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Fühlen

Warum sich Männer illegal die Pille gegen HIV beschaffen

26.09.2016, 09:49 · Aktualisiert: 20.10.2016, 16:02

Sie schützen womöglich besser vor HIV als Kondome. Richtig eingenommen, versteht sich. Viele junge Menschen, vor allem schwule Männer, versprechen sich deswegen von den Pillen die sexuelle Befreiung: Vögeln ohne Plastik.

Während die Pillen in Nordamerika und in einigen europäischen Ländern auf Kassenrezept erhältlich sind, übernimmt hierzulande keine gesetzliche Krankenkasse die Kosten von rund 800 Euro monatlich.

Einige junge Menschen beschaffen sich daher die Medikamente im Netz. Die unbeaufsichtigte Selbsttherapie mit starken Medikamenten ist aber riskant: Sind die Pillen echt? Wir haben einige Nutzer illegal beschaffter Medikamente getroffen.

Das Truvada-Original kostet rund 800 Euro im Monat

Das Truvada-Original kostet rund 800 Euro im Monat

Stefano, 26

Also wenn es so etwas wie eine Hochrisikogruppe gibt, dann gehöre ich dazu. Ich will eigentlich mit Kondom Sex haben, aber es passiert doch sehr oft ohne. Ich hatte bestimmt 200 Risikokontakte in meinem Leben: im Park, zu Hause, auf Partys.

Es gibt viele Leute, denen ist es egal, ob sie HIV bekommen. Ich will es jedenfalls nicht haben.

Irgendwann wurde bei mir Hepatitis C und Chlamydien gleichzeitig festgestellt. Der Arzt meinte, es ist ein Wunder, dass ich nicht auch HIV-positiv bin.

Ich habe erst von Freunden aus London gehört, dass die Pille gegen HIV ein Thema ist bei Gruppensex-Partys mit Drogen. Irgendwann bin ich auf eine Website gestoßen, über die ich mir die Pillen legal nach Großbritannien bestelle und mir dann mit einem Online-Versand hierher schicken lasse.

Ich habe nicht mehr Sex als davor. Aber ohne Angst. Ich bin mit der Idee großgeworden, dass Sex irgendwie unheimlich ist. Stell Dir vor, du nimmst eine Pille und plötzlich macht Sex einfach nur noch Spaß.

Ich habe auch keine Angst, dass mit den Pillen was nicht stimmt. Viele meiner Freunde machen es genauso, und bei keinem ist bis jetzt etwas passiert. Ich gehe auch zum Arzt und lass checken, wie es meinen Nieren dabei geht.

Wie funktioniert es?

2012 haben US-Behörden eine Behandlung zugelassen, mit der man erstmals einer HIV-Infektion ohne klassische Verhütungsmittel vorbeugen kann. Eine Studie (SPIEGEL ONLINE) hatte gezeigt, dass Menschen, die jeden Tag die Pille Truvada einnehmen, besser vor HIV geschützt sind als mit Kondom. Das ganze nennt sich PrEP (Prä-Expositionsprophylaxe).

Truvada war bereits vorher eines der meistgenutzten Medikamente zur Behandlung von HIV-Infizierten. In Kombination mit anderen Medikamenten ist Truvada zwar als "Pille für danach" nicht offiziell zugelassen und wird aber von den deutschen Krankenkassen meist bezahlt, wobei eine Übernahme nicht garantiert ist. Das ganze nennt sich dann PEP (Postexpositionsprophylaxe). Bis zu 72 Stunden nach einer Risikosituation – zum Beispiel ungeschützter Sex mit einer HIV-positiven Person – kann eine einmonatige Behandlung verhindern, dass sich das Virus im Körper einnistet.

Warum gibt es den Schwarzmarkt überhaupt?

Truvada als "Pille für davor" war in Europa bis vor kurzem nicht zugelassen, obwohl die Behandlung in Ländern wie den USA, Kanada und Australien seit einiger Zeit erfolgreich angewendet wird. Nun hat die europäische Arzneimittelbehörde zwar für PrEP grünes Licht gegeben (Europäische Arzneimittelbehörde). Aber die immensen Kosten übernehmen die Krankenkassen derzeit noch nicht .

Ein Patent verbietet es Firmen, preiswerte Medikamente mit den gleichen Wirkstoffen (Generika) zu verkaufen. In einigen ärmeren Ländern wie Südafrika, Thailand, Indien, Indien oder Brasilien hat Gilead mit lokalen Pharmafirmen vereinbart, die Medikamente zu einem Bruchteil des Preises zu vermarkten. Eine Monatspackung kostet dort nur 25 bis 50 Euro.

