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08.07.2018, 10:16 · Aktualisiert: 13.07.2018, 12:00

Der erste Sex nach der OP war eine Katastrophe.

Eigentlich mochte Marisa* ihren Körper immer. Die 27-Jährige hatte nie ein Problem mit ihren Brüsten, dem Po, den Oberarmen. Das, was sie als Problemzone empfand, lag woanders. Weniger sichtbar. Marisa mochte ihre inneren Schamlippen nicht.

Die ragten zwei Zentimeter heraus, die äußeren Schamlippen konnten sie nicht umschließen. Mit 16 Jahren fiel Marisa das zum ersten Mal auf: "Bei meinen Freundinnen sah die Scheide nicht so aus", sagt sie.

Beim Basketballtraining wollte sie nicht mehr gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen duschen. Im Freibad hatte sie Angst, dass sich die Schamlippen in der engen Bikinihose abzeichneten. Wenn sie sich schöne Spitzenunterwäsche kaufte, fühlte es sich an, als würde sie auf einem Metallgitter sitzen, so sehr rieben sich die Schamlippen an der festen Spitze.

Die größten Hemmungen hatte Marisa beim Sex.

Denn wenn sie Pornos sah, fand sie die Schamlippen der Darstellerinnen immer perfekt, dort hing keine Schamlippe heraus. Der Gedanke an Oralsex ließ Marisa erschaudern. Sie wollte nicht, dass ein Mann ihre Scheide genauer anschaute. Denn wenn Marisa erregt, ihre Vulva stärker durchblutet war, wurden die Schamlippen noch größer.

(Bild: unsplash.com / Charles Deluvio)

Nach dem Abitur verdiente sie zum ersten Mal ihr eigenes Geld. Sie informierte sich, googelte "Schamlippen verkleinern". Sie las, dass Chirurgen sogenannte Labioplastiken durchführten, Schamlippenverkürzungen. Sie suchte weiter: Wie viel kostete es, seine Schamlippen kürzen zu lassen? Brauchte sie eine Narkose?

Dr. Sigrid Hülsbergen-Krüger operiert pro Woche etwa zwei Frauen an den Schamlippen. Dafür benutzt die Hamburger Ärztin einen Laser, der das Gewebe abtrennt. "Das Schamlippengewebe ist sehr weich, die Lasermethode ist da sehr effektiv und die Blutgefäße werden direkt verschlossen. Die Frau blutet weniger als bei anderen OP-Methoden", erklärt sie. Ungefähr 1500 Euro kostet die Operation bei ihr.

Ein sich selbstauflösender Faden soll anschließend verhindern, dass die Wunde wieder aufreißt. Der Eingriff berge aber auch Risiken, sagt Hülsbergen-Krüger: etwa Nachblutungen oder Schwellungen direkt nach dem Eingriff, außerdem Infektionen oder knubbelige Narben.

Nicht alle Frauen kommen aus ästhetischen Gründen zu der Ärztin.

Etwa die Hälfte der Patientinnen von Hülsbergen-Krüger hätte gesundheitliche Probleme, sagt sie. Die Schamlippen störten oder schmerzten zum Beispiel beim Radfahren.

Den anderen geht es ums Aussehen. Darum, dass sie ihre eigene Vulva nicht ästhetisch finden.

Auch Marisa traute sich irgendwann, nach einem Chirurgen für die Operation zu suchen. "Die größte Überwindung war der Anruf in der Praxis", sagt sie.

Ich meine, was sagt man da? Hallo, ich möchte bitte meine Scheide schöner machen lassen?

Aber sie erinnerte sich an den Fachbegriff. "Meine Frage nach einer Labioplastik war für die Sprechstundenhilfe das Normalste auf der Welt", sagt sie.

Wollte sie diese Operation wirklich durchziehen?

Ihre Freundinnen verstanden nicht, warum Marisa sich operieren lassen wollte. Sie sei doch quicklebendig, wieso wolle sie so viel Geld dafür zahlen, gesundes Gewebe abschneiden zu lassen? "Meine beste Freundin war die einzige, die mir sagte: 'Wenn es dich glücklich macht, tu es!'", sagt Marisa.

Der Chirurg, der sie operieren sollte, war ein älterer Mann. "Das beruhigte mich, er wirkte erfahren", sagt sie. Im Bilderkatalog schaute sie sich etwa 50 Vorher-Nachher-Bilder von Schamlippenverkürzungen an. "Manche Frauen hatten vorher schon eine perfekte Scheide. Da verstand ich den Eingriff selbst nicht", sagt die junge Frau.

Der Arzt untersuchte sie, erklärte ihr, eine Operation sei möglich. 1.100 Euro sollte der Eingriff kosten.

(Bild: unsplash.com / Charles Denuvio)

Immer mehr Frauen lassen sich wie Marisa an den Schamlippen operieren. 2015 gab es nach Angaben des Ärzteblatts weltweit etwa 95.000 solcher Eingriffe.

