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Fühlen

Was passierte, als ich Nacktfotos von mir verschickte

17.05.2017, 11:02 · Aktualisiert: 17.05.2017, 12:53

"Wie konnte ich nur so dumm sein?"

Er wohnt in Berlin, sie wohnt in München. Sie sehen sich nur alle paar Wochen – aber sie lieben sich. Sie telefonieren viel, skypen manchmal, schreiben sich mehrmals pro Stunde. Nur, dass sie sich kaum fühlen können.

So sehen viele Beziehungen aus, meistens von Leuten um die 20. Beziehungen, in denen einer schon einen Job hat und der andere noch studiert. In denen einer ein Auslandssemester macht und der andere eine Ausbildung in der Heimatstadt. 

Um die Entfernung zu überbrücken, tut es gut, sich über Apps und Chats auszutauschen – aber Liebe bedeutet auch, sich sexuell mit dem anderen verbunden zu fühlen. Die Nacktheit desjenigen zu spüren, ihm näher zu sein als in einem einfachen Gespräch. Geht das – und wenn ja, wie?

Wir haben mit vier Menschen gesprochen, die in ihrem Leben schon einmal Nacktbilder von sich verschickt haben, um einem Menschen näher zu sein. Sie alle sind entweder Single, haben eine Affäre oder eine feste (Fern-)Beziehung. Von ihnen wollten wir wissen:

Warum habt ihr diese Fotos von euch verschickt? Was machte das mit euren Gefühlen? Und: Hattet ihr keine Angst vor dem Internet, in dem sich solche Fotos schnell verbreiten können?

Larissa, 20, Studentin 

"Man wird ja von allen Seiten davor gewarnt, Nacktbilder zu verschicken. Und trotzdem habe ich es gemacht, als mein erster Freund mich darum bat.

Mein Selbstbewusstsein war mit 15 ziemlich gering, ich wollte Bestätigung für meinen Körper und hoffte, dass er mich besonders sexy finden würde. Auf manchen Fotos sah man meine Brüste ohne Gesicht, auf einem anderen lag ich nackt auf dem Bauch und blickte in die Kamera, man sah meinen Brustansatz und meinen Po. 

Was ist Liebe, was ist Sex? Die Fotografin Karen Rosetzsky antwortet mit Fotos:

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Mein damaliger Freund war begeistert und überschüttete mich mit Komplimenten. Der Schock kam einige Wochen später mit der Nachricht eines Bekannten. Er schrieb, ein Typ Mitte 20 hätte in der Kneipe ein Nacktfoto von mir herumgezeigt – das, bei dem ich auf dem Bauch lag. 

Ich stritt sofort ab, dass ich das bin, was sinnlos war. Weil ja mein Gesicht drauf war. Aber ich wusste nicht, wie ich sonst reagieren sollte. Ich begann zu weinen, so allein und entblößt fühlte ich mich. 

Wie konnte ich nur so dumm sein?
Larissa

Als ich meinen damaligen Freund zur Rede stellte, behauptete er, er sei betrunken gewesen und jemand hätte sein Handy genommen. Ich glaubte ihm kein Wort, auch, weil er kurz davor seine Freunde angelogen hatte, wir hätten schon Sex gehabt. 

Ich glaube, er wollte angeben. Ich machte Schluss. 

Doch die Geschichte wirkte lange in mir nach. Ich war zwar sehr wütend auf meinen Ex, doch noch stärker waren meine Schuldgefühle: Wie konnte ich nur so dumm sein? Warum habe ich das nur gemacht? 

Wer mich nackt gesehen hat, weiß ich bis heute nicht
Larissa

Ich komme aus einer schwäbischen Kleinstadt, und für einige Monate war ich fast paranoid: Wenn ich herumlief, hatte ich das Gefühl, jeder erkennt mich und jeder kennt meine Bilder. Wer genau welche Fotos gesehen hat, weiß ich bis heute nicht.

Etwa ein Jahr später lernte ich meinen nächsten Freund kennen, der mich nach einer Weile ebenfalls um Nacktfotos bat. Das blockte ich sofort ab. Die ganze Beziehung lang hatte ich Angst, dass er die alte Sache herausfinden und mich deshalb verlassen würde. 

Dazu kam es nie, nach zwei Jahren trennten wir uns aus anderen Gründen. Mein jetziger Freund ist der erste Mensch, dem ich die Geschichte anvertrauen wollte und konnte. Er reagierte sehr einfühlsam, versicherte mir, dass er immer für mich da sei und froh sei, dass ich mich ihm geöffnet habe. Doch egal, wie sehr ich ihm vertraue: Nacktfotos würde ich ihm niemals schicken. Dazu hat mich die miese Erfahrung zu sehr geprägt."

Simon, 24, Student

"Ich habe das erste Mal Nacktbilder von mir gemacht, als ich online ein Mädchen kennengelernt habe, das in einer anderen Stadt gelebt hat.

Wir fanden es wahrscheinlich beide aufregend und heiß, an einem echten Treffen interessiert war ich jedenfalls nicht. Vermutlich hätte ich ansonsten auch keine Selfies von mir in engen Boxershorts gemacht. 

Ein einfaches Penisbild kommt mir immer blöd vor
Simon

Seitdem habe ich es immer wieder getan, auch ohne Boxershorts. Meistens in Fernbeziehungen oder mit Affären. Viele Nacktfotos von mir sind nur entstanden, weil ich umgekehrt auch etwas bekommen wollte. 