Das deutsche Arzneimittelgesetz verbietet, diese Pillen auf dem Postweg einzuführen und der Zoll kontrolliert stichprobenartig alle Paketsendungen. Findet er dabei PrEP-Pillen aus dem Ausland, darf er sie beschlagnahmen und eine Geldbuße verhängen.

Es gibt allerdings eine Lücke im System: In Großbritannien ist die Bestellung von Generika über Online-Apotheken bis zu einer Menge von drei Monatspackungen erlaubt (iwantprepnow). Von dort aus kann man sich die Medikamente von einer Privatperson legal nach Deutschland liefern lassen, weil der Warenverkehr innerhalb der EU frei ist. (Zoll)

Die Pille aus Thailand kostet vor Ort weniger als 30 Euro

Die Pille aus Thailand kostet vor Ort weniger als 30 Euro

Wie groß ist der Schwarzmarkt?

Wie für alle illegalen Geschäfte gibt es keine offiziellen Statistiken. Wir haben deshalb mit Ärzten in einigen HIV-Schwerpunktpraxen über die Pille gesprochen.

  • Celia Oldenbüttel aus München sagt: "Die Patienten kommen zu mir und erzählen ganz offen, ich fliege nach London und besorge es mir dort oder bestelle es online."
  • Aus der Infektiologie der Uniklinik Köln heißt es, immer mehr Menschen täuschen vor, ungeschützten Sex mit einer HIV-Infizierten Person gehabt zu haben, um die Medikamente zu erhalten. Clara Lehmann beschreibt das so: "Wenn das Rezept steht, fragen sie dich noch beiläufig, was man eigentlich von der PrEP hält."
  • Heiko Jessen aus Berlin weiß unter anderem von einem Schwarzmarkt unter Patienten. Männer, die sich die Pillen von anderen beschaffen, die ihr Truvada nicht einnehmen.
  • Die Deutsche Aidshilfe hält dagegen. Ihr medizinischer Referent Armin Schafberger sieht "keinen Run auf PrEP. In Frankreich, wo die Behandlung für Patienten kostenlos ist, nutzen sie erst 1500 Leute."

Was sagen die Ärzte?

Die Ärzte weisen darauf hin, dass PrEP eine Behandlung mit nebenwirkungsreichen Medikamenten ist und hohe Risiken birgt – für die Nieren zum Beispiel. Deswegen müssen die Blutwerte regelmäßig kontrolliert werden. Auch muss vor Beginn ein HIV-Test durchgeführt werden.

Zudem haben einige Studien bereits gezeigt, dass Menschen auf PrEP häufiger sexuell übertragbare Krankheiten wie Chlamydien oder Tripper oder beispielsweise Hepatitis C bekommen.

Die Ärzte sehen die informelle Beschaffung von PrEP deshalb sehr kritisch. Ohne ärztliche Kontrolle wögen sich die Patienten in falscher Sicherheit und können an Nebenwirkungen leiden, die sie selbst nicht wahrnehmen. Denkbar ist auch, dass sich die Nebenwirkungen erst sehr viel später bemerkbar machen.

​Thomas, 29

Ich bin mit einer großen Angst vor Aids aufgewachsen. Deshalb war für mich immer klar, dass ich Kondome benutze. Meine Paranoia war so groß, dass ich trotz Kondomen oft Angst hatte.

Ein- oder zweimal habe ich im Rausch komplett auf Kondome verzichtet. Danach war ich so panisch, dass ich ins Krankenhaus bin und die Pillen für danach genommen habe. Mein Arzt meinte, dass ich damit quasi auf PrEp bin, also mich nicht anstecken kann. In dieser Zeit bin ich mehr und mehr auf den Geschmack ohne Gummi gekommen.

Zuerst habe ich noch ein paar mal eine Risikosituation vorgetäuscht, um an die Medikamente zu kommen. Irgendwann habe ich es mir auch über Großbritannien besorgt.

Seitdem habe ich es ziemlich regelmäßig ohne Gummi gemacht. Auch im Darkroom. Seit einigen Monaten bin ich in einer festen monogamen Beziehung. Als genug Vertrauen da war, habe ich mit den Pillen aufgehört.

Warum zahlen die Kassen nicht?

