Bild: Michael Winkler

Fühlen

"Ich habe die Großstadt gewechselt": Stadtkinder erzählen, wie der Umzug ihr Leben veränderte

10.08.2016, 10:25 · Aktualisiert: 11.08.2016, 14:25

Man kennt das Narrativ: Dorfkind zieht in die Stadt, um zu studieren, eine Ausbildung zu beginnen oder zu arbeiten. In einem neuen, städtischen Umfeld – so der Mythos – kann endlich das Leben beginnen, von dem man lange nur geträumt hat.

Was aber, wenn man all das schon hatte? Clubs vor der Haustür, Supermärkte im Fünf-Minuten-Radius und Kulturangebot? Was passiert, wenn Stadtkinder ihre Großstadt verlassen, um in eine andere Großstadt zu ziehen?

Wir haben mit sechs Menschen gesprochen.

Julian, 28, von Wien nach Berlin

Julian arbeitet als Texter

Julian arbeitet als Texter

Wie hat dich der Umzug von Wien nach Berlin verändert?

Plötzlich kann man entscheiden, wer man sein möchte. Lernt, staunt, macht Fehler und lacht über die eigene Naivität. Ich bin beim Träumen wohl realistischer geworden.

Was war bis jetzt besonders hart?

Die Realität hat mir ein paar Ohrfeigen verpasst, bei der Job- und Wohnungssuche zum Beispiel. Wobei ich genau wegen diesen Herausforderungen umgezogen bin: Um wieder mehr Leben zu spüren.

Hattest du Zweifel an deiner Entscheidung?

Als ich in Wien in den Zug gestiegen bin, habe ich mich gefragt, warum ich das eigentlich mache. Alle geliebten Menschen und auch meinen Job hinter mir zu lassen. Aber wahrscheinlich genau deshalb habe ich es getan: Um wieder schätzen zu können, was Alltag und selbstverständlich geworden ist.

Was hat dich überrascht?

Obwohl ich in der kurzen Zeit schon in drei verschiedenen WGs gelebt habe, haben mich gerade die unterschiedlichen Menschen sehr positiv überrascht.

Konntest du Anschluss finden?

Ja, definitiv. Auch wenn ich noch immer nach einer neuen Brettspielrunde und meiner Traumfrau suche.

Was hält dich in der neuen Großstadt?

Die Menschen, Parks, Inspiration, das Essen und die Möglichkeiten an meinen Projekten zu arbeiten.

Möchtest du bleiben?

Definitiv.

Wie erschließt du dir deine neue Stadt?

Mit dem Rad. Ich verirre mich manchmal auch gerne. Dadurch lernt man viele neue Ecken kennen.

Ein Leben auf dem Dorf wäre für dich…

Bevor ich eine große Familie und ein kleines Vermögen habe, keine Option.

In der Fotostrecke: Hier leben die Großstadthopper

flickr.com / Rasmus Zwickson
flickr.com / R. Halfpaap
flickr.com / Carsten Frenzl
flickr.com / Daikrieg el Jevi
flickr.com / Bert Kaufmann
flickr.com / Marika Bortolami
flickr.com / Christian Haugen
1/12

Caren, 27, von Hamburg nach Rio

Caren arbeitet als Journalistin

Caren arbeitet als Journalistin (Bild: Valerie Siba Rousparast)

Wie hat dich der Umzug von Hamburg nach Rio de Janeiro verändert?

Mein Blick für Ungleicheiten wurde in Brasilien geschärft. Ich bin weiß und habe einen deutschen Pass, was mit vielen Privilegien einhergeht. So konnte ich beispielsweise nach den Strandbesuchen in Ipanema ohne Probleme in die anliegenden Hotels laufen, um auf Toilette zu gehen, da ich als Gast wahrgenommen wurde.

Deine größte Herausforderung?

