Fühlen

Birthe dokumentiert ihre Magersucht auf Instagram – und alle feiern sie dafür

07.11.2017, 10:08 · Aktualisiert: 07.11.2017, 17:13

Ein bisschen Zucker könnte der Kuchen noch vertragen, so richtig perfekt ist er noch nicht. Birthe leckt den Löffel mit Kuchenteig ab, als ihr schlagartig klar wird, was sie da gerade macht: Sie isst.

Freiwillig, mehr als sie müsste, und dann auch noch etwas Süßes. Noch vor ein paar Monaten wäre das undenkbar gewesen. Niemals hätte sie von einem Kuchenteig probiert und wenn, dann hätte sie direkt Schuldgefühle empfunden.

So beschreibt Birthe die Situation heute am Telefon. Mittlerweile ist sie 16 Jahre alt – und verarbeitet ihre Essstörung auf Instagram.

Das Lecken am Löffel, so banal es erscheinen mag, war für Birthe ein Riesending. Ein Schritt zurück ins Leben, weg von der Magersucht.

Birthe ist einer von insgesamt 150.000 bis 200.000 Menschen in Deutschland, die laut dem Institut für Ernährungsmedizin und Diätetik an einer Essstörung leiden. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen, da Menschen mit Essstörungen ihre Krankheit meist verstecken.

Schon in ihrer frühen Kindheit reagiert Birthe auf Probleme mit dem Verzicht auf Essen. Im Kindergarten verweigert sie Mahlzeiten, als sie sich unwohl fühlt, später in der Schule will sie die Dünnste sein.

Als die Eltern das immer dünner werdende Mädchen schließlich aus Verzweiflung zwingen zu essen, beginnt Birthe, extrem viel Sport zu treiben und Gegessenes heimlich zu erbrechen. Dabei gilt immer: Bloß nichts anmerken lassen. Bloß keine Schwäche zeigen.

Für sie ist die Krankheit die Verbündete, Birthe und sie als Team gegen den Rest der Welt. Zu ihrer schlimmsten Zeit, dem Tiefpunkt vor zwei Jahren, lebt Birthe nur noch für ihre Krankheit und kapselt sich komplett von ihrem Umfeld ab.

Essstörungen: Hilfe für Betroffene

Essstörungen können jeden treffen. Nicht immer sind die Anzeichen eindeutig. Hausärzte und Psychotherapeuten bieten professionelle und vertrauliche Hilfe an. Auch Spezialambulanzen oder Beratungsstellen können helfen.

Unter der Rufnummer 0221/89 20 31 bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine anonyme Beratung an. Weitere Informationen und Hilfsangebote finden sich unter www.bzga-essstoerungen.de.

Es ist in dieser Zeit, als Birthe Instagram entdeckt. "Damals hatte ich nur Essen und Kalorien im Kopf", erzählt sie. "Sei es, wie ich am besten schummeln kann, sei es, was meine nächste kleine Mahlzeit wird."

Auf Instagram sucht sie deswegen nach #Anorexie und #Magersucht. Dabei stößt sie auf die ersten Recovery-Accounts, auf denen ehemals Magersüchtige und essgestörte Personen ihren Weg der Genesung abbilden.

Zunächst verfolgt sie die Accounts nur stumm. Und ist beeindruckt von der gegenseitigen Unterstützung, die die an Magersucht erkrankten Mädchen im Netz erfahren.

Unter Bilder, auf denen die Frauen eine Gewichtszunahme dokumentieren, wird positiv kommentiert und das veränderte, gesündere Aussehen gelobt. Auch Bilder von Essen kommentieren die Follower von Recovery-Accounts mit lieben Worten: "Du bist ein wirklich großes Vorbild", "Du siehst toll aus, mach weiter so".

Irgendwann traut Birthe sich, einen eigenen Account zu starten, um Bilder von ihrem Essen zu posten. Am Anfang sind es nur Mahlzeiten, die bei ihr zu Hause auf den Tisch kommen und die sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wirklich genießen kann.

Erst mit der Zeit entwickelt sie selbst Interesse an der Zubereitung – und merkt nach und nach, was ihr eigentlich schmeckt.

Aus Angst, dass jemand sie erkennt und von ihrer Krankheit erfährt, ist ihr Profil zunächst privat. Trotzdem wird sie von einer Klassenkameradin entdeckt. "Als ich das erfahren habe, habe ich meinen Account sofort wieder gelöscht."

Damals durfte ja keiner wissen, dass ich krank bin
Birthe

Heute ist das anders: Auf ihrem Instagram-Account "recoveringbirdy" schreibt sie offen über den Kampf mit ihrer Essstörung und dem Genesungsprozess, samt Fort- und Rückschritten, die dazugehören.

