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14.04.2018, 13:33 · Aktualisiert: 14.04.2018, 13:50

Es gibt diese Situationen, in denen viele Frauen sich nicht sicher fühlen: Abends im Club an der Bar, später auf dem Nachhauseweg, auf dunklen Straßen. Sie haben früh kleine Tricks gelernt, wie sie in solchen Situationen die Kontrolle behalten können. Ein bisschen zumindest.

Die Journalistin Judith Liere beispielsweise beschreibt in ihrem Artikel, wie sie in Bars immer den Daumen über die Flaschenöffnung gehalten habe, damit ihr niemand K.-o.-Tropfen ins Bier kippt.

Einige scheinen immer noch überrascht darüber, wie verbreitet diese Verhaltensmuster sind. Zeitredakteur Jens Jessen zum Beispiel. In seiner Titelgeschichte "Der bedrohte Mann" rechnet er mit der #MeToo Debatte ab, bei der es nur noch um den "Triumph eines totalitären Feminismus" gehe – und fragt, in welchen Bars Liere sich denn aufhalte, dass sie zu solchen Mechanismen greifen müsse.

Je mehr über Alltagssexismus und sexuelle Übergriffe gesprochen wird, desto bewusster wird es einem als Frau selbst, was man in seinem Alltag alles macht, um sich zu schützen. Menschen wie Jessen können sich das anscheinend nicht vorstellen. Das könnte damit zu tun haben, dass sie das Privileg genießen, sich vor Übergriffen weniger sorgen zu müssen.

Hier sind zehn Dinge, die zum Alltag sehr vieler Frauen gehören – und von denen auch Männer wissen sollten, um zu verstehen, wie Frauen die Welt wahrnehmen.

1

Beim Feiern die Flaschenöffnung des Getränks zuhalten

Nein, das macht nicht nur Judith Liere. Fast jede Frau hat eine Freundin oder hat von der Freundin der Freundin gehört, die nach einem Club-Besuch in einer dunklen Ecke aufgewacht ist und nicht mehr wusste, wie sie dorthin gekommen ist. Blackout. K.o.-Tropfen im Getränk oder eine andere ungewünschte Substanz. Wie die in das Getränk gekommen ist, weiß später niemand mehr. Wenn der Daumen auf der Flaschenöffnung hilft, diese Situation zu vermeiden – dann machen wir das halt.

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2

Im Club ein Zeichen mit den Freundinnen und Freunden vereinbaren

Ein langer Blick, ein Winken, ein Zuruf, die sagen: Komm her, hilf mir, ich fühle mich Unwohl.

Warum sie nicht einfach etwas zu dem Typen sagt? Hat sie bestimmt mal gemacht. Daraufhin hat er empört die Hände in die Luft geworfen, die Augen aufgerissen, es sei halt eng, er habe sie nicht angefasst, die Hand am Po, an der Taille, am Rücken, das war ein Versehen. Er dreht sich um – und das Spiel geht von vorne los. Dann lieber einen Freund oder eine Freundin an der Seite haben, der oder die sich dazwischenstellt oder im Notfall einschreitet.

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3

Schlüssel zwischen die Finger klemmen

Der Schlüsselkopf wird zwischen Ring- und Zeigefinger geklemmt, sodass der Schlüssel im Notfall wie eine Klinge genutzt werden und man jemanden damit verletzten kann. Wahrscheinlich hilft es im Ernstfall nicht so viel - aber dass so viele diesen kleinen Trick benutzen, um sich sicherer zu fühlen, verrät viel über die Art und Weise, wie wir Frauen heim gehen.

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4

Nachts nur beleuchtete, belebte Wege mit Menschen laufen

Es widerstrebt einem oft, den längeren, aber dafür helleren Weg zu nehmen. Aber, so die Logik, dort, wo es weniger dunkle Ecken gibt und mehr Menschen auf der Straße sind, ist die Gefahr kleiner, dass jemand aus solch einer dunklen Ecke rausspringt und einen angreift. Und wenn, dann hoffen wir, dass nicht nur der Schlüssel hilft, sondern vielleicht auch ein paar andere Fußgänger.

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5

Telefonieren – oder so tun als ob

Oft fühlt man sich wohler, wenn man jemandem am Ohr hat – man fühlt sich weniger alleine, man kann seine Sorgen und Ängste direkt mit jemandem teilen. Das beruhigt. Und man signalisiert: Wenn mir jetzt etwas passiert, kriegt das sofort jemand mit.

