Fühlen

Sex ist geil? Kein Sex ist geiler

18.05.2017, 16:42 · Aktualisiert: 20.05.2017, 10:29

Warum wir manchmal einfach warten sollten

Da saß ich nun mit meiner Vögel-App (von der ich in vergangenen Kolumne berichtete) – und hatte doch keine Lust auf sinnloses Vögeln. 

Verletzt es eigentlich die Regeln des Tinder-Spiels, wenn ich ein Treffen mit interessanten Fremden, aber keine Bettgeschichte suche? Ich wollte es herausfinden.

Ein verdammter roter Mond. Anton lag mit mir unter einem Birnbaum und lachte Tränen über den Kitsch. Ich hatte ihn über Tinder kennengelernt, als ich in Dresden das Haus von Freunden hüten sollte.

In der Stadt kannte ich niemanden und tat das, was ich am liebsten tat: ein paar Swipes, ein Match, ein paar Zeilen ausgetauscht, schon kugelte ich mich mit einem schönen Fremden im Gras unter einem orange-roten Vollmond. Und meine Liebe für das Internet wuchs ins Grenzenlose.

Was ist Liebe, was ist Sex? Die Fotografin Karen Rosetzsky antwortet mit Fotos:

1/5

Ein paar Stunden zuvor hatten wir uns verabredet – und er sah aus wie ein Schauspieler aus einem Zwanzigerjahre-Abenteuerfilm: Sein Körper war drahtig und die Haut gebräunt. Von der Sonne weißblonde Haare fielen über schlumpfeis-blaue Augen. Als wir durch die Altstadt gingen und er mein Fahrrad schob, fühlte sich das so selbstverständlich an, als wäre nichts anderes denkbar.

Weil es zu regnen begann, setzten wir uns an die Elbe unter ein Blätterdach und erzählten uns von unseren unbekannten Leben. Er las dieselben Bücher wie ich und studierte Philosophie. Als es Nacht wurde, fuhr er mich auf dem Gepäckträger des klapprigen Rades nach Hause.

Mehr über ​Mira Orlova

Sie ist 26 und kommt aus St. Petersburg. Und sie hat Fragen: Wie beeinflusst das Internet unsere Dates? Sind wir durch Apps wirklich freier geworden – oder nur freizügiger? Haben wir alle bald Roboter-Sex? In ihrer Sexkolumne will sie die Einflüsse des Internets auf unser Liebesleben diskutieren. Weil es in ihren Geschichten um echte Erlebnisse mit anderen Menschen geht, heißt Mira eigentlich anders. Safety first!

Ich hielt mich an seinem Bauch fest und fühlte mich sicher wie ein Kind, das vom Vater halb schlaftrunken durch die Nacht getragen wird. 

Zu Hause schafften wir die Matratze aus dem Bett in den Garten, um unter dem alten Birnbaum zu schlafen. "Ich will aber keinen Sex mit dir haben", flüsterte ich gegen seinen Hals, als seine Hand meinen Busen suchte.

Er antwortete: "Oh Mann", zog aber sofort seine Hand zurück. Am nächsten Morgen fragte er mich, ob er nach Hause gehen soll. Ich sagte: "Nein."

Wir gingen in ein Waldschwimmbad um die Ecke, lagen in der Sonne, rauchten einen Joint nach dem anderen und unterhielten uns weiter. Er erzählte von seinen 40 Tinder-Dates vor mir, vom Sex mit ihnen und seinen Experimenten mit Prostituierten, Männern und einem Transsexuellen mit gigantischen Silikonbrüsten und Penis. 

Mehr Sex-Kolumnen? Hier:

Lana Petersen
Lana Petersen
Lana Petersen
Lana Petersen
Lana Petersen
Lana Petersen
Lana Petersen
Lana Petersen
Lana Petersen
Lana Petersen
1/12

Anton wollte alles und jeden fühlen. 

Er sammelte Abenteuer wie ein Junkie, ein Sex-Maniac. Doch es war nicht nur der Sex – er wollte das Leben verschlingen und suchte genau wie ich nach Momenten. Tinder war ein Werkzeug, das es ihm leicht machte. Ich verstand, wie er dachte – und wusste gleichzeitig, dass es die beste Entscheidung aller Zeiten war, nicht mit ihm zu schlafen.

Hätten wir Sex gehabt, hätte er wohl nie so offen mit mir gesprochen. Als wir am Abend in den Weg nach Hause einbogen, kamen wir an einem alten Hotel mit Sauna vorbei. Mein Bikini klebte am Shirt, unsere Haare waren nass und die Arme voller Gänsehaut: "Lass uns aufwärmen", sagte Anton und zog mich in das Hotel.

Wir waren alleine. 

Er stand nackt vor mir, ich sah endlich, was ich mir im Schwimmbad nur ausmalen konnte. Im Dampfbad setzte er sich und öffnete seine Schenkel. Ich sah einen großen Schwanz und schaute auf den Boden. Er wollte mich wahnsinnig machen.

Doch so leicht solle er nicht gewinnen. Als wir schwindelig vor Lust, Joints und Hitze aus dem Hotel kamen, glühten wir aufgeheizt in die Nacht. "Lass uns noch mal abkühlen", sagte Anton. "Wir brechen ins Schwimmbad ein."

Es war kurz nach zehn, der Weg durch den Wald schon dunkel und Anton nahm mich an der Hand. Als er mich unter dem Eisentor des Bades in Empfang nahm, an den Hüften packte und sanft auf den Boden setzte, hörten wir in der Ferne einen Hund bellen.

Mein Herz schlug Alarm.  Wir zogen uns aus, der Mond schien auf unsere Körper. Als wir in das stille Wasser tauchten, zog das Universum seine letzten Trumpfe, um den Moment so absurd sexgeladen zu machen, als wären wir die Protagonisten in einem schlechten Rosamunde-Pilcher-Film: Mond, Sterne, Grillen. 

​Das Nichtmiteinanderschlafen wurde zu einer größeren Lustquelle als Sex

Er packte mich im Nacken, zog mich an sich und küsste mich das erste Mal auf den Mund. Dabei spürte ich seinen Penis an meinem Buch und starb fast vor Erregung. 

Dann stieß er mich von sich: "Du willst ja nicht." 

Das Spiel begann ihm zu gefallen. Das Nichtmiteinanderschlafen wurde zu einer größeren Lustquelle als Sex. Wir genossen es, denn es machte unsere Nächte zu etwas, das sie von all den anderen unterschied. 

Ich habe die Regeln des Tinder-Spiels also nicht verletzt, sondern sie neu geschrieben.

Wir haben aus der als billig gebrandmarkten Vögel-App wahre Erotik herausgeholt. Und die ist so selten wie ein guter Rosamunde-Pilcher-Film.

Als ich am nächsten Morgen abreiste, brachte mich Anton zum Bus. Wir hatten drei Tage ohne Pause miteinander verbracht, aber nicht miteinander geschlafen. Und mein Herz war eine Atombombe.

Wie es mit Anton weiterging und wie mir das Online-Dating aus Versehen einen Haussklaven bescherte, erfahrt ihr in der nächsten Kolumne.


Fühlen

Eine Fotografin macht auf die Probleme der Welt aufmerksam – mit Disney-Prinzessinnen

18.05.2017, 15:28 · Aktualisiert: 18.05.2017, 15:56

Einmal sah Shannon Dermody eine Zeichnung von einer Prinzessin, die jemand geschlagen hatte – dazu die Frage: Wann hat er aufgehört, dich wie eine Prinzessin zu behandeln? "Das hat mich zum Nachdenken gebracht", sagt Shannon.