Fühlen

​Wie ich mich mal in einen Mann verliebte

16.03.2016, 15:48 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

Gehöre ich zu dieser "Nur mal gucken"-Fraktion, die sich aus sexueller Experimentierfreude ein schwules Abenteuer suchten?

Es gab keinen bestimmten Moment, an dem ich entschieden habe, mit Tim Sex zu haben.

Meine Kommilitonin Uli hatte ihn und andere alte Schulfreunde auf unsere Fakultätsparty mitgebracht, Motto war "Hawaii". Gegen die Plastikblumenketten am Eingang hatten wir uns nicht wehren können, die Dosenobst-Spießchen im Cocktail gaben uns wenigstens ein Gesprächsthema. Wer kauft diese widerwärtigen Gummiattrappen echter Früchte eigentlich ernsthaft?

Tim war ein auffallend schöner Mann, intelligent, witzig.

Tim hatte einen tollen Humor: Wir steigerten uns vom Schimpfen über Fruchtcocktails in immer höhere Sphären des Schwachsinns und stiegen als Zeichen unseres stillen Protests gegen die Diktatur der Dosen-Frutarier in dieser Industriehallen-Disco auf ehrliches, fruchtloses Pils um.

Dass Tim schwul war, hörte ich erst viel später in der Nacht in einem Gespräch von Uli und Juliane, einer anderen Bachelor-Studentin an unserem Institut. Letztere, damals Single auf der Suche, ärgerte sich gerade lautstark über die verpasste Chance für einen Aufriss. Sorry, Juliane.

Sie hatte ja recht: Tim war ein auffallend schöner Mann, intelligent, witzig. Er war groß, schlank, hatte halblanges, volles Haar um ein Gesicht wie gemalt: hohe Wangenknochen, Grübchen, große blaue Augen. Ein wenig androgyn, aber vor allem bildhübsch.

Ich war inzwischen angetrunken genug, um mich an unserem Tisch näher an ihn zu stellen und zufällig seine Hand zu berühren. Ohne konkretes Ziel wirklich. Einfach mal, um zu sehen, was passiert.

Bis zu diesem Abend war mein Liebesleben immer strikt hetero. Ganz automatisch, schien mir. Ich hatte in der dritten Klasse zum ersten Mal ein Mädchen toll gefunden und danach immer wieder. Tim berührte meine Hand nun auch. Bewusst?

Fotostrecke: Alle Sexkolumnen in der Übersicht

1/33

Ich komme aus einer ländlichen Region Süddeutschlands. Niemand in meiner Familie oder meinem Freundeskreis war offen schwulenfeindlich. Aber dass der Sohn einer Nachbarin nun einen festen Freund hat, erzählt mir meine Mutter schon als neuestes Gerücht.

Wir fanden es als Kinder lustig, affektiert zu näseln und wie über einen Laufsteg zu staksen, wenn wir einen vermeintlichen Schwulen nachäfften. Wir lachten in der Dusche nach dem Training, wenn ein Team-Kamerad sein Duschgel auf den Boden warf und jemandem befahl, sich danach zu bücken. Peinlich-pubertärer Jungs-Humor.

Gab es besondere Regeln beim Flirten, beim Küssen, bei der Frage, wo wir danach hingehen?

Trotzdem: Was steckte davon heute noch in mir? Tat ich da etwas, was mir später unangenehm sein würde? Gehörte ich zu dieser "Nur mal gucken"-Fraktion, die sich aus sexueller Experimentierfreude ein homosexuelles Abenteuer suchten?

Zumindest war ich völlig planlos. Gab es besondere Regeln beim Flirten, beim Küssen, bei der Frage, wo wir danach hingehen? Ich war planlos, als er am Ausgang meine Hand nahm. Planlos, als wir Händchen haltend am Fluss entlangliefen und wir unser Gespräch weiterplätschern ließen, als hätte keiner von uns gemerkt, was wir gerade machten?

Ich war sogar planlos, als ich ihn endlich an mich zog und küsste. So anders wie mit einer Frau konnte es ja wohl nicht gehen, dachte ich mir.

Das stimmte auch.

Die Erfahrung mit Tim lehrte mich vor allem, dass sich zwei Männer genau gleich ineinander verlieben wie ein Mann und eine Frau. Das Anpirschen, das klopfende Herz in den Sekunden, wenn man sein Bein berührt und er es noch wegziehen könnte. Schließlich sogar der Sex, der stellungsmäßig vielleicht eingeschränkt ist, aber genauso vom Vertrauen und der Achtsamkeit des Partners abhängig, um gut zu werden (und nebenbei, wegen des Mangels an Stellungen, ganz anders zur Kreativität anregt).

Dass wir kein Paar werden würden, wusste Tim vor mir.

Das klingt vielleicht alles furchtbar banal. Doch viele denken bei schwulem Sex eben vor allem an Darkrooms, harten Analsex oder Lack und Leder. Ich konnte mir schon denken, dass das medial übertriebener Quatsch war. Aber reale Vorstellungen hatte ich eben auch nicht.

Dass wir kein Paar werden würden, wusste Tim vor mir. "Du bist so 1000 Prozent hetero", sagte er vergnügt, als wir am nächsten Morgen noch im Bett lagen. Warum, konnte er auch nicht so genau sagen. Aber recht hatte er wohl.

Ich denke heute gerne an Tim. Weil es ein gutes Gefühl gibt, wenn sich ein in jedem Sinne attraktiver Mensch in einen verguckt – egal ob Mann oder Frau. Weil mich eine Erfahrung, die nie auf meiner (metaphorischen) To-Do-in-Life-Liste stand, im Nachhinein doch einiges lehrte.

Weil es mich um ein durch und durch schönes Erlebnis bereichert hat, und Tim zuallermindest um ein "Früchtchen", wie sie in seinem Freundeskreis einen Aufriss wie mich nannten. Hoffentlich kein Dosenfrüchtchen.

Auch lesenswert