Fühlen

Wie Jugendliche lernen, Extremismus in ihrer Umgebung zu erkennen

16.09.2017, 16:34 · Aktualisiert: 17.09.2017, 09:57

Politik, sagt Axel, gehe ihm eher am Arsch vorbei. Axel ist 18, dieses Jahr darf er zum ersten Mal wählen. Aber ob er wirklich hingeht und wo er sein Kreuz machen will – keine Ahnung. Nicht, dass er sich viel damit beschäftigt hätte.

Axel ist einer von neun Jugendlichen, die heute lernen sollen, wie man politischen Extremismus erkennt.

Er ist auch einer von rund 140 Jugendlichen, die in der "Werkstatt Solidarität" betreut werden.

Die Einrichtung greift Jugendlichen unter die Arme, die aus allen sozialen Systemen rausgefallen sind: Schule, Freundeskreis, viele haben keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie.

Die meisten stehen kurz vor der Obdachlosigkeit, haben Erfahrungen mit häuslicher Gewalt oder Drogen gemacht.

Was genau Axel passiert ist, weiß noch nicht mal sein Betreuer, Daniel. Axel spricht nicht gern lange über sich. Oder über andere Themen. Axel wäre heute nicht hier, wenn Daniel ihn nicht abgeholt hätte. Dann hätte er zu Hause Computerspiele gezockt, am liebsten "Arma 3", eine Militärsimulation. Er verbringt viel Zeit allein.

Ein sozial schwaches Umfeld ist ein potenzieller Nährboden für extremistisches Gedankengut.

Studien wie diese zeigen, dass gerade Jugendliche in ihrer Findungsphase offener für extreme Gedanken sind. Das soziale Milieu, in dem sie aufwachsen, begünstigt eine Radikalisierung: Je schwieriger die Verhältnisse, in denen die Jugendlichen leben, desto eher neigen sie zur Extremität.

Über soziale Medien verbreitet sich Extremismus so schnell wie noch nie. Peter erzählt, dass radikale Islamisten über Foren und Facebookgruppen versuchen, Leute persönlich anzuwerben

Dennis und Peter wollen das verhindern.

Sie gehören zu den Waldrittern, einem Verein, der es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, Jugendliche politisch weiterzubilden.

Peter, 40, trägt sein langes Haar zum Pferdeschwanz gebunden und eine Sonnenbrille auf dem Kopf. Dennis ist circa 1,90 Meter groß, randlose Brille, helle Jeans, einfaches T-Shirt ohne Aufdruck. Seine Stimme ist freundlich, wie von einem beschwingten Radiomoderator am Morgen.

Was machen die Waldritter?

"Die Waldritter" ist ein Verein, der sich deutschlandweit für die Bildung von Kindern und Jugendlichen engagiert. Junge Menschen sollen mit spielerischen Ansätzen an Themen wie Natur und Umwelt, Globalisierung oder Sucht herangeführt werden. 

Auch Politik ist den Waldrittern wichtig: In Workshops lernen Jugendliche, wie Extremismus aussehen kann oder was die Globalisierung für Konsequenzen für sie hat.

Noch Fragen zu den Waldrittern? Infos findest du hier

Die Werkstatt Solidarität leiht den Waldrittern ihre Räume, auf den weißen Tischen stehen 1,5-Liter Flaschen Apfelschorle, Vanillespritzgebäck auf Papptellern. Zwei Teilnehmer stehen am weißen Backstein-Türbogen, es sind noch fünf Stühle frei.

Auf einem sitzt Kevin. Er beginnt in Kürze eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker, er hat es als einer der wenigen aus dem Kosmos der Werkstatt rausgeschafft: "Ich kann nicht den ganzen Tach auf den Eiern liegen, ich will wat mit meinem Leben anfangen."

Den Workshop macht er zum zweiten Mal mit, weil es ihm das letzte Mal so gut gefallen hat.

Kevins Zeigefinger schnellt in die Höhe. Bevor Peter ihn drangenommen hat, plappert der 20-Jährige los: "Mein Vater wollte sich mal im Internet nur informieren, wat die IS so macht. Die haben dem direkt ‘nen Mitgliedsantrag geschickt!“

"Siehste, und deshalb machen wir das hier heute, damit ihr erkennt, wenn ihr auf Extremismus trefft,“
erwidert Peter.

