen Nervensystems, die Gehirn und Rückenmark umfasst und meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. 
  • Der Schweregrad der Behinderungen des Betroffenen wird häufig anhand einer Skala angegeben.
  • Die Krankheit ist in Verlauf, Beschwerdebild und Therapieerfolg von Patient zu Patient extrem unterschiedlich. Aus diesem Grund ist MS auch als "Krankheit mit den 1000 Gesichtern" bekannt. (DMSG)

Der Gedanke daran sprengt mir den Kopf. Ich kann mittlerweile an keiner schönen Frau mehr vorbeigehen, ohne daran zu denken, dass ich sie gerne flachlegen würde. Mit meiner Freundin hat das nichts zu tun. Wie gesagt, ich liebe sie.

Aber ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, fremdzugehen. Es tut mir selbst so unfassbar weh, das zu formulieren. Aber es tut mir auch weh, mich seit Jahren um einen kranken Menschen zu kümmern, von dem ich quasi keine körperliche Nähe erfahre. Ich kann sie umarmen, küssen, das war's. Ohne, dass ich sie das spüren lasse, macht mich das nicht nur traurig, sondern auch aggressiv!

Soll ich? Darf ich? Ist es okay, es einfach zu tun, ohne dass sie es je erfahren wird? Oder werde ich dafür in die Hölle kommen?

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Lieber Christoph,

die Erkrankung deiner Partnerin ist eine große Herausforderung für euch als Paar. Ihr könnt sehr stolz auf euch sein, dass ihr diese Belastungsprobe bisher so gut gemeistert habt. Ihr habt es geschafft, euch in vielerlei Hinsicht auf die neue Lebenssituation einzustellen und du scheinst wirklich hinter deiner Freundin zu stehen.

Doch beim Lesen deiner Zeilen wird auch deutlich, dass du dich die ganzen Jahre zu sehr aufgeopfert hast und deine Bedürfnisse hinten angestellt hast. Das muss auf Dauer dazu führen, dass du unzufrieden, unausgeglichen und sogar aggressiv wirst. Dein innerer Konflikt besteht ja schon lange – bisher hast du dich meist für den Verzicht entschieden, zugunsten deiner Freundin.

Doch diese Lösung scheint nun nicht mehr zu funktionieren. Deine innere Zerrissenheit hat sich schon so zugespitzt, dass du im Moment nur das Fremdgehen als Ausweg siehst. Doch ich glaube nicht, dass das eine tragfähige Lösung sein kann.

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Lennart Gäbel
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Aus meiner Sicht sollte eure fehlende Sexualität nicht allein dein Problem sein, mit dem du irgendwie klarkommen musst, sondern ein Thema, mit dem ihr euch als Paar auseinandersetzen müsst. Es hört sich so an, als wäre es klar für euch, dass es Sexualität eben einfach nicht mehr gibt, aber muss das wirklich so sein?

  • Wie offen sprecht ihr über eure Sexleben?
  • Weiß deine Freundin, dass es dir mit dem fehlenden Sex schlecht geht? Welche Haltung hat sie dazu?
  • Woran liegt es, dass ihr keinen Sex mehr habt? Sind es in erster Linie körperliche Einschränkungen? Oder auch psychische Faktoren, wie Unsicherheiten oder Schamgefühle?
  • Inwieweit könntet ihr andere Sexualpraktiken (oral, gegenseitige Masturbation) ausprobieren? Welche Hilfsmittel kommen bei fehlender Lust von ihrer Seite in Frage (erotische Filme, Gleitmittel, Sexspielzeug?)?
  • Welche Atmosphäre fördert eure Intimität?
Wie offen sprecht ihr über eure Sexleben?
Kathrin Hoffmann

Ich denke, es ist wichtig, dass ihr euch sowohl von ärztlicher Seite beraten lasst, als auch psychologische Unterstützung sucht – zum Beispiel in Form einer Paartherapie.

Wieder eine halbwegs erfüllende Sexualität zu entwickeln, bedeutet eine große Anpassungsleistung von euch beiden. Ihr braucht dazu viel Offenheit, Mut und gegenseitiges Vertrauen. Ihr werdet euch immer wieder von Idealvorstellungen lösen und auf die Suche nach Kompromissen gehen müssen.

Dabei darfst du dich und deine Bedürfnisse aber nie aus den Augen verlieren. Du musst dir immer wieder klar machen, was du brauchst, um wieder Kraft zu tanken und was dich (auch unabhängig von deiner Freundin) zufrieden macht. Das ist für dein seelisches Gleichgewicht wichtig, aber auch für eure Beziehungsqualität.

Alles Gute für dich bzw. euch!

Deine Kathrin


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Zuckersteuer in Großbritannien: Was bringt die neue Abgabe?

06.04.2018, 16:36

Hersteller von Softdrinks mit besonders viel Zucker müssen in Großbritannien ab sofort eine Abgabe an den Staat zahlen – bis zu 28 Cent pro verkauften Liter. Die Einnahmen sollen im ersten Jahr rund 300 Millionen Euro betragen und in den Schulsport und gesundes Frühstück in der Schule gehen. (ZDF heute)

Warum wurde die Abgabe eingeführt?

In Großbritannien ist mehr als die Hälfte aller Erwachsenen übergewichtig. Bei den Kindern zwischen zwei und 15 ist es fast ein Drittel, Tendenz steigend. Der Zuckerkonsum ist über alle alle Altersgruppen hinweg über der empfohlenen Menge, bei Teenagern ist er besonders hoch – dreimal mehr als empfohlen. Rund ein Viertel davon kommt allein durch Softdrinks.

Den Nationalen Gesundheitsdienst NHS kostet die Fettleibigkeit und die damit verbundene Diabetes vom Typ 2 nach Angaben des Gesundheitsministeriums jedes Jahr etwa 6,9 Milliarden Euro