Die einfachste Lösung zur Bekämpfung des PrEP-Schwarzmarktes wäre natürlich, dass die gesetzlichen Krankenversicherungen die Kosten übernehmen. Genau das wird derzeit von den Kassen, Ärzten und Krankenhäusern im sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss beraten.

Allerdings hat sich der Verband der gesetzlichen Krankenkassen bereits positioniert. Pressesprecher Florian Lanz verweist auf das Sozialgesetzbuch, das die Menschen bei der gesundheitlichen Vorsorge in die Verantwortung nimmt. Niemand muss Sex ohne Kondom haben. Genauso wie niemand in ein Malariagebiet reisen muss. Tut er es doch, muss er sich selbst schützen. Auch für den wachsenden Schwarzmarkt sieht sich Lanz nicht verantwortlich: "(Das) ist ein Fall für die Staatsanwaltschaft und nicht für die gesetzliche Krankenversicherung."

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dpa / Abir Sultan
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Kann man das Schwarzmarkt-Problem überhaupt lösen?

Theoretisch könnte das deutsche Arzneimittelgesetz geändert werden, so dass ähnlich wie in den USA (FDA) oder Großbritannien Generika-Medikamente für den Eigenbedarf eingeführt werden dürfen. In der Politik gibt es dafür aber derzeit keine Initiativen.

Zum anderen könnte mit Pharma-Herstellern verhandelt werden, Generika-Medikamente zu einem ähnlichen Preis auf den Markt zu bringen wie in Thailand oder Südafrika. Das wäre voraussichtlich ab Mitte 2017 möglich, wenn das Patent von Gilead in der EU ausläuft.

"25 Euro sind unserer Ansicht auch in Deutschland machbar", meint Schafberger von der Deutschen Aidshilfe. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass Pharma-Hersteller daran kein Interesse haben werden.

(Bild: dpa / Abir Sultan)

Wie geht es weiter?

Unabhängig von den Kosten ist klar: PrEP ist keine bequeme Alternative für das Kondom. Die tägliche Einnahme von Medikamenten, die ärztliche Betreuung und andere Geschlechtskrankheiten sind ein hoher Preis für das Weglassen von Präservativen. Genau deshalb geht die Deutsche Aidshilfe davon aus, dass PrEP niemals ein Massenphänomen werden wird. "Glücklicherweise liegt der Kondomgebrauch bei homo- als auch bei heterosexuellen Männer weiter auf einem stabil hohen Niveau. Rund vier von fünf Männern machen es mit Gummi, zeigen die Studien."

Andersherum zeigen unsere drei PrEP-Käufer aber auch: Menschen sind bereit, für angstfreien Sex ohne Kondom die Nachteile der Pillen hinzunehmen. Wenn sich der Gesetzgeber, die Pharmafirmen oder die Krankenkassen nicht auf diese Menschen zubewegen, wird der Schwarzmarkt womöglich weiter wachsen.

Mehr Informationen zum Thema PrEP gibt die Deutsche Aidshilfe auf ihrer Webseite.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Truvada sei als "Pille für danach" zugelassen und werde von deutschen Krankenkassen bezahlt. Richtig ist, dass die Übernahme nicht garantiert ist. Wir haben das präzisiert.

​Dennis, 36

Ich hatte schon echte Risiko-Kontakte. Danach drei Monate auf den HIV-Test warten – das war immer die Hölle. Das Thema PrEP verfolge ich deshalb schon seit Jahren.

Im Urlaub in Bangkok habe ich mich dazu in der schwulen Szene umgehört und von einer Klinik gehört, die es für 30 Euro pro Monatspackung verkauft. Ich und mein Reisekumpel, der zufällig auch Arzt ist, sind gemeinsam hin und er fand auch, dass es seriös rüberkommt.

Ich habe gleich zwölf Packungen gekauft, für ein ganzes Jahr. Die Dosen habe ich über mehrere Gepäckteile und Reisende verteilt. Ist alles durchgekommen.

Erst habe ich die Pillen nur situationsbedingt genommen, das habe ich aber nicht besonders diszipliniert eingehalten. Dann bin ich auf Dauer-Medikation umgestiegen.

Heute ziehe ich ein Kondom drüber, wenn ich gefragt werde. Aber ich pushe das nicht mehr. Ich schließe auch keine Leute mehr aus, die sagen "nur ohne Kondom". Ich fühle mich sicher und lasse jetzt auch bald meine Leber- und Nierenwerte testen.

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