16 Personen waren angemeldet, 9 sind gekommen.

Während Dennis oder Peter sprechen, verlässt ab und zu jemand den Raum, um eine selbst gedrehte Zigarette vor der Tür zu rauchen.

Heute wollen die Pädagogen klar machen, wo Extremismus im Alltag zu finden ist. Die jungen Essener sollen in ihrem Kiez nach Symbolen und Zeichen suchen, die auf eine extreme politische Gesinnung hinweisen, diese mit dem Handy fotografieren und nachher im Plenum vorstellen.

"Macht bitte mehrere Bilder, geht mal in die Knie oder fotografiert von oben, guckt nach dem Lichteinfall“, ermutigt Dennis die Teilnehmer, sein Finger deutet auf einen Lichtstrahl.

Sein Ziel: Das Bewusstsein für politische Inhalte schaffen. Und ihnen zeigen, wie sie sich ausdrücken können.

Dennis und Peter stehen jetzt vor der Rauputzwand, die erste Folie einer Powerpointpräsentation leuchtet in grellem Licht: „Keine Sorge, das wird kein langer Vortrag. Wir erklären euch nur kurz, wie ihr politisch extreme Zeichen nachher draußen erkennen könnt.

Die Waldritter klären auf, dass es rechten, linken und islamischen Extremismus gibt. Dass die Zahl 18 bei den Rechten "Adolf Hitler“ bedeutet, weil 1 für A und 8 für H im Alphabet steht. Dass ein "A“ mit Kreis drumherum für "Anarchy“ steht und als linkes Symbol gilt.

Ein Teilnehmer platzt Peter ins Wort: "Aber wenn ich bei einer friedlichen Nazidemo bin und nur daneben stehe, darf die Polizei mich dann festnehmen, obwohl ich nichts mache?“

Peters Miene wird ernst, die Dreiviertelärmel seines Sweatshirts hat er hochgekrempelt. "Du, glaub mir: Wenn die Polizei die Demo räumt, ist das sicher keine friedliche Veranstaltung. Da würd ich schleunigst abhauen."

Nach einer Viertelstunde spielen die ersten mit dem Deckel einer Wasserflasche, Dennis reagiert schnell und schickt alle los: "Okay, dann achtet draußen mal darauf, ob ihr eines der Zeichen wiederfindet.“

Axel, Kevin und Daniel laufen am Emscherkanal entlang, es riecht nach faulen Eiern, im Kanal fließt offen das Abwasser der Stadt.

Nachdem die zweite Gruppe ihnen erst noch auf den Fersen war, kann Gruppe 2 jetzt Laternenpfähle, Verkehrsschilder oder Brückenpfeiler alleine nach Aufklebern absuchen.

Am Altenessener Bahnhof werden sie fündig, außerdem an dem Parkverbotsschild neben der libanesischen Bäckerei, am Bahnunterführungspfeiler. Kevins Augen scannen jetzt einen Laternenmast von oben bis unten, sein Blick bleibt an einem "Refugees Welcome“-Sticker hängen.

"Das könnte doch wat sein“, er hebt die Schultern und tippt auf sein Display. Er runzelt die Stirn, dreht das weiße Handygehäuse etwas nach links und schießt ein weiteres Bild.

Kevin ist fündig geworden und fotografiert einen Sticker.

Kevin ist fündig geworden und fotografiert einen Sticker. (Bild: Nadin Rabaa)

Auf dem Weg lachen Kevin und Axel Politiker von Wahlplakaten entgegen. „Reine Papierverschwendung“, kommentiert Kevin. Auch er darf dieses Jahr das erste Mal zur Wahl, will aber nicht hingehen.

"Das bringt doch eh nix, wenn ich wähle.“

Informiert habe er sich bisher nicht, aber wenn, würde er den Grünen seine Stimme geben:

"Was für die Umwelt tun finde ich gut. Aber die Merkel, die muss weg. Ich hasse die.“

Auf Facebook wurde Kevin gesperrt. Er hat ein Anti-Kanzlerinnen-Meme geteilt, mehrere Nutzer meldeten ihn. Auf dem Meme ist Angela Merkels Kopf auf ein Schwein montiert, "Ferkelschwein" lautete die Überschrift. Er war auch in Gruppen, an deren Namen er sich nicht mehr genau erinnert.

