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Fühlen

Sexuelle Übergriffe: Fünf Männer erzählen, wann sie zu weit gegangen sind

12.02.2018, 09:50 · Aktualisiert: 13.02.2018, 14:38

"Ich wollte nie einer Frau schaden, habe das aber offenbar getan"

Aufdringliche Blicke, unangenehme Kommentare, fremde Hände am eigenen Körper: Extrem viele Frauen haben unter dem Hashtag #MeToo erzählt, wie sie sich belästigt, bedrängt, bedroht gefühlt haben.

Ihre Geschichten haben auch Fragen aufgeworfen: Wann ist eine Grenze überschritten? Woran erkennen wir es? Wie müssen wir unseren Umgang verändern?

Antworten darauf zu finden, ist nicht immer leicht. Besonders für Männer, die Hauptbeschuldigten in dieser Debatte. Damit sind sie auch in der Verantwortung, das eigene Verhalten zumindest zu hinterfragen – selbst wenn sie sich kein Fehlverhalten vorzuwerfen haben.

Manche Männer haben erst durch die MeToo-Debatte gemerkt: Ich habe mich auch nicht immer richtig verhalten.

Fünf von ihnen haben uns ihre Geschichten erzählt:

Mads, 29:

Ich habe immer gedacht, ich bin einfach ein guter Flirter. Ich hatte nie wirklich Probleme damit, Frauen ins Bett zu kriegen. Aber genau diese Formulierung trifft es eigentlich schon: ins Bett kriegen. Einfach nur, weil ich Bock hatte, nicht unbedingt die Frauen.

Es gab so viele Momente, wo ich mit Frauen Sex hatte, die eigentlich gar nicht mit mir schlafen wollten – ich sie aber bequatscht oder Drinks ausgegeben habe, bis ihr Widerstand gewichen ist. Ehrlich gesagt habe ich das nie für falsch gehalten. Ich dachte: So ist das eben als Mann. Ich bin der Jäger, Frauen die Gejagten, die sich zieren, die ich rumkriegen muss.

Als das ganze MeToo-Zeug anfing, kam es mir so vor, als beträfe mich das nicht. Klar, schlimme Geschichten! Vor allem, wenn es um Vergewaltigungen ging. Aber ich war ja zum Glück einer der Guten. Dachte ich.

Irgendwann war ich mit Freunden Einen trinken und jemand erzählte von dem Aziz-Ansari-Fall (bento). Eine Frau war nach einem Date mit dem Schauspieler nach Hause gegangen. Ihrer Erzählung nach habe er Sex mit ihr gewollt, sie habe ihn abgewehrt und er habe sie immer wieder überredet zu bleiben und sich ihr aufgedrängt. So hatte sie es anonym einem Magazin erzählt.

Alle Mädels in der Runde konnten das Erlebnis der Frau nachvollziehen und sagten, ähnliches hätten sie auch schon erlebt. Und ich muss leider sagen: ich auch. Aber aus der anderen Perspektive.

Ich wollte nie einer Frau schaden, habe das aber offenbar getan. Diese Erkenntnis hat mich ziemlich schockiert. Ich will und kann jetzt nicht mehr so weitermachen wie bisher.

Daniel, 28:

Ich hatte sie auf der Party eines Freundes kennengelernt. Wie genau, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur, dass wir auf einmal wild rummachten und die Sache schnell klar war: ab ins Taxi und zu ihr.

Wir landeten tatsächlich schnell im Bett. Wir waren beide voll, dementsprechend ging es zur Sache. Beim Sex haute ich ihr mit meiner Hand immer wieder auf den Arsch. Es schien ihr zu gefallen, sie stöhnte bei jedem Klatschen vor Lust auf. Ich weiß nicht, was mich dann geritten hat: Ich legte ihren Kopf zur Seite und gab ihr eine kräftige Backpfeife. Es passte irgendwie in die Situation.

Das komische Gefühl kam erst am nächsten Morgen. Mir war die Situation richtig unangenehm. Man sah zwar nichts in ihrem Gesicht, aber die Stimmung war merklich angespannt. Wir konnten uns nicht richtig in die Augen sehen und sie drehte mir im Bett den Rücken zu. Ich wollte noch ein Gespräch anfangen, aber sie antwortete auf meine Fragen sehr einsilbig. Sie wollte sich auf jeden Fall nicht mit mir unterhalten. Ich wüsste nicht, woran es sonst gelegen haben sollte.

Ich habe sie aber nicht gefragt, sondern bin gegangen.

Ich schämte mich. Noch nie hatte ich eine Frau geschlagen. Ich bin definitiv zu weit gegangen. Das wussten wir beide. Sie wollte den Sex auch, aber deswegen kann ich ja nicht mit ihr machen, was ich will.

Lange hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen dieser Backpfeife.

Seitdem bin ich beim Sex vorsichtiger geworden. Nie wieder würde ich eine Frau ins Gesicht schlagen. Wie ich mich da verhalten habe, hat mir selbst nicht gefallen. So schuldig und elend will ich mich nicht noch mal fühlen.

Jan, 25:

Mir fällt keine Situation ein, in der ich selbst eine Grenze überschritten habe. Ich hoffe zumindest, dass es keine gab. Aber ich fühle mich trotzdem mitschuldig.

