Bild: Steffen Jänicke

09.07.2018, 08:13

Der Autor Michael Nast schrieb 2015 in einem Artikel, die Generation Y sei beziehungsunfähig. Der Text wurde tausendfach geteilt, Nast baute die These zu einem Ratgeber aus und tourte damit durchs Land. Zu seinen Lesungen pilgerten viele in der Hoffnung auf eine Antwort auf die Frage:

Wie schaffen wir es, trotzdem erfolgreich Partnerschaften zu führen?

Auch in seinem neuen Buch "#Egoland", einem Roman über scheiternde Beziehungen, analysiert er wieder: die Generation Y. Nast meint offenbar, diese jungen Leute ganz genau zu kennen. Deshalb haben wir ihn gefragt, wie er zu seinen Aussagen kommt – warum sind seiner Meinung nach so viele von uns egoistisch und beziehungsunfähig?

Michael, in deinem neuen Roman scheitern die Figuren ständig in ihren Beziehungen. Warum tun sie das – in deinem Buch und in der Realität?

Letztendlich sind es extreme Egozentriker und Narzissten, die nicht der Liebe sondern irgendwelchen Idealen hinterherrennen und deshalb an sich selbst scheitern. Sie vergleichen sich ständig mit anderen, wollen sich besser fühlen als sie. Das ist ein Prinzip unserer Gesellschaft: das Konkurrenzdenken. Im Job soll das gut sein, aber die Menschen verhalten sich genauso in der Liebe.

Was führt dazu, dass Menschen so werden? In deinem Roman ist der Grund das Großstadtleben...

Genau das ist es. Schau dir Tinder an: Wenn du die App auf dem Land öffnest, hast du bei 30 Kilometer Radius wahrscheinlich zehn Leute. Im Gegensatz dazu gibt es in Berlin ein Riesenangebot. Diese Dating-Apps sind wie Online-Shops, sie werden den Konsumenten unserer Konsumgesellschaft gerecht. Sie liefern ein Warenangebot, das zum Konsumieren von Menschen und Gefühlen auffordert.

Und wenn es Probleme gibt, springt man schnell zum nächsten. Menschen haben ständig das Gefühl, dass sie noch mehr benötigen, um ihr Leben zu vervollständigen. Das ist, als würde ich Drogen nehmen oder trinken, um zu spüren, dass ich lebe.

Das ist so, als würde ich Drogen nehmen oder trinken, um zu spüren, dass ich lebe.
Michael Nast

Als Konsument ist man austauschbar. In der Liebe sucht man das Gegenteil: Man will für jemanden einzigartig sein. In deinen Büchern sind Begegnungen aber oft nicht einzigartig, sondern eben austauschbar. Warum?

Das liegt daran, dass die Leute zwar nach Liebe suchen, aber nicht lieben wollen. Das wissen sie natürlich nicht. Es geht gar nicht um das Gefühl. Es geht darum, dass man jemanden hat, der das eigene Leben ein Stück weit ergänzt. Viele sehen sich nur auf ihrem Weg und schauen: Wer passt zu mir? Stört er oder sie mich auf meinem Weg?

Du willst nicht pauschalisieren, aber sprichst von einer ganzen "Generation beziehungsunfähig" oder vom "Egoland". Das deckt sich aber nicht mit dem, wie Menschen hierzulande in deiner Generation leben. Jede zweite Ehe wird zwar geschieden, aber jede zweite hält ein Leben lang...

Ob die dann so glücklich ist, ist eine andere Frage. Diese Generationen-Sache war zunächst ironisch gemeint. Es ging nicht um alle oder um viele, sondern um das Umfeld in der Großstadt. Und Typen in der Partyszene gehen häufig davon aus: Mein Leben wollen alle leben. Daher der ironische Generationsbegriff: Dass man von sich darauf schließt, dass alle so sind oder so sein wollen.

In deinem Roman gibt es ein Pärchen, das nach außen hin glücklich ist. Nach einer Weile stellen beide fest: Wenn sie wirklich ehrlich zueinander wären, würde die Fassade bröckeln. Funktionieren Partnerschaften also nur als Illusion?

Man braucht Geheimnisse. Beim Betrügen zum Beispiel. Da gibt es einen Aufschrei, wenn ich sage: Wenn meine Freundin einen Ausrutscher hat, will ich das nicht wissen. Es mir zu erzählen wäre egoistisch von ihr. Sie würde es mir ja nur sagen, weil sie selbst damit nicht klarkommt. Dann zieht sie mich mit rein, und dann geht es mir auch scheiße.

(Bild: Steffen Jänicke)

Im neuen Roman sind fast alle Charaktere psychisch labil. Deckt sich das mit deinen Beobachtungen der Realität?

