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Fühlen

Warum ich ohne Liebe ganz großartigen Sex hatte

17.11.2015, 18:59 · Aktualisiert: 05.10.2016, 15:58

Viele sagen: “Sex mit Liebe ist immer viel besser als Sex ohne Liebe.” Ist das wirklich so?

Meine Freundin Nina tindert ziemlich viel. Sie hat regelmäßig Tinder-Dates, und fast genau so regelmäßig auch Tinder-Sex. Manchmal mehrmals die Woche, ja, sogar mehrmals am Abend. Nina kann Sex haben, ohne großartig Gefühle ins Spiel zu bringen.

“Sex mit Liebe ist immer viel besser als Sex ohne Liebe.” Ein Satz, den an so manchem Abend irgendwann irgendjemand gesagt hat, woraufhin fast alle Vergebenen in der Runde zustimmend in ihr Glas nicken.

Nach einem meiner letzten Treffen mit Nina habe ich angefangen zu überlegen, wie das eigentlich ist mit dem Sex ohne Liebe. Dabei musste ich an Tom denken. Und an den großartigen Sex, den wir hatten.

Ich kannte Tom kaum, hatte ein paar Mal mit ihm geschrieben, ihn einmal bei einer Party gesehen - auf der er mir Interesse signalisierte. Ich wusste, dass viele meiner Freunde ihn für ein Arschloch hielten, ich selbst fand ihn reichlich uninteressant - zumindest als Menschen. Körperlich fand ich ihn erstaunlich anziehend.

Ich nahm mir einfach, was ich brauchte und glaube, er tat das auch.

Wir trafen uns im Abstand von wenigen Wochen zweimal. Im Prinzip hatten wir uns nichts zu sagen und führten nur zum Alibi ein bisschen Smalltalk oder schmissen einen Film an, bis wir glaubten, dass genug Zeit vergangen ist, um sich die Klamotten vom Leib zu friemeln.

Der Sex war ungelogen einer der besten meines Lebens. Und ich kann mir sogar ganz gut erklären, warum: Tom war mir völlig egal. Deswegen interessierte mich auch nicht, was er von mir hielt. Ich hatte keine Ambitionen, besonders auf seine Bedürfnisse zu achten oder ihm in positiver Erinnerung zu bleiben. Ich nahm mir einfach, was ich brauchte und glaube, er tat das auch. Ich glaube sogar, dass ihn mein Selbstbewusstsein im Bett ganz schön anmachte. Wodurch ich mich wiederum wie eine Femme Fatale fühlte.

Ich weiß natürlich nicht, was er wirklich dachte und fühlte. Ich habe nie danach gefragt. Aber für mich funktionierten wir im Bett ausgezeichnet, trotzdem oder wahrscheinlich sogar weil wir keinerlei - nicht mal freundschaftlich geartete - Gefühle füreinander hegten. Wir hatten auf Anhieb ganz hervorragenden Sex ohne Liebe.

Wenn ich mit meinem Freund schlafe, möchte ich viel zu sehr, dass wir uns beide wohlfühlen.

Bei anderen Techtelmechtelpartnern, für die ich wirklich etwas übrig habe, denke ich oft viel zu viel nach. Ich frage mich dann, ob er mag, was wir machen. Ich möchte ihm gefallen und hoffe insgeheim, dass er sich nicht später darüber ärgert, mich ausgezogen zu haben.

Wenn ich mit meinem Freund schlafe, möchte ich viel zu sehr, dass wir uns beide wohlfühlen. Manchmal ist das wahnsinnig intensiv, an anderen Tagen kann das auch unglaublich anstrengend werden. An diesen Tagen ist man vielleicht schlicht horny oder will mit dem Sex einfach Stress abbauen, traut sich aber nicht so recht, die Zärtlichkeiten und innigen Küsse einfach mal wegzulassen.

Nimmt man sich auch in der Partnerschaft ganz egoistisch, was man braucht, dann fühlt man sich hinterher oft mies. Dann macht sich das Gefühl breit, man müsse es beim nächsten Mal wieder gutmachen.

Frauen wie Nina gelten gern als gefühlskalte Schlampen. Sie seien nicht über ihren Ex hinweg. Oder wollten sich nur ablenken, weil irgendwas anderes in ihrem Leben nicht läuft. Das kann sicher mal vorkommen, aber tatsächlich finde ich ziemlich in Ordnung, wie Nina mit ihrer Lust und ihrer Sexualität umgeht, solange sie die Fronten vorher klärt. Denn manchmal muss es eben genau das sein: Sex ohne einen Rucksack voller Gefühle, Sorgen, Wünsche, Ängste und Rituale. Einfach nur Sex.