Fühlen

Was mir zwei Stunden in der Burgerschlange über das Leben verrieten

10.01.2018, 10:36 · Aktualisiert: 11.01.2018, 12:13

Um kurz vor neun zweifle ich zum ersten Mal an meinem Verstand. Ich dehne die Ärmel meiner Jacke, bis sie meine Eishände vollständig bedecken und betrachte den Boden. Wann genau habe ich beschlossen, so einen Scheiß mitzumachen?

Wir stehen seit zwei Stunden vor der Tür eines neuen Ladens im Hamburger Karoviertel, Sonntag, minus zwei Grad.

Das machen wir, weil wir hier einen Cheeseburger mit Süßkartoffelpommes und Trüffelmayo bestellen wollen. Auf dieselbe Idee sind fünfzig andere gekommen, die sich nun wie auf Klassenreisen in Paaren hintereinander stellen.

Ich führe ein Leben mit katastrophal kleinen Freizeitfenstern, deswegen bin ich häufig ungeduldig und lege wenig Wert auf aufwendig zubereitetes Essen. Für das Instagram-Menü nehme ich hingegen gerade in Kauf, zu erfrieren.

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Denn schließlich ist dieses Geschäft der Grund, weshalb meine Timeline gerade nur noch aus saftigen Rindfleischbuletten auf Schieferplatten besteht. Da musst du hin, betonten Freunde, Kollegen und all jene, von denen man weiß, dass sie die Stadt kennen. Wenn Süßkartoffelpommes, dann die. Rein geschmacklich wirst du ausrasten. Und die Räume, stylisch.

Rein geschmacklich wirst du ausrasten!
Freunde der Autorin

Das alles klang verblüffend. Also hin.

Die Länge der Schlange geht bis fast auf die Straße. Wir sind irritiert, lassen uns aber nicht von dem Plan abbringen, endlich auch zu probieren. Muss der Knüller sein, wenn hier selbst sonntagabends viel los ist. Wir stellen uns hinten an, die anderen unterhalten sich schon.

Da sind Marc und Elsa, zwei vor uns, die die anderen mit der Behauptung anstacheln, sie hätten wirklich alle Burgerläden Hamburgs getestet und dieser sei es.

Wenn Süßkartoffelpommes, dann die!
Kollegen der Autorin

Da ist die halbe Fußballmannschaft, die sich ohne Pause "schon mal ein erstes Bier" von drinnen holt, woran der Laden heute Abend wohl am besten verdient.

Da sind Christian und Leo mit bunten Sneakern, die bestimmt kreative Berufe haben und genau diese schönen Fotos posten, Essen auf Schieferplatten.

Und dann ist da das Paar, das so tut, als kenne es ein echtes Geheimnis: Es gebe eine Namensliste, und wer draufstehe, der komme schneller rein. Eine Information, bei der die Stehenden unruhig werden und ein bisschen drängeln.

Dieser Laden muss keine Werbung machen, vor der Tür flüstert man sich stattdessen aufregende Mythen zu.

Probieren? Kostet zwei Stunden!

Probieren? Kostet zwei Stunden! (Bild: Getty Images)

Nach einer Stunde wissen wir voneinander die Vornamen, ob wir wollen oder nicht, Reden hilft gegen frieren.

Und obwohl in regelmäßigen Abständen jemand sagt, dass die Warterei absurd ist, bleiben wir stehen. Selbst, als einer bei einem anderen Burgerladen um die Ecke anruft, der noch einige Plätze frei hat, geht niemand rüber.

Es ist paradox. Je länger wir hier stehen, desto mehr sind wir bereit, noch länger hier zu stehen. Das Warten wird zum Statussymbol und ist vielleicht auch ein Stück urbane Arroganz: Wir wissen, was wirklich gut ist, und dafür opfern wir unser kostbarstes Gut. Zeit.