Ich habe in Rio zwar keine Polizeigewalt am eigenen Leib erfahren, aber bin Zeugin geworden. Für mich war das vorher in dieser Intensität nicht die Norm, auch wenn es das in Hamburg auch gibt. Vor denjenigen, die damit täglich leben müssen, habe ich großen Respekt.

Hattest du Zweifel?

Ich hätte jeden Tag mit der gleichen Intensität weinen und mich freuen können. Die Stadt ist extrem ungleich – und das ist sichtbar. Wenn man beispielsweise in teuren Restaurants nur Schwarze sieht, die dort arbeiten, aber die Gäste nahezu ausschließlich weiß sind, spricht das Bände über die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Was ist besser gelaufen, als du es dir vorgestellt hast?

Das Ankommen und mich in der Stadt zurechtfinden. Auch wenn die Stadt riesig und hektisch ist, haben die Leute sich Zeit genommen und mir am Anfang mit Engelsgeduld Wege erklärt.

Stellst du dir manchmal die Frage: Warum tue ich mir das an?

Angesichts der Verkehrslage in Rio: Ja! Die Stadt hat doppelt so viele Einwohner wie Berlin, aber beispielsweise nur zwei Metro-Linien. Es gibt Züge bis in die Vororte und überall Busse, dadurch auch viele Staus. Ich jammere auf hohem Niveau, denn für Menschen mit niedrigem Einkommen, die in den Vororten leben, ist es normal, täglich mehrere Stunden im Stau zu verbringen.

Was hält dich in der neuen Großstadt?

Ich bin schon wieder zurück in Hamburg, da mein Visum auslief und ich hier mein Studium beenden muss. Aber danach war ich noch mal da und werde bald wieder hin, weil ich als Journalistin auch viel zu Brasilien arbeite.

Wie erschließt du dir deine neue Stadt?

Ich habe mich neben Studium und Arbeit sehr darum bemüht, Freundschaften zu schließen – und mich dann von meinen Freundinnen überall mit hinzerren lassen. Das hat super geklappt.

Ein Leben auf dem Dorf wäre für dich…

...erst mal keine Option.

Teresa, 27, von Wien nach San Francisco

Teresa arbeitet als Tech-Journalistin

Teresa arbeitet als Tech-Journalistin

Wie hat dich der Umzug von Wien nach San Francisco verändert?

Viele Dinge erscheinen mir weniger selbstverständlich. Wenn man in eine neue Stadt kommt, muss man alles neu kennenlernen. Wenn man neugierig ist, kann man mit einem frischen Blick Herausforderungen begegnen. Das gilt für die Wahl des Lieblingsrestaurants ebenso wie für Fußwege durch die Stadt.

Was fiel dir schwer?

Familie und Freunde nicht mehr so oft und vor allem nicht mehr so einfach treffen zu können. Man muss genau planen, wann man sich sieht.

Hattest du Zweifel?

Natürlich! Ich denke Zweifel sind auch wichtig, solange man sich trotzdem noch wohlfühlt. Zweifel helfen mir immer, kritisch zu sein und Entscheidungen besser zu überlegen. Bevor man in eine Stadt zieht, in der man noch nie gelebt hat, kann man gar nicht wissen, wie es sich anfühlt, dort zu wohnen.

Was ist besser gelaufen, als du es dir vorgestellt hast?

Ich habe zwei Katzen adoptiert, was super funktionierte. Sie haben sich schnell eingewöhnt und ihr neues Zuhause akzeptiert. Das hat auch mir dabei geholfen, mich noch mal mehr angekommen zu fühlen.

Hast du Anschluss gefunden?

Ja, das war nie ein Problem, da ich auch schon vor meinem Umzug Freundinnen und Freunde in San Francisco hatte.

Was hält dich in der neuen Großstadt?

San Francisco und das Silicon Valley zeichnen sich durch die vielen Möglichkeiten und die kreativen Menschen aus. Das finde ich besonders spannend und motiviert mich auch dazu, länger bleiben zu wollen.

