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Fühlen

Ist es tatsächlich so großartig, Mitte Zwanzig zu sein?

12.12.2015, 15:22 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.

Sie tragen Vintagekleidung, fahren auf Fixies durch New York, hören Platten in ihren Lofts und verwirklichen sich nebenher selbst. Wie man das eben so macht mit 25.

In der Generationenkomödie "Gefühlt Mitte Zwanzig" verkörpern Amanda Seyfried und Adam Driver die jüngere Generation und sind dabei vor allen Dingen sehr, sehr cool. Sie freunden sich mit einem Pärchen Anfang 40 an, das sich sogleich nostalgisch und auch ein bisschen neidisch in diese ach-so-aufregende Zeit zurück wünscht.

Ob Bauernhof, Bachelor, Master, Doktor, Praktikum in San Francisco, Start-Up, Kunst, Ausbildungsberuf oder die eigene Surfschule in Südafrika: You can have it all! Das klingt ja erst mal ziemlich geschmeidig.

"Gefühlt Mitte Zwanzig"

"Gefühlt Mitte Zwanzig" (Bild: dpa)

Aber ist das tatsächlich so großartig?

Die meisten Artikel zur "Generation Y" handeln nicht davon, dass sie falten- und sorgenfrei durchs Leben flaniert. Sie bestätigen ihr vielmehr eine riesige Orientierungslosigkeit in diesem Dschungel aus Möglichkeiten. Du suchst keinen Beruf, du suchst eine Berufung, denn "Work is not a job". Zur Arbeit gehst du nicht einfach - du gehst in ihr auf, das ist das Ziel. "Tu nur, was dich glücklich macht!", heißt es seit der achten Klasse.

Und da beginnt der Teufelskreis: Bei all diesen Möglichkeiten muss doch die für dich absolut perfekte Sache dabei sein. Also bloß nicht vorschnell festlegen - erst, wenn alles zu zweihundert Prozent passt, hast du’s richtig angestellt.

Nach der Schule darfst du dich ob der Optionenvielfalt noch erschlagen fühlen. Du stecktest ja diverse Jahre in einer Institution drin, die mehr oder weniger alles vorgab. Danach musst du dich erst mal orientieren, selbst kennen lernen und finden. Als wärst du irgendwo zwischen Geburt und Abiball verloren gegangen.

Selbstfindung wird inzwischen als obligatorische Phase zwischen Schule und Ausbildung oder Studium verkauft

Diese "Selbstfindung" wird inzwischen als obligatorische Phase zwischen Schule und Ausbildung oder Studium verkauft. Erst mal raus ins "echte Leben" - in australischen Hosteldorms schlafen, Kiwis ernten und thailändische Waisenkinder im Arm halten. Freiheit und Abenteuer - allerdings meist eingebettet in ein abgesichertes, wenn nicht sogar genormtes Ferienprogramm.

Reisen kann immer eine großartige Erfahrung sein. Ich finde es auch durchaus sinnvoll, sich etwas Zeit zur Orientierung zu geben. Ich befürworte die Idee sogar sehr, nicht so schnell wie nur irgend möglich ins Arbeitsleben zu starten.


(Bild: Pixabay / Kewl)

Was mich aber stört ist dieses falsche Versprechen der sich anschließenden Vollkommenheit (neben der Tatsache, dass sich nicht jede und jeder mal eben ein Around-The-World-Ticket leisten kann): Sobald du Neuseeland durchgetravelt und ausreichend Sonnenuntergänge fotografiert hast, bist du ein fertiger Mensch und kannst loslegen. Du hast dich vollends optimiert und kannst nun ein funktionstüchtiges Teilchen der Leistungsgesellschaft sein. Und dabei musst du auch noch glücklich sein.

Es beginnt nun also das ewige Ausprobieren. Ausbildung, Studium, Praktikum und immer den Gedanken im Hinterkopf, vielleicht die beste Chance verpasst zu haben. Sobald du eine Sache anfängst, schließt sich eine andere Tür - schwierig, die Optionenvielfalt als positiv zu betrachten.

