Fühlen

Mama, Papa, ich habe eine Depression

06.06.2016, 10:25 · Aktualisiert: 09.06.2016, 19:51

Wie ist es, den eigenen Eltern zu sagen: Ich mache eine Therapie? Sechs junge Menschen erzählen von diesem Moment und den Reaktionen.

Katja*, 23

Vor ungefähr einem Jahr hatte ich meine erste Panikattacke. Aus heiterem Himmel bekam ich Herzrasen, Hitzewallungen und Atemnot – ich dachte, ich würde sterben. Danach hatte ich immer mal wieder solche kleinen Anfälle, meist wenn ich übermüdet oder extrem gestresst war.

Es kam überall vor: manchmal in der U-Bahn, manchmal in meinem eigenen Zimmer, stets ohne erkennbaren Auslöser. Zunächst konnte ich die Panikattacken verdrängen, sobald sie vorbei waren. Aber irgendwann verschwand das flaue Gefühl im Magen nicht mehr und eine unergründliche Angst wurde zu meinem ständigen Begleiter.

Ich will meine Mutter nicht belasten.
Katja

Am Telefon hörte meine Mutter mir an, dass es mir nicht gut ging. Aber ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen macht. "Ich bin müde", sagte ich jedes Mal. Bis ich es irgendwann nicht mehr aushielt. Weinend brach ich zusammen: "Mama, ich habe solche Angst, und ich weiß nicht, wovor."

Sie bat mich, sofort nach Hause zu kommen – Uni und jegliche andere Verpflichtungen seien erst mal egal. Es tat unglaublich gut, in die Geborgenheit meines Elternhauses zu flüchten. Meine Mutter fragte ein wenig vorwurfsvoll, warum ich nicht eher etwas gesagt hatte, doch vor allem wollte sie alles daran setzen, dass es mir besser geht.

"Du musst dir Hilfe suchen", sagte sie und ließ mich erst nach Berlin zurückkehren, als ich einen Termin bei einer Therapeutin bekommen hatte.

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Seit ein paar Wochen mache ich nun eine Therapie, und meine Mutter möchte stets auf den neuesten Stand gebracht werden. Sie spricht dann auch mit meinem Vater; unser Verhältnis ist gut, aber über gewisse Dinge konnte ich einfach schon immer besser mit meiner Mutter reden.

Es tut gut, ihr gegenüber so offen sein zu können und ich weiß, dass sie mein Vertrauen schätzt. Aber oft habe ich auch ein schlechtes Gewissen und versuche zu verbergen, wenn ich einen schlechten Tag habe – ich will sie nicht belasten.

Manchmal fängt sie an zu weinen, weil sie sich sicher ist, dass sie irgendetwas falsch gemacht haben muss. Ich glaube, sie wartet geradezu darauf, dass bei der Therapie irgendein Kindheitstrauma aufgedeckt wird. Das tut mir schrecklich weh. Denn meine Eltern waren stets für mich da. Ich hoffe, sie wissen, dass es mir ohne ihre bedingungslose Unterstützung noch viel schlechter gehen würde.

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Lena*, 28

Seit ich denken kann, begleiten mich Depressionen. Hoffnungslosigkeit, Schwere, Angst. Und Selbsthass. Dunkelheit. Traurigkeit, unendliche Traurigkeit.

An manchen Tagen will ich nicht aufstehen, an manchen nur weinen, an manchen zweifle ich an allem, was ich bin und was mich in meinem Leben erwartet.

Es sind mehr als fünf Jahre vergangen, bis aus dem Gedanken, eine Psychotherapie zu machen, ein konkreter Plan wurde. Eine Depression gesteht man sich nicht so schnell ein wie einen Schnupfen. Bei meinem ersten Termin bei einer Psychiaterin verschrieb sie mir Antidepressiva und schickte mich zu einer Psychotherapeutin.

Meine Eltern wussten von all dem nichts. Weder davon, wie schlecht es mir seit Langem ging, noch dass ich seit zwei Monaten krankgeschrieben war und nicht arbeiten ging – und schon gar nicht, dass ich eine Therapie begonnen hatte. Ich hatte Angst, es zu erzählen, vor allem meiner Mutter. Ich wusste, dass ich sie damit überfordere. Probleme wurden bei uns in der Familie seit jeher ignoriert und schön geredet.

