Fühlen

Ich bin muslimisch und habe sehr viel Sex. Problem damit?

19.05.2016, 17:25 · Aktualisiert: 19.05.2016, 17:52

Ich empfinde den Islam als sexpositiv – meistens.

Muslimisch und viel Sex? Das klingt für viele nach einem Widerspruch.

Jedenfalls reagieren Menschen immer wieder verwundert, wenn ich erwähne, dass ich muslimisch bin, sie wollen dann gleich wissen, wie meine Queerness damit zusammenpasst. Wenn ich ihnen sage, dass sich meine Religion und meine Sexualität gar nicht widersprechen, sondern sogar gut ergänzen, sind die meisten richtig perplex.

Denn viele Menschen setzen muslimisch gleich mit verschleiert, keusch oder gar asexuell. Selbst, wenn das auf einige (wenige) Musliminnen zutreffen mag: Für die meisten gilt das nicht. Ich persönlich kenne keine, die aufgrund ihres Glaubens kein Interesse an Sex hat.

Ich empfinde den Islam als sehr sexpositiv, solange Konsens und Respekt zwischen den Beteiligten herrscht. Dafür müssen sie auch nicht unbedingt verheiratet sein, selbst wenn viele konservative Auslegungen des Koran das besagen. Und auch ein One-Night-Stand kann halal sein – also erlaubt. Mit dieser Meinung bin ich nicht allein: Auch andere Muslime und Muslima interpretieren den Koran so.

Über unsere Sex-Kolumnistin Gul

Gul ist Mittzwanzigerin, Großstädterin und gender/queer. Das heißt: Gul steht auf Frauen, Lesben, Femmes, Bois, Butches, Femmebois, Agenders und andere Personen, die spielerisch mit ihrem Gender umgehen.

Für mich wird in dieser Religion der einvernehmliche Sex zwischen verschiedenen Geschlechtern nicht als Sünde oder als etwas Schlimmes dargestellt, wie es viele gern behaupten, meine Eltern zum Beispiel: Sie trinken keinen Alkohol, essen kein Schweinefleisch, beten fünf Mal am Tag, fasten zu Ramadan – und sie haben mir vermittelt, dass Sex am besten nur zwischen zwei verheirateten, heterosexuellen Personen stattfindet. Alles andere empfinden sie als haram – also verboten.

Meine Eltern kommen aus Iran, dort – und teilweise auch in Deutschland – verbergen nicht nur Musliminnen meist ihre Sexualität, wenn sie von der Norm abweicht. Tun sie das nicht, müssen sie sich blöde Kommentare anhören, werden vielleicht aus der Familie ausgeschlossen – oder schlimmer: verurteilt. Denn auf Homosexualität steht in Iran noch immer die Todesstrafe.

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Früher fühlte ich mich in meiner Sexualität eingeschränkt. Ich hätte gern einfach mit allen Leuten Sex gehabt, die ich interessant fand oder in die ich mich verliebte – egal, mit welchem Geschlecht sie sich identifizierten. Während die Nicht-Musliminnen an meiner Schule sich offen zu Dates verabredeten, machte ich erste Erfahrungen nur im Geheimen – und mit schlechtem Gewissen.

Je mehr ich über Dating nachdachte, desto obsessiver war mein Wunsch danach. Mit anderen jungen Musliminnen sprach ich oft darüber. Für manche spielte es gar keine große Rolle, andere lebten in einer Beziehung.

Ich wollte keine Enttäuschung für meine Familie sein.

Die Gespräche mit meinen muslimischen Freundinnen halfen mir zwar nicht, mein schlechtes Gewissen abzulegen, aber auf jeden Fall fühlte ich mich weniger allein mit meiner Unsicherheit. Ich wollte keine Enttäuschung für meine Familie sein und als Schlampe gelten, die mit allen schläft. Deswegen hatte ich auch lange Angst vor dem Outing.

Letztlich passierte es in einem Streit über das Thema Hochzeit: Meine Mutter reagierte zwar sehr abwehrend, sagte, dass sie es besser fände, wenn ich Jungs daten würde. Gleichzeitig machte sie klar, dass sie mich trotzdem noch genauso liebt.

Meinem Vater habe ich nie direkt gesagt, dass ich queer bin. Er macht aber sehr häufig subtile Scherze über meine Queerness, bei denen es zum Beispiel darum geht, dass einige meiner Freundinnen in mich verliebt sind. Wir lachen dann gemeinsam darüber. Auch fragt er – im Gegensatz zu anderen Verwandten – nie, ob ich einen Freund habe. Deswegen bin ich mir sehr sicher, dass er es ahnt.

Sex und Glauben schließen sich nicht aus.

Warum meine Eltern meine Sexualität akzeptieren, weiß ich nicht. Vielleicht aus Elternliebe, vielleicht betrachten sie Queerness auch als mit dem Islam kompatibel. Letztlich fühlt sich ihre stille Akzeptanz einfach schön an, denn so muss ich mich nicht erklären oder definieren.

So lernte ich mit der Zeit: Sex und Glauben schließen sich nicht aus. Mein Glauben hat nichts mit dem zu tun, was in meinem Bett (oder auf Club-Toiletten) passiert. Oder mit wem es passiert. Nur eines ist wichtig: das Einverständnis aller Beteiligten.

Denn dann werden Intimität und Begehren sogar von Allah wertgeschätzt. Deswegen sage ich heute: Ich habe oft Sex, mit wechselnden Partnern – und ich bin stolz darauf.

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