Als ich noch jüngere Frauen datete, die etwa Mitte 20 waren, hatten eigentlich alle mindestens eine Therapie hinter sich. Auf der einen Seite kann man sagen: Okay, das ist mittlerweile salonfähig. Aber das waren nicht Therapien nach dem Motto: Ich will herausfinden, ob ich glücklich bin. Das waren richtig ernstzunehmende Sachen. Natürlich ist es einerseits salonfähiger, andererseits aber auch häufiger geworden. Ich glaube, das ist eine Reaktion auf unsere Gesellschaft.

In deinen Romanen sind es meistens Frauen, die psychische Probleme haben. Ist das nicht ein Klischee?

Nein, ich glaube, das weibliche Geschlecht ist wesentlich fragiler als das männliche. Es reagiert eher auf das, was in der Gesellschaft nicht stimmt. Shopping ist ein super Beispiel dafür. Früher kaufte man, weil man etwas brauchte. Heute ist Konsum ein Hobby.

Ich fragte mich immer, warum Frauen viel mehr shoppen als Männer. Männer kaufen einfach zehn schwarze Shirts. Frauen brauchen immer Nachschub. Das ist ein Befriedigungsbedürfnis, ein Ablenkungsbedürfnis. Ich wage mal die These, dass Frauen öfter die Leere in sich füllen müssen, weil sie fragilere, empathischere Menschen sind als Männer.

Machst du es dir damit nicht etwas leicht, zu behaupten, Männer seien einfach gefestigter?

Vielleicht sind sie ein bisschen stumpfer. Vielleicht auch, weil sie ein bisschen privilegierter sind. Männer kommen einfacher in bestimmte Strukturen als Frauen. Frauen müssen sich immer noch mehr beweisen. Schau dir doch mal die erfolgreichen Frauen an. Die übernehmen ja eigentlich Männer-Rollen. Das ist vielleicht der falsche Weg. Aber ich glaube tatsächlich, obwohl ich ein Mann bin, dass Frauen die besseren Menschen sein können, in ihrer Veranlagung – wenn man mal die Stutenbissigkeit außer Acht lässt.

Das machen Männer nicht? Ich hatte das Gefühl, dass ein großer Teil deines Romans "#Egoland" aus einer Konkurrenz zwischen zwei Männern besteht.

Das ist ja ein spezieller Fall, der "worst case". Du hast eine Trennung noch nicht verarbeitet und dann kommt dieser Typ, der aus deiner Sicht absolutes Mittelmaß ist, und dann hat sie was mit dem. Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann, wenn man ein narzisstischer Egomane ist.

Bei deiner Lesung in Berlin hatte ich den Eindruck, dass dieser Charakter ein Teil von dir ist.

Eigentlich sind es fast alle Figuren. Aber die Lesungen sind etwas anderes, ich will da vor allem unterhalten.

Das weibliche Geschlecht ist wesentlich fragiler als das männliche.
Michael Nast

Okay, deiner Meinung nach steht es also in Liebesdingen schlimm um unsere Generation. Aber jetzt mal konstruktiv: Wie werden wir denn wieder beziehungsfähig?

Ich glaube, wir sind alle verliebt in das Ideal der Liebe. Du sagtest vorhin, dass viele Beziehungen halten. Ich glaube, Menschen in diesen Beziehungen haben nicht so hohe Ansprüche. Das ist das Problem: Unsere Erwartungen: Wir wollen ewige Leidenschaft, ewiges Glück. Die funktionierenden Beziehungen sind die, die eher das alte Modell übernommen haben – wo die Doppelhaushälfte in Aussicht steht. Die denken nicht richtig darüber nach, was glücklich macht. Weil es für sie vorgegeben ist.

Wir sind die anderen, deren Problem ist, dass sie viel zu viele Ansprüche haben und an diesen Idealen scheitern, denen sie selber nie gerecht werden können. Wir müssen aufhören, diesen Idealen hinterherzurennen.


Gerechtigkeit

Italien will keine im Mittelmeer geretteten Flüchtlinge mehr aufnehmen

09.07.2018, 08:06 · Aktualisiert: 09.07.2018, 09:52

2 Fragen, 2 Anworten

Was ist passiert?

Immer wieder hatte es im Mittelmeer in den vergangenen Wochen Streit um private Rettungsschiffe mit Flüchtlingen an Bord gegeben: Erst sperrte Italien der "Aquarius" die Häfen, anschließend durfte auch die "Lifeline" nicht einfahren. Dazwischen durfte jedoch ein Containerschiff mit 100 Geflüchteten an Bord anlegen – allerdings erst nach einigen Tagen Diskussion. (bento)

In der Nacht zum Sonntag ging das irische Marineschiff "Samuel Beckett" mit 106 Flüchtlingen an Bord im sizilianischen Hafen von Messinavor Anker – doch in Zukunft soll auch das nicht mehr möglich sein. (SPIEGEL ONLINE)

Via Twitter machte Italiens Innenminister Matteo Salvini klar: Er will künftig die Häfen auch für internationale Rettungseinsätze sperren.