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Fühlen

Angst vorm zu früh kommen? Was ich von "American Pie" über Sex gelernt habe

27.01.2016, 18:44 · Aktualisiert: 05.10.2016, 16:16

Die Blütezeit der Bumsklamotte erwischte mich voll in meiner Pubertät. Als ich "American Pie" sah, war ich gerade ins masturbierende Alter gekommen. Der Film von 1999, der unser kulturelles Gedächtnis um die sexuelle Praktik der Kuchenkopulation bereicherte, löste eine Lawine weiterer Teenie-Sexkomödien aus.

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"Road Trip", "Party Animals", der – dramaturgisch quasi identische – zweite "American Pie" oder deutsche Nachmachen wie "Harte Jungs" und "Mädchen, Mädchen" dominierten die Kinocharts um die Jahrtausendwende so sehr, dass irgendjemand in Hollywood "Nicht NOCH ein Teeniefilm" gestöhnt haben muss – und so die nächste Filmidee gebar.

Wir pubertären Hormonroboter sahen sie alle und rätselten später auf dem Pausenhof, welches Mädchen in unserem Schulorchester wohl die mit den ungewöhnlichen Masturbationsneigungen war.

Die Teeniefilme dieser Tage waren härter und hohler als fast alles, was das Coming-of-Age-Genre vorher und nachher zu bieten hatte. Die Protagonisten wollten entjungfert werden oder endlich Orgasmen haben, damit war ihre Seelenlage weitgehend auserzählt. Uns kam der Minimalismus dieser Filme gerade recht: Sie waren radikal reduziert auf das, was uns Pimmel-Padawane wirklich interessierte.

Ich frage mich aber heute, was wir aus diesen Filmen gelernt haben. Ernsthaft. Immerhin fiel der kollektive Tiefseetauchgang in den Teenie-Trash in die sensibelste Phase unserer Mannwerdung. Mangels eigener Empirie stammte all unser Wissen über körperliche Liebe aus diesen Filmen.

Und kein Thema interessierte uns mehr: Zur gleichen Zeit saßen nämlich wir mit Mädchen im Klassenzimmer, deren Brüste und Schminkfertigkeiten mit jedem Tag zu wachsen schienen. Es war die Hochphase des Tangas und der Tiefpunkt des Hosenbundes.

Weil die attraktivsten Mädchen aber die Jungs drei Klassen über uns dateten, wuchsen bei uns Ungeküssten nur die Libido und unsere Qualen, alles zu wollen, wenig zu können und nichts zu dürfen.

Wer "American Pie" ernst nahm, hielt die Entjungferung zum nächstmöglichen Zeitpunkt für seine oberste Bürgerpflicht.

Wer "American Pie" ernst nahm, hielt die Entjungferung zum nächstmöglichen Zeitpunkt für seine oberste Bürgerpflicht. Und das obwohl uns der Film klarmachte, dass der Weg dorthin mit peinlichen Situationen unseres völligen Versagens gepflastert sein würde.

Mit zu frühen Orgasmen etwa. Wenn eine Rolle als liebenswerter Loser oder als arrogant-armseliges Arschloch erkennbar sein sollte, strafte ihn der Screenwriter mit einer miserablen Ejakulationsdisziplin.

Jim aus "American Pie" kam vor dem ersehnten Vollzug gleich zweimal in die eigene Buxe, in "Party Animals" und "Mädchen, Mädchen" hielten die fiesen Freunde der guten Hauptdarstellerin auch nie lange durch. Sogar "Crazy" – einer der großartigen Jugendfilme der frühen 2000er – lehrte uns, dass der, der nicht erwartungskonform abspritzen kann, am Ende den Wichskeks frisst.

Mein erster Sex unter Normalbedingungen dauerte geschlagene 50 Minuten.

Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben – diese Lektion brannte sich in unsere Gehirne ein. Und wir waren wild entschlossen, diese Schmach bei unserem ersten Mal zu verhindern.

Also trainierten wir: Auf Anraten meines Nachbars Andi, der allen im Dorf die Filme rippte, zog ich regelmäßig die Muskulatur in meiner Leistengegend zusammen, um sie im Ernstfall besser kontrollieren zu können. Ein Workout, mit dem ich fortan meine Mathestunden verbrachte. Beim Onanieren vor den Hausaufgaben übte ich mich in Geduld und nahm jedes Mal mehrere Anläufe. Tantra für den Hausgebrauch, so ähnlich wie in "American Pie 2".

Bei mir wirkte das Training am Ende weit besser als es sollte: Mein erster Sex unter Normalbedingungen – mit meiner Freundin, in einem Bett – dauerte geschlagene 50 Minuten. Sie war, glaube ich, längst gekommen, ich wollte das auch so gerne, aber es ging nicht. Wir waren erschöpft und völlig verschwitzt, als sie mich fragte, wie lange ich denn noch bräuchte – es täte nämlich langsam weh.

Darauf hatte mich kein Film vorbereitet.

Trotzdem: Anders als Pornos, in denen jeder immer alles konnte, hatten die Bumskomödien der ersten Millenniumsjahre eine zutiefst humanistische Botschaft für uns: Egal was für eine Pfeife du heute bist, am Ende findest du schon dein Orchestermädchen. Alle übertriebenen Slapstickszenen und eindimensionalen Charaktere mal beiseite, im Kern zeichneten "American Pie" und Co. eben doch eine realistische Vision unserer tapsigen Gehversuche ins Sexleben:

Es wird peinlich. Es wird entwürdigend. Es wird alles gut.

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