Fühlen

"Schau mal, da läuft Krätze": Wie es sich mit Schuppenflechte lebt

13.09.2017, 10:44 · Aktualisiert: 13.09.2017, 13:45

Ein Blick, der verletzende Worte folgen lässt: "Schau mal, da läuft Krätze", ruft Anton. Wir stehen an einer Haltestelle in meinem Heimatdorf und warten auf den Bus, der uns zur Schule fahren soll. Ich bin gerade 13 – und traue mich nicht, etwas zu entgegnen.

Anton hat die vielen roten Entzündungen auf meinen Beinen gesehen. Er ist viel älter und müsste wissen, dass man solche abfälligen Bemerkungen nicht macht, denke ich.

Doch ohne etwas zu sagen, steige ich in den Bus und setze mich weit von ihm entfernt.

Heute bin ich 20. Seit über zehn Jahren suche ich nach Heilung für meine Krankheit: Psoriasis. Schuppenflechte. Eine nicht ansteckende, aber entzündliche Krankheit, von der die Haut, Augen und die Gelenke betroffen sein können.

Schuppenflechte äußert sich vor allem durch schuppende Stellen, die meist stark jucken und schmerzen oder brennen. Die genaue Ursache der Erkrankung ist noch nicht geklärt – Ärzte gehen aber davon aus, dass sie vererbt wird oder durch seelische Probleme ausgelöst werden kann.

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Weltweit leiden 125 Millionen, in Deutschland etwa zwei Millionen Menschen, unter Schuppenflechte (Deutsche Ärzte-Zeitung).

Bei mir fing es an, als ich noch ein Kind war und mich mit meinem Körper und meiner Haut noch nicht wirklich beschäftigt hatte. Ich wachte eines Morgens auf und entdeckte schuppige, gerötete Stellen auf meiner Kopfhaut. Meine Mutter meinte, das sei sicher nur Schorf.

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Doch kurz darauf bildeten sich die krustigen Stellen fort, auch auf meinen Armen und Beinen, die Entzündungen breiteten sich regelrecht aus. Besonders gegen Abend oder nach dem Duschen musste ich kratzen, oft ging es sogar so weit, dass mir der Juckreiz den Schlaf raubte.

Dass ich überall rote Stellen auf der Haut hatte, machten viele Momente zur Tortur. Beim Shoppen zum Beispiel: Sich immer wieder an- und ausziehen sorgte für so starke Reibung zwischen Kleidung und Haut, die roten Stellen brannten fürchterlich.

Einige Tage, nachdem ich festgestellt hatte, dass mit meiner Haut etwas nicht stimmt, fuhren meine Mutter und ich zum Hausarzt. Der untersuchte die betroffenen Stellen und diagnostizierte Schuppenflechte.

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Im ersten Moment wusste ich nicht genau, was er meinte. Das Wort selbst klang harmlos. Ich hatte Hoffnung und dachte: Nur eine Kleinigkeit, mit ein bisschen Creme wird das schon verschwinden.

Doch im Gegenteil, die Schuppenflechte wurde schlimmer. Ich verzweifelte, kratzte, fragte mich, wo das alles enden würde.

Ich lief von Arzt zu Arzt. Ich probierte Cremes, nahm Kortison, nichts half. Ich sprach mit Freunden über meine Krankheit, meldete mich in Psoriasis-Foren an und lag Nächte wach, weil das Brennen mich nicht schlafen ließ.

Die Stellen auf der Haut, an Armen und Beinen, schmerzten. Mal mehr, mal weniger.

Immer hatte ich die Hoffnung, dass der nächste Hautarzt das Heilmittel hat – nichts.

Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass die Krankheit bei mir vielleicht etwas mit Stress zu tun hat.

Ich bin ein Mensch, der sich Dinge sehr zu Herzen nimmt, ich nehme es schnell persönlich, wenn etwas schiefläuft. Das baut Druck in mir auf, der die Schübe der Krankheit begünstigt.

Womöglich war der Auslöser für die Erkrankung damals der Wechsel von der Grundschule zur weiterführenden Schule, den ich als aufreibend und stressig empfand.

Die alten Freunde gegen neue eintauschen, die Pubertät und das, was diese Umstellungen mit sich brachten, haben meinem Körper offenbar Anlass gegeben, auf sich aufmerksam zu machen.

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Dadurch wurden auch andere auf mich aufmerksam. Abfällige Bemerkungen und Blicke bekam ich im ersten Sommer zu spüren, in dem man meine geröteten Stellen sehen konnte.

Wenn ich kurze Hosen trug oder ins Freibad ging, sah jeder, dass mit meiner Haut was nicht in Ordnung war.

Oft erklärte ich mich und meine Krankheit daraufhin. Viele glauben, Psoriasis ist ansteckend, und schrecken vor mir zurück.

Ich nahm mir Zeit, kämpfte gegen die Unwissenheit der anderen und auch ein bisschen gegen das Vorurteil, jede Hautkrankheit sei ansteckend und abstoßend. Meine Freunde konnten mich gut verstehen, doch die Blicke von Fremden verletzen mich bis heute.

Als ich Abi machte, brach die Krankheit besonders stark aus. Die vielen Prüfungen bedeuteten für mich viel Stress.

Ich kämpfe gegen die Annahme, meine Krankheit sei ansteckend
Curly

Ich blätterte stundenlang in Gesundheitsmagazinen und Online-Foren, in denen es meistens nur hieß: "Gegen Entzündungen der Haut hilft eine ausgewogene Ernährung, viel Schlaf, viel Trinken."

So einfach war es nicht.

Mir half nur bedingt, mal für vier Wochen auf Weizen und Zucker zu verzichten. Besser ist es, Pausen vom hektischen Alltag einzulegen.

Immer wenn ich an der See bin, lindert die salzige Luft die Rötungen auf meiner Haut. Gegen den ständigen Drang, sich kratzen zu müssen, hilft nur: durchatmen und sich ablenken.

Meditation und Yoga helfen dabei, Ruhe zu bewahren und nicht verrückt zu werden. Doch auch Sport, eine Runde an der frischen Luft zu joggen, kann helfen, die Gedanken zu lockern.

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Ich sage mir immer wieder selbst, dass wir uns nicht von etwas runterziehen lassen sollten, das wir nicht beeinflussen können.

Mir ging es viel besser, als ich nach und nach begann, die Krankheit als einen Teil von mir zu betrachten und sie zu akzeptieren. Schuppenflechte ist nicht tödlich und ich bin froh, dass ich nicht an einer lebensbedrohlichen Krankheit leide.

Auch, wenn das kitschig klingt: In schlechten Phasen erinnere mich an das, was gut in meinem Leben ist und wofür ich dankbar bin.

Ich kann mich frei bewegen, bin fit. Ich kann sehen und hören, sprechen und schreiben, und alle Düfte dieser Welt mit meiner Nase wahrnehmen.

Und etwas Gutes hat die Schuppenflechte sogar: Sie ist mein Frühwarnsystem. Wenn ich mir mal wieder zu viel vornehme, zu viel auf dem Tisch hab, und das Jucken langsam beginnt – dann weiß ich, dass ich Schluss machen muss.


Haha

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