Wie erschließt du dir deine neue Stadt?

Zu Fuß gehen. So lernt man den Charakter einer neuen Stadt kennen.

Ein Leben auf dem Dorf wäre für dich…

... eine Überlegung wert, solange das WLAN schnell genug ist.

Michael, 28, von Wien nach Hamburg

Michael arbeitet in einer Werbeagentur

Michael arbeitet in einer Werbeagentur

Wie hat dich der Umzug von Wien nach Hamburg verändert?

Mir wurde bewusst, dass ich nicht so "entwurzelt" bin, wie ich bisher angenommen hatte.

Deine größte Herausforderung?

Ich bin aus beruflichen Gründen nach Hamburg gezogen, kannte also niemanden. Die größte Herausforderung war es, mein soziales und berufliches Netzwerk neu aufzubauen.

Hattest du Zweifel?

Anfangs gar nicht, mittlerweile vermisse ich meine Jugendfreunde und meine Familie aber sehr. An meiner beruflichen Entscheidung zweifle ich aber nicht.

Was hat dich überrascht?

Ich habe mich in Hamburg sofort sehr wohl gefühlt und wurde auf der neuen Arbeit auch herzlich aufgenommen. Das Wetter ist auch nicht so schlimm wie man sagt.

Hast du schon Anschluss gefunden?

Nicht wirklich. Im Gegensatz zu Wien sind die Hamburger auch distanzierter. Da ich sehr viel Zeit in der Arbeit verbringe, beschränkt sich mein neues soziales Umfeld daher fast ausschließlich auf Kollegen.

Warum hast du Wien verlassen?

Ich liebe Wien und wenn ich mich für eine der beiden Städte entscheiden müsste, würde ich auch immer die Heimat wählen. In Österreich ist meine Branche aber einfach zu klein.

Möchtest du in Hamburg bleiben?

Ich werde noch bleiben, sehe Hamburg aber als Zwischenstation. Ich möchte noch mehrere Orte kennenlernen, bevor ich dann nach Österreich zurückkehre.

Ein Leben auf dem Dorf…

…kann ich mir nicht vorstellen, in einem ländlichen Gebiet am Rande einer Stadt allerdings sehr gut. So hat man das Beste von beidem.

Alexis, 29, von Barcelona nach Berlin

Alexis ist Snowboarderin und Grafikdesignerin

Alexis ist Snowboarderin und Grafikdesignerin (Bild: Michael Winkler)

Wie hat dich der Umzug von Barcelona nach Berlin verändert?

Als Mensch eigentlich gar nicht. Er hat mir nur noch weiter vor Augen geführt, wie komisch die Deutschen sind. Uns geht es hier so gut – und trotzdem sind alle negativ und unglücklich.

Hast du Anschluss gefunden?

Als Person, die weder chemische Drogen nimmt, noch auf Raves geht, war das gar nicht so einfach. Ich habe einige Zeit in London verbracht, ein halbes Jahr in Amerika gelebt, aber nirgendwo fiel es mir so schwer, Freunde zu finden wie in Berlin. Mir kam es vor, als würden sich alle einfach nur unglaublich cool fühlen. Die meisten hatten schon ihren Freundeskreis und daher kein Bedürfnis, neue Freunde dazu zu gewinnen. Berlin war mir zu zerrissen, anonym, dreckig. Der Bezug zur Natur und zum Sport hat mir gefehlt. Nach einem Jahr bin ich nach München gezogen.

Was ist besser verlaufen, als du es dir hättest vorstellen können?

Ich denke immer, dass alles super stressig oder furchtbar kompliziert wird, dann hält das Universum doch immer einen einfachen Weg für mich bereit. Sogar die unzähligen Anzeigen von den bayrischen Polizisten sind besser ausgefallen als erwartet.

Das heißt?

Die wollten mich davon abhalten, meine illegalen Kräuter zu rauchen.

