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Fühlen

Sätze, die muslimische Frauen nicht mehr hören können

12.01.2016, 08:20 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

"Duschst du auch mit dem Kopftuch?"

"Hat dein Vater dich gezwungen, ein Kopftuch zu tragen?"

Nein, im Gegenteil: Er fürchtete, dass ich mit dem Kopftuch in Deutschland keinen Job finden könnte. Ich sehe das nur als Ansporn, mein Studium zu beenden und danach eine gute Stelle zu finden.

"Duschst du auch mit dem Kopftuch?"

Leider eine ernst gemeinte Frage. Natürlich dusche ich nicht mit dem Kopftuch. Das Kopftuch ist immer noch ein Kleidungsstück. Ich wasche meine Kopftücher in der Waschmaschine und nicht unter der Dusche.

"In Deutschland musst du kein Kopftuch tragen."

Danke, das weiß ich. In Deutschland erlaubt mir die Religionsfreiheit, ein Kopftuch zu tragen – und diese Freiheit genieße ich sehr.

"Darf dein Mann deine Haare beim Sex sehen?"

Nicht nur beim Sex: Ehemänner dürfen generell die Haare ihrer Frauen sehen. Genauso wie Väter, Großväter und Brüder.

"Du Arme. Ist dir bei dieser Hitze nicht heiß?"

Natürlich ist mir heiß, genauso wie allen anderen auch. Unter meinem Kopftuch verstecke ich keine Klimaanlage. Aber es ist auch kein dicker Pelz, sondern ein luftdurchlässiger lockerer Stoff.

"Ich finde es schade, dass so hübsche Mädchen sich verdecken."

Ich interpretiere das gerne als Kompliment. Keiner muss es schade finden, wenn eine Frau selbst Entscheidungen trifft. Außer wenn sie zum Kopftuch gezwungen wird. Das finde ich auch schade.

"Sucht dein Vater dir deinen Ehemann aus?"

Natürlich nicht. Laut der islamischen Lehre dürfen muslimische Frauen nicht zur Ehe gezwungen werden, eine Zwangsheirat ist demnach nicht gültig. Dennoch zählte das Bundesfamilienministerium 2008 etwa 3.500 bekannte Fälle von Zwangsheirat in Deutschland.

"Nein, ich meine, woher du wirklich kommst!"

Ich gehöre zu den 16,4 Millionen Menschen in Deutschland, die einen Migrationshintergrund haben – das entspricht 20,3 Prozent der Bevölkerung (Statistisches Bundesamt). Trotzdem antworte ich auf diese Frage gerne mit: "Deutschland". Hier ist meine Heimat.

"Du hast bestimmt viele Brüder und Cousins."

Ich habe zwei Brüder. Und nein, sie mischen sich nicht in mein Leben ein.

"Wie du studierst? Muss dein Vater dir das nicht verbieten?"

Nein, weil er kein Recht dazu hat. Ganz im Gegenteil, meine Eltern haben mich auf meinem Bildungsweg immer unterstützt. In Deutschland haben 23 Prozent der Studenten einen Migrationshintergrund (Deutsches Studentenwerk). Allein an meiner Hochschule sehe ich einige Frauen mit Kopftuch.

"Das Kopftuch ist doch bestimmt an deinem Kopf geklebt."

Nein, natürlich nicht. Sobald ich zu Hause bin, nehme ich mein Kopftuch ab. Bei meiner Familie trage ich kein Kopftuch. Auch meine Freundinnen dürfen meine Haare sehen.

Aber es gibt doch auch muslimische Frauen, die kein Kopftuch tragen.

Richtig. Es gibt viele muslimische Frauen, die kein Kopftuch tragen - und das ist auch ihr gutes Recht. Jede muslimische Frau trägt aus unterschiedlichen Gründen ein Kopftuch oder eben keins. Religiosität lässt sich nicht an einem Stück Stoff messen. In Deutschland tragen rund 30 Prozent der Musliminnen ein Kopftuch ("Muslimisches Leben in Deutschland", PDF).

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"Du sprichst ja wirklich gut deutsch."

Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Somit gehöre ich zu den 8,4 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind (Bundeszentrale für politische Bildung). Ich bin zweisprachig aufgewachsen, zu Hause spricht meine Familie aber mittlerweile überwiegend deutsch.

"Welche Haarfarbe hast du eigentlich, und wie lang sind deine Haare?"

Meine Haare sind etwas Wertvolles für mich. Deswegen möchte ich nicht, dass jeder weiß, wie meine Haare aussehen.

Und die Nadeln stichst du dir wirklich nicht in den Kopf?

Nein. Denn unter dem Kopftuch trage ich noch ein Untertuch – von der Form her ähnlich wie eine Badekappe. Die Nadeln werden nur mit dem Untertuch verbunden, damit das Kopftuch im Laufe des Tages nicht verrutscht.

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