Es wurde so viel darüber geschrieben und gesprochen, dass vor allem die Männer den Mund aufmachen müssen, wenn sie eine unangenehme Situation mitbekommen. Und das habe ich nicht getan. Sehr oft nicht.

Ich habe nichts gesagt, als ein Kumpel auf der Straße im Vorbeigehen grinsend einem Mädel auf den Hintern schlug. Als Kollegen beim Mittagessen einen so ekligen Kommentar zu den Brüsten der Kellnerin machten, dass sie stocksteif wurde und danach nur noch ihr Kollege unseren Tisch bediente. Als ein guter Freund ein Mädchen so sehr abgefüllt hat, dass er sie stützen musste, als er sie aus der Bar führte und uns dabei zuzwinkerte.

Warum habe ich nichts gesagt? Weil ich nicht der Arsch sein wollte, der die Stimmung ruiniert. Weil das meine Freunde waren. Weil ich es so schon tausendfach erlebt hatte und es deshalb schon gar nicht mehr als so schlimm empfand.

Ich habe inzwischen so viel darüber gelesen, was in solchen Momenten mit den Betroffenen passiert, wie es sich anfühlt und wo sexuelle Gewalt überhaupt anfängt – wie könnte ich jetzt noch mitlachen und weggucken? Kann ich nicht mehr. Und werde ich hoffentlich auch nicht mehr.

Tom, 27:

Es war unser erstes und letztes Date. Wir hatten uns über Tinder kennengelernt.
Schnell verzogen wir uns in der Bar in die hinterste Ecke. Stundenlang knutschten und fummelten wir aneinander rum. Als die letzte Runde angesagt war, gingen wir zusammen los. Für mich war der Weg klar: Zu ihr und ab ins Bett.

Keine Ahnungm was dann schief lief. Sie druckste rum: Sie wisse nicht, ob ich mitkommen könne, ihr Bruder sei zu Besuch, ihr sei das unangenehm und sie sei keine Schlampe, die beim ersten Date mit mir ins Bett ginge.

Ich war sprachlos. Sollte es jetzt wirklich nicht zum Sex kommen?

Irgendwie ging es mit mir durch. Ich drückte sie draußen gegen die Wand der Bar, küsste sie heftig und fasste ihr in den Schritt. Darauf folgte eine sehr unangenehme Stille. Sie wehrte sich nicht, aber ich merkte: Sie war völlig überfordert. Sie hielt die Luft an und ihr ganzer Körper war verkrampft. Meine Hand nahm ich trotzdem nicht weg. Nach ein paar Sekunden entspannte sie sich, holte Luft und sagte: "Okay, lass uns zu mir gehen."

Am nächsten Tag hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich hatte bei ihr geschlafen und bin früh morgens gegangen. Wir haben danach noch ein paar Mal geschrieben, das Thema kam aber nicht mehr zur Sprache. Sie schien aber kein Problem mit mir zu haben. Dabei hätte man mir mein Verhalten leicht vorwerfen können.

Sie zog damals klar eine Grenze und ich hatte sie überschritten. Es war nicht in Ordnung, ihr in den Schritt zu greifen, sie zu etwas zu drängen, was sie nicht wollte. Ich kann nur hoffen, dass sie mit mir ins Bett gegangen ist, weil sie es wollte – nicht aus Hilflosigkeit. Letzteres wäre schrecklich.

Regisseure oder Politiker sind wegen solcher Aktionen gerade in Verruf geraten und das völlig zu recht. So etwas geht gar nicht.

Ich für meinen Teil habe so etwas nie wieder gemacht und lasse seitdem immer die Frauen eindeutig entscheiden, ob wir miteinander schlafen – oder eben nicht.

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Karl, 29:

Wir hatten uns auf der Arbeit kennengelernt und von Anfang an gut verstanden. Ich fragte sie, ob sie nicht Lust auf ein Date hätte. Hatte sie.

Nach der Arbeit gingen wir in ein Wellnesscenter um die Ecke. Dort gab es einen Whirlpool im Außenbereich. Wir waren allein, es war dunkel – besser ging es nicht.

Ich fummelte ein bisschen an ihren Brüsten rum – und irgendwann wurde mir langweilig. Wir hatten bestimmt schon zwei Stunden rumgemacht, am Ende hätten wir uns noch in diesem Pool aufgelöst. Also nahm ich ihre Hand und drückte sie auf meinen Penis. Sofort stieß sie mich weg: "So geht das aber nicht!" Ich stammelte so was wie: "Jetzt hab dich doch nicht so!" Und: "Entspann dich doch mal."

Wir sind an diesem Abend trotzdem noch im Bett gelandet. Doch für mich war klar: Sie wollte entscheiden wie, wo und ob überhaupt – nicht ich.

Jetzt, in der MeToo-Debatte, musste ich immer an ihre Worte denken: "So geht das aber nicht!" Ich war damals definitiv zu weit gegangen.

Aber ich war danach auch sehr verwirrt. Klar, wir Männer müssen uns respektvoll verhalten. Niemand sollte sich unwohl und bedrängt fühlen.

Aber dass sie erst mit mir rummachen wollte, dann nicht und dass wir letztendlich doch Sex hatten – daraus werde ich immer noch nicht richtig schlau.

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