Eines Abends am Telefon habe ich ihr alles erzählt. Sie wusste erst gar nicht, was sie sagen sollte. Schließlich dachte sie, es ginge mir gut. Dann begann sie, zu bagatellisieren. Jeder sei ja mal traurig, "konzentrier dich auf die schönen Dinge im Leben" – die typischen Sprüche.

Ich weiß, meine Mutter macht das, weil sie nicht damit umgehen kann. Aber es hat mich so verdammt wütend gemacht. Warum konnte sie es nicht einfach zulassen und akzeptieren, dass es mir beschissen geht? Ich hätte mir so gewünscht, ernst genommen zu werden.

Im Laufe des Gesprächs wurde mir klar, dass sie Schuldgefühle hatte. Das wiederum hat bei mir Schuldgefühle erweckt. Diese "Spirale der Schuldgefühle" ist übrigens auch sehr lange Thema bei meiner Therapie gewesen.

Mit meinem Vater habe ich nie über meine Probleme besprochen. Er weiß, dass ich eine Therapie mache, aber ich weiß nicht, was er darüber denkt. Wir verstehen uns, aber in die Tiefe gehen unsere Gespräche selten. Es tut mir gut, in ihm einen gelassenen Gegenpol zu meiner Mutter zu haben, die immer jede meiner Emotionen kennen will, dann aber nicht damit umgehen kann.

Es hat viele Gespräche gebraucht, bis meine Mutter in etwa verstanden hat, wie sich mein Leben anfühlt. Aber bis heute kann sie das Wort "Therapie" nicht in den Mund nehmen, sie nennt es "Gespräche". Therapie klinge ja so nach Krankheit. Dabei ist eine Depression nun mal eine Krankheit – die sich aber behandeln lässt.

André, 27, Doktorand

2014 steckte ich in einer schwierigen Beziehung und es ging mir zunehmend schlechter: Ich wachte oft nachts auf und kam morgens kaum aus dem Bett. Auf der Arbeit konnte ich mich nicht konzentrieren und schwitzte viel. Im Herbst 2014 entschied ich mich zu einer Therapie. Die Diagnose: Angststörung.

Zuerst habe ich gezögert, meinen Eltern davon erzählen – sie machten sich schon genug Sorgen um ihren Sohn. Ich komme aus Brasilien, alle meine Familienmitglieder leben dort. Ich selbst bin vor einigen Jahren nach Europa gezogen.

Als ich sie mehrere Monate nach Therapiebeginn besuchte, gestand ich ihnen, dass ich mich auf der Arbeit nicht wohl fühlte und sehr oft müde war. Sie zeigten viel Verständnis, sagten, dass immer wieder schwierige Phasen kommen und vorübergehen. Ihre liebevolle Reaktion ermutigte mich, ihnen drei Monate später von der Therapie zu erzählen.

Bis dahin hatte bei mir alles gut geklappt: Ich hatte gute Noten in Schule und Uni, absolvierte Praktika und ein Auslandssemester in Frankreich. Dass ich jetzt ein schweres Problem hatte, machte sie sprachlos. Eigentlich redete nur ich die ganze Zeit, von meinen Eltern kamen nur "Okays" und "Ahas".

Eine Woche später versicherten sie mir, dass sie immer für mich da sind und alles tun werden, um mir zu helfen. Ich hatte das Gefühl, sie hatten sich über psychische Probleme informiert. Sie stellten mir viele Fragen, zum Beispiel, ob ich Medikamente nehme.

Am wichtigsten war für mich ein zentraler Satz: "Wir glauben an dich." Sie sagten mir ganz klar: "Wir wissen, wie stark du bist, du kommst aus diesem dunklen Loch auch wieder heraus."

Sie erzählten mir da auch von schwierigen Phasen aus ihren Leben. Mein Vater beispielsweise musste gleichzeitig studieren und in einem Hotel arbeiten, hatte für einige Jahre kaum Geld und Freunde. Meine Mutter erzählte mir, dass sie selbst schon Symptome gehabt hatte, die auch auf eine Angststörung hindeuteten.

Unser Verhältnis hat sich dauerhaft verbessert, ich fühle mich noch geborgener als früher. Meine Eltern sind jetzt auch meine Freunde.

Mareike, 29, Disponentin

Mit 23 fand ich heraus, dass mich mein damaliger Freund betrog und Schulden in meinem Namen angehäuft hatte. Er war nicht der erste, der so mit mir umging, aber ich hatte keine Kraft, mich zu wehren. Stattdessen musste ich permanent weinen, dazu kamen krasse Schlafstörungen: Mal war ich drei Tage am Stück wach, dann schlief ich drei Tage durch. Irgendwann suchte ich mir eine Therapeutin.

Meine Mutter hat eine konservative Vorstellung vom "normalen Leben": Man heiratet, man baut ein Haus, man kriegt Kinder.
Mareike

Obwohl ich zu dem Zeitpunkt bei meiner Familie wohnte, sagte ich meinen Eltern zunächst nichts. Weil ich viel arbeitete, hatte ich allerdings nicht immer Zeit, selbst die Überweisungen von meinem Hausarzt zu holen und bat deshalb eines Tages meinen Vater darum. In einem sehr ruhigen und aufmunternden Ton sagte er mir: "Ja, dann geh dorthin, wenn es dir hilft, soll es doch recht sein". Das machte mir Mut.

Irgendwann fragte auch meine Mutter, was ich eigentlich immer donnerstags beim Arzt machte. Obwohl ich von klein auf das Gefühl hatte, dass sie sich nicht für meine Probleme interessiert, versuchte ich, es ihr zu erklären. Leider funktionierte das nicht besonders gut.

Sie hat eine konservative Vorstellung vom "normalen Leben": Man heiratet, man baut ein Haus, man kriegt Kinder. Alles davon Abweichende gibt es für sie nicht, auch keine psychische Krankheiten. Unser emotionsloses Verhältnis war auch immer wieder Thema in den Sitzungen.

Bis heute sind unsere Gespräche oberflächlich und beschränken sich auf Smalltalk à la "Na, wie geht’s so?“. Ganz anders ist es mit Papa. Sein Rückhalt hat mir sehr geholfen. Es hat mich berührt, dass er immer wieder unaufdringlich Interesse und Fürsorge gezeigt hat.

Ich war schon immer ein Papakind. Mein Vater war bis zu meinem dritten Lebensjahr Alkoholiker. Ich habe die ersten Lebensjahre meine Eltern dauernd streiten sehen, gleichzeitig war Papa sehr aufmerksam zu mir und hat mir alles gegeben, was ich wollte, wohl um seine Fehler auszugleichen.

1989 hat er sich selbst eingewiesen. Seitdem ist er trocken, und ich habe riesigen Respekt davor, dass er das geschafft hat. Wir wissen, wie es sich anfühlt, eine Krise zu meistern, dadurch fühle ich mich mit ihm verbunden.

Simone, 24, Studentin

Meine Mutter erfuhr von meiner Therapie in einer Bank – als wir vorhatten, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. Die Beraterin ratterte standardmäßig den Fragenkatalog herunter. Doch dann kam die Frage nach psychologischer Behandlung und ich musste sagen: "Ja, ich bin seit zwei Jahren in Therapie."

Alle drei waren überfordert. Das Thema wurde dann schnell und sachlich abgehakt.

Anschließend waren meine Mutter und ich einen Kaffee trinken. Alles in mir drängte darauf, darüber zu sprechen. Doch keine schaffte es, zu beginnen, also saßen wir da und redeten über völlig andere Dinge.

Die Versicherung hat mich übrigens abgelehnt.

Ich habe mit 21 eine Therapie begonnen, weil ich nach dem Abi in ein richtig krasses Loch gefallen bin. Meine Alltagsstruktur brach weg, ich fühlte mich wie gelähmt: Ich konnte nicht mehr aufstehen, weil ich nicht wusste, wofür, nicht mehr essen, weil ich nicht wusste, wozu.