Immerhin hast du aber den Vorteil, noch immer so furchtbar jung zu sein. Da ist vieles entschuldbar.

Plötzlich erwartet man von dir, allein zurechtzukommen.

Und ob Stress mit der Vermieterin, akute Geldnot, Ärger mit der Auslandsversicherung, dem Prüfungsamt oder dem Partner oder der Partnerin: Im Idealfall helfen die Eltern, die Oma, die Studienberatung, die Menschen vom Bafög-Amt. Irgendwo steht der oderdie nächste Erwachsene bereit, um das Gröbste zu regeln und zu sagen, was zu tun ist. Du steckst in einer Lightversion des Erwachsenseins.

Irgendwann bist du nicht mehr Anfang 20, es gibt kein Kindergeld mehr und keine Familienversicherung, der Studiengangswechsel stößt beim Bafög-Amt nicht mehr auf Begeisterung. Plötzlich erwartet man von dir, allein zurechtzukommen. Und auf den Schultern lastet auf einmal jede Menge Verantwortung, die du so gar nicht gewohnt bist.

Aus den anderen Ausprobier-Versionen um dich herum sind "richtige" Leben geworden.

Die unzähligen Möglichkeiten scheinen zu verpuffen. Die ersten Freunde arbeiten in echten Jobs, kriegen Kinder, investieren in Wohnraum. Aus den anderen Ausprobier-Versionen um dich herum sind "richtige" Leben geworden.

Verständlich, dass du Panik bekommst, wenn du noch immer nicht so richtig weißt, wohin. Und niemand sagt mehr: Ach, dann flieg doch erst mal nach Australien.

Den Fehler für dieses scheinbare Versagen suchst du bei dir selbst, denn bei all den tollen Möglichkeiten und all der Selbstfindung, da musst du doch irgendwas falsch gemacht haben, wenn jetzt noch nicht alles rund läuft.

Die jahrelange Dauerschleife aus "You can have it all" und "Tu nur, was dich glücklich macht" ist einer Realität gewichen, in der man sich selbst versichern und Studiendarlehen zurückzahlen muss.

Das Problem sind aber nicht die vielen Möglichkeiten an sich. Die sind tatsächlich existent und ein riesiges Privileg. Das Problem ist vielmehr der Umgang damit.

Die Welt tickt eben noch nach alten Mustern: Ausbildung, Job, Rente, und dazwischen bloß kein Hinterfragen. Aber Lebensentwürfe und Ziele verändern sich. Unsere Art zu arbeiten ebenfalls. Dabei ist ein Umorientieren - eigentlich - auch mit Mitte 40 noch möglich.

Diese ominöse Selbstfindung ist auch schlicht kein Vorgang, den man abschließen kann (erst recht nicht irgendwo zwischen Trekkingsandalen und Lonely Planet).


Und mehr Möglichkeiten bedeuten weder, dass buchstäblich alles möglich ist, noch, dass man automatisch die Garantie fürs Glücklichsein dazu bekommt. Das sollten wir verinnerlichen, dann ist auch der Aufprall nicht so hart. Sie bedeuten aber, dass es den Druck, irgendwann "fertig" zu sein und ein "richtiges" Leben führen zu müssen, eigentlich gar nicht geben kann.

Wir müssen uns von dieser falschen Vorstellung eines "richtigen", vollends optimierten Lebens verabschieden. Wir sollten lernen, dass es nicht an unserer fehlerhaften Selbstfindung liegt, wenn wir mal scheitern. Auch Scheitern ist schlicht eine Option geworden, danach geht’s weiter.

Wenn wir das Versprechen der Vollkommenheit entkräften, könnten wir viel entspannter an die Sache rangehen. Dann könnten wir die vielen offenen Türen tatsächlich als den Vorteil ansehen, der sie eigentlich sind.