Fühlen

Was ich in fünf Jahren offener Beziehung gelernt habe

24.08.2016, 17:23 · Aktualisiert: 05.10.2016, 15:56

Aufregend, atemlos, herzzerreißend, romantisch, lustig, traurig, euphorisch. Und vor allem: einzigartig.

Es gibt viele Sätze über das Ende. Zum Beispiel: Das Beste kommt immer zum Schluss. Oder: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Und was will ich irgendwann über mein Lebensende sagen?

Mir ist klar geworden: Ich will keine Kompromisse eingehen. Mit Leo – ja. Mit mir – nicht unbedingt. Mit dieser Gesellschaft – auf keinen Fall.

Fünf Jahre leben Leo und ich in einer offenen Beziehung, seit zweieinhalb Jahren sind wir mittlerweile verheiratet. Aufregend, atemlos, herzzerreißend, romantisch, lustig, traurig und euphorisch – so erlebten wir diese Zeit bislang. Und vor allem: einzigartig.

Wer ist Anna Klausner?

Es gibt sie wirklich, sie heißt aber anders. Geboren in den Achtzigern, ehemaliges Landei, fühlt sich überall und nirgends zu Hause. Ist notorisch neugierig und meint, man müsse alles einmal probieren, bevor man es doof finden darf. So auch eine offene Beziehung, das Thema ihrer bento-Kolumne.

Blicke ich auf die bisherigen Jahre zurück und auf den Moment, als wir unsere Beziehung öffneten, kann ich ehrlich sagen: Ich bereue nichts.

Sicher, Leo und ich haben beide Fehler gemacht, aber keiner dieser Fehler hat unserer Beziehung geschadet. Im Gegenteil: Jedes Schlagloch hat sie gestärkt, jede Stolperfalle hat uns enger zusammenrutschen lassen.

Wir haben uns ehrlich eingestanden, dass jeder von uns auch andere Menschen attraktiv findet. Wir gehen offen mit unseren Wünschen um, anstatt sie zu verheimlichen. Wir leben sie gemeinsam, anstatt hinter dem Rücken des Partners.

Selbst meine kurze "Zweit-Beziehung" zu Ed zeigte mir ironischerweise: Selbst wenn ich meinen Körper einem anderen Mann hingebe, mein Herz schlägt nie so für jemand anderen wie für Leo.

Ja, es gab dieses Kribbeln mit Ed. Ich hatte ihn während meines viermonatigen Auslandstudiums in New York kennengelernt. Und ja, das hatte mich kurz verunsichert: War ich verliebt in Ed? Liebte ich Leo noch?

Letztlich dachte ich aber mit Ed nie über eine gemeinsame Zukunft nach. Letztlich bin ich mir sicher: Nur bei einem Menschen spüre ich diese Sehnsucht, die Seele des anderen zu erkunden. Diese eine riesengroße Liebe, für die ich jeden Tag ein besserer Mensch sein möchte, für die ich ewig das Glück suchen will, die gibt es nur einmal. Zumindest gilt das für mich.

Wahrscheinlich vergehen deswegen oft mehrere Monate, bevor Leo oder ich Lust haben, auf eine Party zu gehen und mit einem anderen Pärchen rumzumachen. Einfach, weil wir uns genug sind. Aber wir wissen, die Möglichkeit ist stets da.

Sicher, viele sehen dies als bequemes Hintertürchen: Immer mit einem Fuß raus aus der Beziehung oder der Ehe. Wir betrachten es einfach als erotisches Spiel, welches wir manchmal zu Zweit, aber auch zu Dritt oder Viert spielen.

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Lana Petersen
Lana Petersen
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Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich einem wütenden Kind gleich alle Regeln, die für "richtige" Beziehungen aufgestellt wurden, auf den Boden werfen und darauf herumtrampeln möchte. In einer Beziehung ist nur Platz für Zwei. Oder, wenn man den Partner "richtig" liebt, dann will nicht monogam leben.

Wieso sollen wir nach Regeln leben, die andere aufgestellt haben? Wieso sollen wir diese Regeln nicht in Frage stellen und für uns neu definieren?

Dachten Leo und ich bereits tolerant und weltoffen zu sein, lernten wir in den vergangenen fünf Jahren mehr Beziehungsformen kennen als es Farben im Regenbogen gibt. Werden manche Männer beispielsweise gerne von ihren "Frauchen" an der Leine spazieren geführt – ja, so richtig mit echter Hundeleine um den Hals – so lieben und leben andere Frauen mit drei oder vier Männer gleichzeitig und gleichberechtigt in einer Beziehung.

Und auch wenn wir manche Dinge für uns ausschließen, so akzeptieren und respektieren wir, wenn andere sie praktizieren. Wie hat Robbie Williams es sich so schön über die haarige Brust geschrieben: Chacun à son goût. Jeder nach seinem Geschmack!

War das 'ne geile Reise!

Denn in fünf Jahren offener Beziehung ist mir vor allem eins klar geworden: Nur die beteiligten Menschen müssen sich mit ihren Entscheidungen wohl und glücklich fühlen. Für alle anderen gilt: "Fuck you! Aber ich brauche eure Ratschläge nicht." Es sei denn, ich habe darum gebeten.

In den vergangenen fünf Jahren habe ich auch gemerkt, wie wichtig es ist, einen Partner zu haben, der mich an die Hand nimmt, um ins Unbekannte zu springen. Und wie wunderbar es ist, dieses Unbekannte gemeinsam zu erkunden.

Deshalb werden Leo und ich unsere Beziehung genauso offen und ehrlich weiter führen wie bisher. Damit wir am Ende unseres gemeinsamen Lebens nicht denken: "Hättest du den Arsch in der Hose gehabt, ehrlich zu sagen, was du möchtest."

Wir werden so lässig ankommen wie Norman Reedus auf seinem Motorrad, gänzlich erschöpft, aber mit einem zufriedenen Lächeln: "War das 'ne geile Reise!"

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