"Mein Weg ist noch nicht zu Ende. Es gibt auch Tage, an denen fühle ich mich unwohl und kann mich nicht akzeptieren", schreibt Birthe unter ein Foto, das ihren Prozess deutlich zeigt.

Auf der rechten Seite sieht sie ausgemergelt, das Gesicht leer aus. Die linke Seite zeigt eine wesentlich lebensfrohere Birthe vor einem Stück Kuchen. Ihre Botschaft: "Diese Tage heißt es zu überwinden und sich klar zu machen, was man geschafft hat und wofür man weiter kämpfen will."

Es ist ein Kampf, mit dem Birthe nicht allein ist. Unter dem #recoveringana ("recovering" heißt übersetzt "gesund werden", "Ana" ist die Kurzform für Anorexie) findet man rund 5.000 Bilder, die alle ein und dieselbe Geschichte erzählen – und das, obwohl Magersucht eigentlich eine einsame Krankheit ist.

Trotzdem finden sich im Internet viele Geschichten und Bilder vom Hungern, von Selbsthass, vom Kalorienzählen. Und manchmal von einem Happy End.

Essen, Reisen, Selfies: So sieht Birthes Recovery auf Instagram aus:

1/12

Die Psychologin Cornelia Schwebe von der Verhaltenstherapie Falkenried in Hamburg bewertet diese Entwicklung in den sozialen Netzwerken als sehr positiv. Ihr war die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Magersucht bisher nur von 'Pro Ana', einem Magersuchts-fördernden Forum bekannt. "Da versucht man sich ja eher gegenseitig zu unterbieten, was das Essen angeht."

Anders als die Besucher von Pro-Ana-Foren unterstützen sich die Betreiber und Follower der Recovery-Accounts aber gegenseitig und ermutigen sich, dranzubleiben, wenn die Krankheit wieder ausbricht. Gewichtszunahmen, Vorher-Nachher-Bilder, die mit #transformation gekennzeichnet sind, und Fortschritte im Essverhalten werden gelobt.

So schreiben Birthes Follower unter ihr Bild mit dem Kuchen: "Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie stolz ich auf dich bin!" Der Zuspruch ihrer 4.000 Follower tut Birthe gut.

"Ich fühle mich teilweise sogar verantwortlich und als Vorbild."

Fast schon wirkt es, als hätte sich hier im Netz eine Art Selbsthilfegruppe für Essstörungen versammelt.

"So eine positive Rückmeldung auf Zunahmen erhalten Essgestörte auch in Therapiegruppen", bestätigt Frau Schwebe. Die Psychologin äußert aber auch Bedenken: "Der Vorteil in einer echten Therapiegruppe ist aber ganz klar, dass Kommentare kontrollierbar sind und sich in einem geschützten Raum ausgetauscht wird." Die Gefahr, dass jemand doch etwas Bösartiges unter ein Foto schreibt, könne man im Netz eben nicht ausschließen.

Schwebe lobt die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Magersucht. "Das Schweigen über die Krankheit geht ja meistens gar nicht von den Betroffenen aus“, sagt sie. Zwar seien diese in ihrem Essverhalten heimlich, nach außen hin sei das Störungsbild ja aber ganz eindeutig. "Ich habe so viele Patienten, bei denen ich mich wirklich wundere, dass sie die ganze Zeit über niemand auf ihr Erscheinungsbild angesprochen hat. Da scheint mir das Schweigen eine Art Hilflosigkeit zu sein."

Auch Birthe hilft die Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit. Dafür nimmt sie in Kauf, dass andere Menschen von ihrer Essstörung wissen und sie dafür im Netz bekannt ist. "Natürlich fühle ich mich komisch, wenn Leute aus meinem Freundeskreis mich auf Instagram sehen. Aber ich sage mir dann immer, ich muss mich nicht verstellen oder verstecken, denn das gehört nun mal auch zu mir."


Tech

Achtung: Eine falsche WhatsApp-Version wurde in den PlayStore geschleust

06.11.2017, 17:50

Sie haben es als Update-Version getarnt.

Kriminelle haben es geschafft, eine gefälschte Version von WhatsApp in den PlayStore einzuschleusen. Die Fake-App war für alle Android-Nutzer verfügbar, rund eine Million Mal soll sie heruntergeladen worden sein. Das haben nun reddit-User aufgedeckt

Mittlerweile hat Google das falsche WhatsApp aus dem PlayStore entfernt. Der Fake trug den Namen "Update WhatsApp Messenger" – weshalb höchstwahrscheinlich viele auf die App hereinfielen und sie für ein normales Update hielten.