Fühlen

Islim, 23, ist Muslima. Sie will nicht für den Terror der Islamisten büßen

26.11.2015, 08:55 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

"Ich spüre die verachtenden und verängstigten Blicke fremder Menschen. Dabei habe ich ja selbst Angst vor neuen Anschlägen."

(Bild: Islim Erdal )

"Bitte lass es keinen Muslim sein, bitte lass es keinen 'Islamisten' sein", das dachte ich, als ich vom Anschlag in Paris gehört habe. Diesen Gedanken teilten wohl Millionen Muslime weltweit.

Am Tag nach dem Attentat saß bei uns die ganze Familie am Esstisch und trauerte um die Opfer in Paris. "Was ist nur los mit der Menschheit?“, fragte ich mich. Ich konnte es überhaupt nicht begreifen. "Wertschätze und respektiere jeden Menschen“, das haben meine Eltern mir vorgelebt. Unabhängig von Aussehen, Religion, Geschlecht oder Hautfarbe.

(Bild: Getty Images / Jeff J Mitchell)

Ich spürte Angst, Panik, Wut. Nach jedem Terroranschlag habe ich Angst. Angst vor weiteren Angriffen durch "Islamisten" oder "Extremisten". Nach jedem "islamistischen" Anschlag bin ich resigniert und niedergeschlagen.

Ohne meine Religion fühle ich mich wie ein halber Mensch. Meine Religion gehört zu mir. Deswegen bete ich auch für die Opfer und ihre Angehörigen. Muss ich als Muslimin dafür büßen, dass Terroristen der Menschheit Böses antun? Bin ich jetzt schuldig, für all die Anschläge, die auf der Welt passieren? Muss ich mich für etwas rechtfertigen, was ich nicht getan habe? Müssen sich Christen für den Ku-Klux-Klan entschuldigen? Ich weine.

Ich spüre die verachtenden und verängstigten Blicke fremder Menschen.

Viele vergessen, dass auch ich als Muslimin um die Ermordeten trauere, dass ich an die Familienangehörigen und Freunde denke. Dass es mir weh tut, wenn ich ständig in den Sozialen Netzwerken lesen muss:

"Alle Muslime sind schuldig"

"Alle Muslime sind keine Terroristen, aber alle Terroristen sind Muslime."

"Ich fordere ein Islam-Verbot."

"Auch ich gebe meine Stimme demnächst der AfD. Nicht, weil ich ihre Politik unterstütze, sondern weil ich dieses weltfremde Gehabe nicht mehr ertragen kann."

Ich habe mit meinen Freunden über die Anschläge in Paris gesprochen, sowohl mit muslimischen als auch mit nicht-muslimischen. Wir redeten darüber, dass wir es nicht verstehen, warum sich unterschiedliche Weltanschauungen nicht vertragen, warum es Krieg gibt und Terror. Sie sagen, dass die meisten Muslime jeglichen Terror verachten und sich ein friedliches Leben wünschen. Das schenkt mir Hoffnung.

Im Alltag habe ich oft Angst, manchmal werde ich angestarrt. Ich spüre die verachtenden und verängstigten Blicke fremder Menschen. Nur weil ich ein Kopftuch trage. Ist es, weil ich ein Kopftuch trage? Dabei habe ich ja selbst Angst vor neuen Anschlägen. Angst vor Anschlägen auf die gesamte Bevölkerung, aber auch auf muslimische Mitbürger, die jeglichen Terror ablehnen.

Dabei müssen wir jetzt zusammenhalten und gemeinsam den Terror bekämpfen. Juden, Christen, Muslime, Buddhisten, Atheisten müssen sich gegenseitig mit Würde und Respekt behandeln. Wir müssen miteinander sprechen, und vorurteilsfrei aufeinander zugehen. Nur durch Toleranz können wir den Terror besiegen.

Islim Erdal studiert Lehramt für Haupt-Real und Gesamtschule mit der Fächerkombination Mathematik und Sozialwissenschaften.