Ich weiß, dass Frauen eine größere Hemmschwelle haben, solche Bilder zu verschicken, als Männer. Ich hab das Gefühl, sie werden schneller beleidigt oder angegangen, sollten die Fotos an die Öffentlichkeit gelangen.

Deshalb ist es eines der größten Komplimente, wenn Frauen mir so sehr vertrauen, dass sie das mit mir machen. Ich schätze das sehr und behandele diese Fotos natürlich immer wie ein Geheimnis.

Liebe? Da-mi Park aus Südkorea stellt sie sich so vor:

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Ich liebe die Vorstellung, dass da an einem anderen Ort ein Mensch ist, der an mich denkt und es mit Bildern ausdrückt. Ich selbst denke lange nach, bevor ich eins verschicke: Ein einfaches Penisbild kommt mir immer blöd vor. Ist doch viel besser, wenn man nicht alles sieht, sich aber einiges ausmalen kann. 

Wichtig ist mir: Nie Gesicht und Körper auf einem Bild gemeinsam zeigen. Das schützt. Es wäre furchtbar, wenn Freunde oder Kollegen wüssten, was für Bilder ich schon von mir gemacht habe."

Hannah, 25, PR-Managerin

"Ich hatte mal eine Fernbeziehung, die dem Facebook-Beziehungsstatus 'Es ist kompliziert' entsprach. Während er um die Welt reiste, saß ich allein zu Hause und wartete auf ihn. Damals dachte ich, dass ich ihn vielleicht mit Nacktfotos dazu bringen könnte, nach seiner Reise zu mir zurückzukehren. 

Ich war wohl sehr verzweifelt
Hannah

Ich war wohl sehr verzweifelt. Allerdings hat er das Spiel auch mitgespielt und mir ebenfalls immer wieder Bilder geschickt. Doch ich kannte die Person ja. Tinder-Bekanntschaften würde ich keine Bilder schicken. Erst recht nicht, wenn sie danach fragen. 

Natürlich bekomme ich gern Komplimente. Ich fühle mich sehr wohl in meinem Körper und habe kein Problem damit, das auch zu zeigen.

Wenn ich Nacktfotos von mir mache, dann ist das aber etwas ganz Exklusives – und ich erwarte dann eine Gegenleistung. Allerdings würde ich solche Bilder nie mit der Öffentlichkeit teilen. Ich finde es schon schrecklich, wenn angezogene Menschen Selfies von sich machen und teilen.

Bislang wissen nur gute Freundinnen, dass ich schon Nacktbilder verschickt habe und ich hoffe auch, dass alle Männer, denen ich Bilder geschickt habe, damit fair umgegangen sind. Schließlich sind meine Bilder ein Geschenk, das nicht jeder bekommt."

Marcelo, 33, Vermögensberater

"Ich habe keinen muskulösen Körper, aber eines finde ich an mir richtig gut: meinen Penis. Deshalb fühlte ich mich sehr geschmeichelt, als eine Affäre das vor einigen Jahren wohl genauso sah und mich bat, ihr ein Nacktfoto zu schicken.

Beim Fotografieren kam ich richtig in Stimmung, machte Aufnahmen aus verschiedenen Winkeln und war schließlich so erregt, dass ich beschloss, ihr auch ein Nackt-Video zu schicken. 

Mal angenommen, ich lande auf einer Pornoseite: Das macht mich stolz!
Marcelo

Die Vorstellung, ihre sexuelle Fantasie anzuheizen, sozusagen in ihrem Kopf herumzuspielen, fand ich sehr heiß. Allerdings war auf dem Material nie mein Gesicht zu sehen, so vorsichtig wollte ich sein. 

Anschließend filmten wir uns auch mal beim Sex, denn ich merkte, dass ich Videos noch toller finde als Fotos. Sie hatte die Aufnahmen auf ihrer Kamera, ich nicht. Später machte ich auch mit einer anderen Affäre Videos. In den Filmen war ich zwar komplett zu sehen, die Frau aber auch.

Bis heute habe ich drei Frauen Nacktbilder von mir geschickt: zwei Affären und meiner jetzigen festen Freundin. Alle drei halte ich für vertrauenswürdig und sie haben mich nicht enttäuscht. Ich muss aber auch sagen: Ich bin recht locker bei dem Thema, ich würde auch auf Tinder Nacktfotos von mir verschicken, wenn ein Match danach fragt. 

Falls tatsächlich mal ein Bild davon ins Internet gelangen sollte, wäre das kein Weltuntergang für mich. Ich würde einfach sagen: 'Das könnte ja jeder sein.' Und nur mal angenommen, ein Bild von meinem Körper landet auf einer Pornoseite und Menschen schreiben Komplimente darunter – dann wäre ich ehrlich gesagt sogar ein bisschen stolz."

Alle Namen sind von der Redaktion geändert.


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Was macht Hans Meiser auf einer rechten Verschwörungsseite?

17.05.2017, 09:00 · Aktualisiert: 17.05.2017, 09:44

Es ist Satire, so oder so.

Hans Meiser nimmt die Rolle des geifernden Wutbürgers im "Neo Magazin Royale" wirklich ernst. Als "kleiner Mann" und "Hans-Meiser Steinmeiser" empörte er sich als Sidekick von Jan Böhmermann über "die da oben" und alles Fremde. 

Nun ist er in einem dubiosen YouTube-Video einer rechten Verschwörungsseite namens Watergate.TV aufgetaucht. Nicht als "kleiner Mann", sondern als Hans Meiser. Nach Satire sieht das nicht aus: Mit ernster Miene warnt Meiser vor der ganz großen Glyphosat-Verschwörung.