Im Gespräch mit dem Ärzteblatt warnten Chirurgen vor diesem Trend – weil es in vielen Fällen nur ums Aussehen und nicht um tatsächliche gesundheitliche Beschwerden gehe. Zu viele Frauen eiferten mit einer solchen Operation lediglich einem vermeintlichen Ideal nach und nähmen dadurch gesundheitliche Risiken auf sich. (Ärzteblatt)

Marisa schob die Operation lange vor sich her. Sie kaufte sich erst einen neuen Laptop, machte eine lange Reise. Sie dachte zwar immer wieder an die Labioplastik, aber irgendwie hatte der Urlaub Vorrang.

Dann, eineinhalb Jahre nach dem Beratungstermin, war es so weit: "Auf meinem Konto sah ich, dass ich das Geld für die Operation zusammen hatte. Ich hatte auf einer Messe gearbeitet, etwas Geld von meinem Geburtstag war übrig."

Sie rief in der Praxis an, drei Wochen später fand die Operation statt. Nur ihre beste Freundin erfuhr davon, sie begleitete Marisa.

Ich war nicht aufgeregt, eher voller Vorfreude. In der Zeit davor malte ich mir immer aus, wie ich im Bikini am Strand aussehen würde, wie der erste Sex nach der OP sein würde.

Als sie zwei örtliche Betäubungsspritzen bekam, zerdrückte sie der OP-Schwester fast die Hand. Die Schnitte des Lasers spürte sie nicht.

"Als ich da lag, kam mir die ganze Situation so absurd vor: Da schnitt ein Mann an meiner Scheide herum, dabei lief 80's-Rock. Es roch verkokelt.“

Nach zwanzig Minuten war alles vorbei. Marisa hielt die Schmerzen danach nur aus, weil sie fünf Schmerztabletten pro Tag nahm. "Ich krümmte mich, aber ich hatte es ja so gewollt.“

Nach einem Monat dachte Marisa, die Wunde sei verheilt. Sie wollte mit einem Mann schlafen. Zum ersten Mal nach der Operation. Sie traf einen alten Bekannten und landete mit ihm im Bett.

Ich wusste – jetzt zeige ich sie das erste Mal einem Fremden.

Als er sie oral befriedigte und zwischendurch hochschaute, war sein Gesicht plötzlich voller Blut. Marisa erschrak. Eine Naht musste aufgegangen sein, dachte sie. "Ich sagte nur: 'Oh Gott, ich glaube, ich blute dich an.'" Dabei habe er nur Nasenbluten gehabt.

Trotzdem war Marisa die Lust erst einmal vergangen.

Einige Wochen später hatte sie ein Date mit einem Arbeitskollegen: "Ich fühlte mich bereit, hatte im Spiegel nachgeschaut. Da unten sah alles prima aus." Als er in sie eindrang, schmerzte es. Die Wunde war wieder aufgerissen, ein Blutfleck prangte auf dem weißen Laken. Sie erzählte ihm sofort von der Operation.

"Er fand es überhaupt nicht schlimm und hatte Verständnis."

(Bild: unsplash.com/ Charles Deluvio)

Knapp vier Monate später war Marisa verliebt in ihren neuen Freund.

Dem erzählte sie direkt von dem Eingriff: "Er fand es seltsam, dass ich das gemacht habe, findet es bis heute komisch. Er weiß ja nicht, wie es vorher aussah. Heute ist die Narbe komplett verheilt und unsichtbar."

Mit ihm schlief Marisa, ohne dass etwas wehtat, oder es unangenehme Momente zwischen den beiden im Bett gab. Bei ihm ließ sie sich fallen. Weil sie verliebt war, aber auch, weil sie sich keine Gedanken mehr darüber machen musste, dass "da unten" irgendetwas komisch oder anders aussah, als bei anderen.

Manchmal beim Sex erwische ich mich, dass ich denke: 'Krass, ich spreize gerade ungehemmt meine Beine.'

Eine Sache findet Marisa heute absurd: Die eine Schamlippe ist ein Stück nachgewachsen, sie sind nun unterschiedlich lang. Vor fünf Jahren hätte sie sich deshalb erneut unters Messer gelegt, sagt sie.

Heute ist es ihr egal. Weil ihr Körper sich verändert, und sie es akzeptiert. "Ich werde älter. Das heißt mehr Cellulite, meine Brüste stehen nicht mehr so wie vor zehn Jahren und das wird so weitergehen." Und das ist auch okay so, ergänzt sie.

*Name geändert.

Korrektur: In einer früheren Version des Textes war zu lesen, dass Chirurginnen und Chirurgen 2015 in Deutschland 95.000 Labioplastiken durchführten. Das war falsch. Es erfolgten 95.000 Eingriffe weltweit.


Gerechtigkeit

Klaas Heufer-Umlauf sammelt Geld für Rettungsboote im Mittelmeer

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Der Pro-Sieben-Moderator Klaas Heufer-Umlauf will Boote chartern, um Flüchtlinge im Mittelmeer zu retten. Dafür ruft er jetzt zu Spenden auf – und nutzt seine Bekanntheit, um auf das Projekt aufmerksam zu machen.