Manche von ihnen hatten einen Adler vor einer Deutschlandflagge im Titelbild und trugen Volk. Aber dass das rechtsextreme Gruppen gewesen seien, glaubt er nicht. Ihm geht es um Merkel. Die, glaubt er, stürze Deutschland ins Verderben. Auch wenn er nicht glaubt, dass er daran irgendetwas ändern kann.

Er resümiert:

"Mein Wahlzettel zählt eh nix. Ob ich auf der Welt bin oder nicht, juckt doch eh keinen.“

Axel läuft zwei Schritte hinter Kevin und nickt: "Mal gucken, wenn ich die Wahlbenachrichtigung bekomme, gehe ich vielleicht.“ Informiert habe er sich bisher nicht, politischer Extremismus sei ihm aber schon mal aufgefallen: "Wir haben unser Gegnerteam beim Online-Gaming verpfiffen, die nannten sich ‚Adolf Hitler‘. Dann wurden die lebenslang gesperrt, das finde ich richtig.“

An einer grauen Hauswand steht in großen Druckbuchstaben "FCK NZS", darunter ist mit dünner Linie ein DIN-A5-großes Hakenkreuz gezeichnet. Die Jungs zücken ihr Smartphone.

(Bild: Nadin Rabaa)

Zurück in der Einrichtung stellt Betreuer Daniel die Fotos vor, die Axel und Kevin gemacht haben. Axel stützt sich auf dem Fensterbrett ab.

"Ich seh’ den Sinn der Veranstaltung nicht so richtig“, sagt er, rückt seine schwarze Brille zurecht und zuckt mit den Achseln.

Am Folgetag stellt er eines der Bilder vor: Er hat sich für "Coole Kids brauchen kein Vaterland" entschieden, erzählt er später am Telefon. Mit seinem Handy hat er es bearbeitet, graduell wechselt die Farbe von rosé zu türkis statt schwarz, in geschwungenen Lettern steht "Warum nicht?" auf dem Foto.

Axel hat es auf rotes Papier geklebt, mit schwarzem Edding kommentiert er:

"Indirekt hat jeder ein Vaterland, aber das heißt nicht, dass man dazu steht."

(Bild: Dennis Lange)

Axel erklärt, er finde es blöd, dass man überhaupt darüber sprechen müsse, dass man ein Vaterland habe. Hätte es die NS-Zeit nicht gegeben, wäre das gar kein Thema. "Jeder ist doch irgendwo geboren und hat ein Vaterland."

Kevin hat ein bisschen was über die Bedeutung von Symbolen gelernt: "Man weiß ja nie so richtig, wat dahintersteckt. Und mir fallen viele Sticker von Rechten auf, an denen ich sonst vorbeigelaufen wäre.“

Dennis und Peter stehen nach Ende des Workshops am Grill im Hinterhof der Werkstatt, es brutzelt und zischt auf dem Rost.

"Auch wenn die Jugendlichen manchmal zum Rauchen rausgegangen sind – sie kamen immer wieder zurück. Eine Teilnehmerin ist geblieben, obwohl sie sich mit Freunden hätte treffen können.“

Beide Gruppen kamen mit mehr Bildern zurück, als vorgegeben. Am zweiten Tag waren fast alle Teilnehmer wieder dabei, Kevin hatte einen Termin.

Ergebnisse erarbeiten und vorstellen – solche Schulsituationen vermeiden die Kids wo es geht, erläutern die Waldritter.

Das zeige, dass die Gruppe das Angebot angenommen habe, meint Dennis.

Das heißt vielleicht nicht gleich, dass diesen Jugendlichen Politik zukünftig nicht mehr am Arsch vorbei geht. Aber zumindest, dass sie die Zeichen um sie herum besser deuten können.

*Anmerkung der Redaktion: In einem Nachgespräch erzählt Kevin, dass er doch wählen gehen möchte. Laut Wahl-O-Mat soll er der SPD seine Stimme geben. Er überlegt jetzt, ob er am Wahltag bei der Regierungspartei oder den Grünen sein Kreuz macht.

Dieser Künstler verwandelt Hakenkreuze zu Kunst:


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