Fühlen

Ich habe mich in der offenen Beziehung fremdverliebt. Wie reagiert mein Verlobter?

17.08.2016, 14:56 · Aktualisiert: 19.08.2016, 16:21

Es gibt Momente im Leben, in denen man sich fragt: Habe ich die richtige Entscheidung getroffen?

Ich war gerade zurück aus New York, dort hatte ich – ohne meinen Verlobten Leo – vier Monate studiert. In der Zeit hatte ich Ed kennengelernt und mit ihm eine Affäre begonnen. Ich hatte mich in ihn verliebt. Aber sich in jemand anders verlieben? Das hatten Leo und ich nicht einkalkuliert, als wir uns für eine offene Beziehung entschieden.

In den Wochen nach meiner Rückkehr nach Deutschland fiel es mir schwer, mich wieder in den Alltag einzugliedern. Alles schien ein wenig lebloser, die Welt um mich herum blasser.

Einzig in unserer Zweisamkeit konnte ich die Heimkehr genießen. Leo bemühte sich, mir die Rückkehr so leicht wie möglich zu gestalten. Wir gingen ins Theater, machten Ausflüge oder blieben einen ganzen Sonntag im Bett.

Mit jeder gemeinsam verbrachten Minute schienen die Stunden mit Ed tiefer in die hinterste Ecke meines Gehirns zu rücken. Und Leo holte mir das pulsierende New Yorker Lebensgefühl in unsere Welt. Ich genoss die gemeinsame Zeit, spürte wie sich die leeren Akkus unserer Beziehung wieder aufluden.

Wer ist Anna Klausner?

Es gibt sie wirklich, sie heißt aber anders. Geboren in den Achtzigern, ehemaliges Landei, fühlt sich überall und nirgends zu Hause. Ist notorisch neugierig und meint, man müsse alles einmal probieren, bevor man es doof finden darf. So auch eine offene Beziehung, das Thema ihrer bento-Kolumne.

Doch nichts konnte dieses Gefühl vertreiben, das sich auch in der schönsten Stunde heimlich mit ins Zimmer schlich: Schuld. Nicht weil ich Ed zurückgelassen hatte, sondern weil ich dachte, Leo betrogen zu haben.

Für diesen Moment hatten wir uns keine Regeln zurechtgelegt. Wir hatten am Anfang unserer offenen Beziehung nur festgelegt, dass wir keine Dates mit Bekannten, Freunden oder Arbeitskollegen haben werden. Wir sagten, dass wir nur so lange mit der offenen Beziehung experimentieren, wie es uns beiden Spaß macht. Und wir hatten unsere eigene Wohnung zur Tabuzone erklärt. Flirten und "mehr" bitte aushäusig!

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Lana Petersen
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Andere Regeln fielen uns nicht ein. Wir dachten nicht darüber nach, was passierte, wenn einer von uns plötzlich romantische Gefühle für jemand anderen entwickelte. Wenn er Freizeit mit ihm verbrachte und eine regelrechte Zweit-Beziehung einging.

Wir hatten unsere Beziehung sexuell geöffnet – aber nicht emotional. Polyamorie stand nicht auf dem Plan. Auch wenn wir beide keine Probleme damit hatten, den Körper des anderen zu teilen – es sogar genossen, den anderen dabei zu beobachtenunsere Herzen sollten nur füreinander schlagen.

Doch meine Schuldigkeit endete für mich nicht damit, dass ich Gefühle für jemand anderen hatte. Nein, ich hatte nicht auf Leo gehört, als er mir zeigte, dass er eifersüchtig war auf Ed. Dass es ihm nicht mehr gut ging mit der Situation. Statt die Affäre zu beenden, schaltete ich Leos Einwände regelrecht auf stumm.

Und das war ein Verstoß gegen unsere eiserne Regel: Wir wollten die offene Beziehung nur solange verfolgen, wie wir beide glücklich waren.

In der Nacht, wenn Leo nun wieder neben mir schlief, erdrückte sie mich fast, diese Schuld und ich fragte mich, ob ich "uns" für immer zerstört hatte. Ob diese Zeit über unserer Beziehung schweben und sie letztendlich zum Scheitern verdammen würde?

​Unter Tränen teilte ich Leo meine Gefühle mit, entschuldigte mich und bat ihn um Vergebung.

Unter Tränen teilte ich Leo meine Gefühle mit, entschuldigte mich und bat ihn um Vergebung. Er hielt mich einfach in seinen Armen und sagte: "Ich weiß. Ich spüre wie sehr es dir Leid tut." Er strich mir die Tränen von den Wangen: "Das ist alles ganz schön scheiße gelaufen. Aber ich will nicht, dass diese Zeit uns immer im Nacken sitzt. Wir haben Fehler gemacht und wir haben daraus gelernt. Jetzt will ich mit dir nach vorne schauen – zusammen."

Erleichterung – für genau jenen Augenblick war dieses Wort erfunden worden. Leo wollte uns noch, er wollte mich und eine gemeinsame Zukunft. Und auch die offene Beziehung wollte er weiterhin, nur ergänzten wir unseren Regelkatalog um einen weiteren Punkt: Allein gab es nur One-Night-Stands.

Auch wenn Leo mir seit unserer Aussprache deutlich gezeigt hatte, dass seine Vergebung ehrlich war, brauchte ich noch ein wenig Zeit

Knapp acht Wochen später waren wir das nächste Mal auf einer Party. Diesmal saß ich auf der Couch und beobachtete, wie Leo sich mit einer rothaarigen Britin vergnügte. Ja, vielleicht war es noch ein bisschen das Bedürfnis der Wiedergutmachung, dass ich mich bewusst zurückhielt.

Denn auch wenn Leo mir seit unserer Aussprache deutlich gezeigt hatte, dass seine Vergebung ehrlich war, brauchte ich noch ein wenig Zeit, um jemand Nachtragenderem zu vergeben: mir selbst.

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Gerechtigkeit

Obdachlose haben London fotografiert – und zeigen dir einen neuen Blick auf die Stadt

17.08.2016, 12:32 · Aktualisiert: 18.08.2016, 14:02

Wie eine Einwegkamera Leben verändern kann.

David Tovey ist einer von denen, die es rausgeschafft haben. Raus aus der Obdachlosigkeit, raus aus der Hoffnungslosigkeit. “Du kannst dir nicht vorstellen, wie das Fotografieren mit einer Einwegkamera Leben verändern kann!”, sagt der Mann mit Dreitagebart und Schiebermütze. Begeisterung liegt in seiner Stimme.

Vor zwei Jahren hat David zusammen mit anderen Londoner Wohnungslosen an einem Foto-Projekt von Café Art teilgenommen. Das soziale Unternehmen aus der britischen Hauptstadt gestaltet mit Obdachlosen einen Foto-Kalender. Das Thema: mein London. Wie auch schon in den Vorjahren haben die Organisatoren Einwegkameras verteilt und anschließend aus 5000 Bildern 20 Gewinnerfotos ausgewählt. Über die Auswahl für den Kalender wurde schließlich öffentlich abgestimmt.