Angesagte Restaurants, Clubs, wir warten davor, auch wenn es uns quält. Vielleicht nicht nur, damit wir mitreden können. Sondern auch, weil die Hoffnung auf den Glücksmoment, auf die Befriedigung der Sinne nach fünf Tagen Bürostuhl, zu verlockend ist, als dass sich ausscheren ließe. Die Woche war hart genug, und um uns davon freizukaufen, sind wir offenbar bereit, anzustehen.

Ich weiß, dass ich Menschen auslachen würde, die wegen Fleisch im Brötchen 120 Minuten warten. Jetzt bin ich selbst so ein Mensch. Wenn alle sagen, drinnen sei es einzigartig, dann muss sich das hier draußen doch lohnen?

Nur noch 120 Minuten warten...

Nur noch 120 Minuten warten... (Bild: Getty Images)

Schon nach zehn Minuten dachte ich trotzig, dass ich immerhin schon zehn Minuten gewartet habe. "Jetzt sind wir schon mal da", es ist so kalt, dass der Atem dampft.

Neunzig Minuten später bin ich so wütend, dass ich nicht nur dampfe, sondern auch spucke. "Warum reden alle von ach so tollen Burgern, und keiner von diesem Zirkus hier?", rufe ich. Hätte ich mich angestellt, wenn mir einer gesagt hätte, wie lange es dauert?

Jetzt brüllt es von hinten. "Vorrücken!", und bei dem Gedanken an den nächsten Platz in der Schlange werde ich wieder etwas milder und rücke.

Die Tür geht auf, zwei raus, Marc und Elsa rein, jetzt sind wir die Ersten. Das Gefühl müssen wir erst mal sacken lassen. Ich ertappe mich beim Lächeln, wie bescheuert, aber: Triumph, Triumph!

Als wir hereingebeten werden, fühle ich meine Füße nicht mehr, egal. Ich habe mich selbst übertroffen, die Schlange überstanden, und jetzt gehöre ich endlich auch zum Kreis der Burgerladengeschichtenerzähler.

Doch dann wird die triefende Bulette auf Schiefer serviert. Ich beiße in den Burger und mir fällt wirklich kaum etwas ein, was ich davon erzählen soll.

Ich schmecke normales Fleisch, normale Cola und ganz okaye Mayonnaise. Es ist stickig und eng, ständig rammt wer unseren Tisch, die Fußballjungs schwitzen. Am Nebentisch macht Elsa Fotos für Instagram. Nahaufnahmen, eine Totale von hier gäbe ganz sicher kein Like.

Vorrücken!
Leute in der Schlange

Draußen vor der Tür, uns im Nacken, stehen neue fünfzig Leute, die auch reinwollen, weswegen wir schlingen, anstatt uns zu entspannen. Der Kellner hat uns schon mal die Rechnung gebracht, nach dreißig Minuten soll schon wieder alles vorbei sein.

Wenn ich daran denke, dass ich eines meiner katastrophal kleinen Freizeitfenster hierfür geopfert habe, möchte ich weinen. Nie wieder werde ich warten, schwöre ich mir, ich werde den Leuten die Wahrheit erzählen. Dann nehme ich noch einen großen Schluck Cola, gegen den Kloß im Hals.


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Giuliana Farfalla ist das erste Transgender-Model auf dem deutschen Playboy-Cover

10.01.2018, 09:01 · Aktualisiert: 10.01.2018, 11:04

Auf dem Cover des deutschen Playboys hat Giuliana Farfalla viele prominente Vorgängerinnen. Seit 45 Jahren ziehen sich mal mehr, mal weniger bekannte Frauen hierzulande für das Männermagazins aus. Dennoch ist Farfallas Striptease eine Premiere: Sie ist die erste Transsexuelle auf dem Cover der deutschen Ausgabe.

Geboren wurde Giuliana vor 21 Jahren als Junge in Baden-Württemberg. "Ich habe das relativ früh gemerkt, dass ich im falschen Körper geboren wurde", erzählt sie in einem Interview. Unterstützung bekam sie in dieser Zeit vor allem von ihrer Mutter. Vor einiger Zeit erfolgt dann die Geschlechtsangleichung. (RTL)