Noch mehr als Wut spürte ich eine tiefe Traurigkeit
Simone

Doch ich glaube, vor allem löste meine Familiengeschichte die Krise aus: Meine Eltern führten jahrzehntelang eine vergiftete Beziehung, sie haben – unter einem Dach lebend – teilweise monatelang kein Wort gewechselt; inzwischen haben sie sich getrennt. Ich zog noch vor dem Abi aus.

Einige Monate nach dem Termin in der Bank erwähnte ich meiner Mutter gegenüber, dass es mir nicht gut geht. Daraufhin fragte sie: "Hast du schon mal überlegt, in Therapie zu gehen?" Wie kann man so einen krassen Verdrängungsmechanismus haben? Wenige Monate später hat sich diese Situation noch einmal genau so wiederholt.

Meinem Vater habe ich erst vor ein paar Wochen gesagt, dass es mir zur Zeit schlecht geht. Für ihn war es wohl ein Schock.

Danach habe ich meinen Eltern gar nichts mehr von meinen Gefühlen erzählt. Fallen lassen konnte ich mich bei meinem damaligen Freund und dessen Mutter. Mit ihnen habe ich viel geweint, denn mehr als Wut spürte ich eine tiefe Traurigkeit und Sehnsucht nach Eltern, denen ich erzählen kann, dass es mir nicht gut geht.

Katharina, 25, Studentin

"Was? Nein, du doch nicht! So was brauchst du nicht!“ – so reagierten meine Eltern auf meine Therapie. Unglauben und Leugnen. Ich bin ihr einziges Kind, und bis dahin lief alles gut, ich engagierte mich neben der Schule ehrenamtlich, machte Sport, musizierte. Doch ein Jahr nach dem Abi fiel ich in eine tiefe Depression und dachte über Suizid nach.

Die Reaktion meiner Eltern hat mich nicht sehr überrascht, im ersten Schock ist das irgendwie normal. Unerwarteter war, dass meine Eltern begannen nachzuhaken: "Was ist denn? Wie konnte das denn passieren?" Das hat mich verunsichert, denn diese Fragen implizieren ja, dass ich irgendwas falsch gemacht habe.

Ich muss allerdings auch sagen: Meine Eltern unterstützen mich, soweit sie können. Das funktioniert oft besser bei praktischen Dingen, wie gemeinsam die Wohnung putzen oder Behördengängen, beispielsweise als ich meinen Behindertenausweis beantragte.

Unser Verhältnis war und ist insgesamt gut, aber ich bespreche auch schwierige Themen in der Therapie. So habe ich beispielsweise erst durch meine eigene Erkrankung verstanden, dass meine Oma vermutlich eine Depression hatte: Sie verbrachte ihre Zeit am liebsten im Krankenhaus, ließ sich dort umsorgen und hohe Dosen Schmerzmittel verschreiben. Ihre Krankheit wurde aber nie in der Familie benannt oder thematisiert. Das hat sicher auch die Einstellung meiner Mutter zu psychischen Krankheiten beeinflusst.

Meine Eltern sind ängstlicher, aber auch neugieriger auf mein Leben.
Katharina

Meine Erkrankung ist chronisch, und ich befinde mich weiterhin in Therapie. Meine Eltern haben sich über die Jahre etwas geöffnet, und die Situation angenommen, aber irgendwie nie ganz verstanden. Das wurde mir schmerzlich bewusst, als sie mich drei Jahre nach Therapiebeginn in der Klinik besuchten, wo ich zwischendurch stationär war. Beim gemeinsamen Spaziergang fragten sie: "Sag mal, wirst du nicht langsam wieder gesund?" Ich glaube, sie wünschen sich immer noch, ich würde "einfach wieder normal" werden. Manchmal muntern sie mich aber auch auf, sagen, dass es schön ist, dass mir die Therapie hilft.

Unsere Kommunikation hat sich durch die Krankheit auf jeden Fall verändert: Meine Eltern sind ängstlicher, aber auch neugieriger auf mein Leben. Und ich überlege genau, was ich ihnen erzähle: Genug, um sie zu beruhigen und ihnen Klarheit zu verschaffen, aber nicht zu viel, um ihnen große Sorgen zu machen.

*Name von der Redaktion geändert

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