Bist du manchmal genervt vom Großstadtleben?

Großstädte sind unglaublich aufregend. So viel urbane Abenteuer, so viele Möglichkeiten und Chancen. Trotzdem: In München möchte ich nicht noch einmal wohnen. Noch viel weniger in Berlin. Aber in so vielen anderen Großstädten, auf so vielen Kontinenten! Letztlich glaube ich trotzdem, dass ich auf dem Land enden werde.

Wie erschließt du dir deine neue Stadt?

Eigentlich immer durch meine kindliche Neugier und dadurch, dass ich keine Scheu habe, einfach irgendwelche Leute anzuquatschen.

Ein Leben auf dem Dorf ist für mich…

...genauso reizvoll, weil es dort so viele andere Sachen zu sehen gibt. Ich finde Pflanzen, Wasserfälle und Natur sehr interessant.

Katja, 32, von Seattle nach Los Angeles

Katja ist Doktorandin in Geschichte und Projektmitarbeiterin im Wende Museum

Katja ist Doktorandin in Geschichte und Projektmitarbeiterin im Wende Museum (Bild: Stas Shectman)

Wie hat dich der Umzug von Seattle nach Los Angeles verändert?

Ich habe in einem halben Duzend großer Städte gelebt und kenne den Unterschied zwischen großer Stadt und Großstadt ganz gut. Ich mag Abwechslung und kann mit dem Gefühl, überwältigt zu sein, gut umgehen. Ich mag das Gefühl, dass es immer mehr Dinge zu tun und zu entdecken gibt, als ich jemals tun und entdecken kann.

Während der drei Jahre in Seattle habe ich dieses Gefühl unheimlich vermisst. Nach einem knappen halben Jahr in Los Angeles ist es zurück. Ich fühle mich wieder mehr wie ich selbst.

Irgendwelche besonderen Herausforderungen?

LA ist anders als alle Städte, in denen ich bis jetzt gelebt habe. Das Stadtgebiet erstreckt sich über eine riesige Fläche, mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das nur schwer zu bewältigen. Ich fahre viel mit dem Auto.

Was hat dich positiv überrascht?

Wie in vielen anderen Großstädten, ist es nicht einfach, eine bezahlbare Bleibe zu finden. Ich hatte dann auch keine großen Erwartungen in Bezug auf die ideale Mitbewohnersituation; preiswert sollte es sein. Aber letztendlich wohne ich jetzt seit einigen Monaten mit zwei wunderbaren Mitbewohnerinnen zusammen, mit denen ich auch viel unternehme.

Ermüdet dich das Großstadtleben manchmal?

Nie. Ich bin eine Stadtpflanze. Und nach drei Jahren in Seattle bin ich mir jetzt auch sicher, dass ich nicht nur große Städte, sondern wirklich Großstädte mag.

Möchtest du bleiben?

Ab September werde ich den Rest des Jahres für meine Forschung in New York und Berlin verbringen. Danach heißt es: weitersehen. Ich weiß, ich möchte mich in Zukunft hauptberuflich wieder mehr aufs Unterrichten konzentrieren. Wo genau, ist offen. Eine Großstadt soll es sein.


Sport

Was ist da los? Der Olympia-Pool ist plötzlich grün

10.08.2016, 09:26

Erst war es blau, jetzt ist es plötzlich grün: Das Wasser im Pool der Olympischen Turmspring-Wettbewerbe in Rio hat am Dienstagnachmittag innerhalb weniger Stunden die Farbe gewechselt. Bisher weiß niemand, warum. Eine Gefahr für die Gesundheit der Athleten bestehe aber nicht, sagten die Organisatoren. (SPIEGEL ONLINE)

Mario Andrada, Sprecher des Organisationskomitees, sagte:

"Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Wir testen das Wasser jeden Tag mit den gleichen Parametern, und die Ergebnisse waren genau so wie bei einem blauen Pool."