Diese Maßnahme wurde inzwischen sogar institutionalisiert: Die Nummer des Heimwegtelefons kann jede und jeder wählen, der sich auf dem Weg nachhause unwohl fühlt. Auf der Webseite des Telefonservices heißt es:

"Durch ein nettes Gespräch hat der Anrufer das Gefühl, nicht alleine nach Hause zu gehen. Dadurch fühlt er sich nicht nur wohler, sondern strahlt auch eine größere Sicherheit aus."

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6

Selbstsicher sein – oder so tun als ob

Täter suchen ein Opfer. Darum hat man uns schon früh beigebracht, nicht wie eines auszusehen. Dazu gehört ein selbstsicheres Auftreten, Kopf nach oben, fester Blick, Schultern zurück, aufrechter Gang. Nicht unsicher und angreifbar wirken. Und falls man sich nicht selbstbewusst fühlt, gilt immer noch: Fake it till you make it. Spiel die Rolle der Selbstsicheren solange, bis du dich wirklich so fühlst.

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7

Immer genügend Geld im BH oder Schuh haben

Manchmal fühlt man sich auch auf den helleren Straßen nicht wohl. Damit man stets die Möglichkeit hat, ein Taxi nach Hause zu nehmen, haben viele immer mindestens einen 20-Euro-Schein im BH oder im Schuh – auch für den Fall, dass man "nur" ausgeraubt wird.

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8

Blickkontakt meiden

Der Trick funktioniert in vielen Situationen: Wenn man nicht angesprochen werden möchte, im Fitnessstudio, im Club oder auf der Straße. So erregt Frau zum einen weniger Aufmerksamkeit, zum anderen fühlt sich das Gegenüber nicht ermutigt, in Interaktion zu treten.

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9

Pfefferspray

Pfefferspray wird in Deutschland eigentlich als Tierabwehrspray verkauft. Viele Frauen kaufen es sich aber – oder bekommen es von Freunden oder Verwandten geschenkt – um sich in riskanten Situationen wehren zu können und tragen es wirklich immer bei sich. Wer ein Pfefferspray besitzt, darf es allerdings nur bei Notwehr einsetzen – und wenn man dem Angreifer körperlich unterlegen ist. (Kölner Stadtanzeiger)

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10

Mögliche Situationen schon im Vorhinein durchspielen

Mit wem gehe ich weg? Wo gehe ich hin? Wie komme ich zurück? Fahren dort Nachtbusse? Gibt es Taxis?

Viele Frauen stellen sich diese Fragen schon, bevor sie auf eine Veranstaltung oder eine Party gehen – um sicherzugehen, dass sie abends auch wieder sicher nach Hause kommen.

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All diese "Tricks" zeigen: Noch immer ziehen viele Frauen nicht so sorglos durch die Welt wie viele Männer. Und so lange das so ist, wäre es zumindest schön, wenn die Männer uns glaubten – und die Ängste nicht mit einer leichtfertigen Geste vom Tisch wischten.


Musik

So antwortet Kollegah auf die Kritik von Campino und Außenminister Maas

14.04.2018, 13:18

Der Vorwurf: Antisemitismus

Campino ist sauer, Außenminister Heiko Maas ist sauer, Auschwitz-Überlebende sind sauer: Die Echo-Verleihung interessiert normalerweise beinahe niemanden. Doch die Preisvergabe in der Kategorie HipHop hat in diesem Jahr sehr viele Emotionen ausgelöst – denn er ging an Kollegah und Farid Bang. (bento)

Das Problem daran: Ihnen wird Antisemitismus vorgeworfen. In ihren Songs und Videos haben die Rapper schon mehrfach Formulierungen und Symbole verwendet, die judenfeindlich sind. Am meisten kritisiert wird die Textzeile: "Mein Körper ist definierter als von Auschwitz-Insassen". In einem anderen Musikvideo von Kollegah trägt der Teufel einen Davidstern. 

Campino von den Toten Hosen machte schon während der Preisverleihung klar, dass er von den Texten nichts hält. Bei Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit sei eine Grenze überschritten, sagte er auf der Bühne. Kurz darauf meldete sich sogar Bundesaußenminister Heiko Maas und verurteilte die Preisvergabe: