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Bild: heipei / cc by-sa

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Macht Pendeln krank?

16.02.2016, 09:29 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Was Experten dazu sagen

Für unsere Fernbeziehung, unseren Job oder unser Studium nehmen wir zum Teil weite Wege auf uns. Viele Studenten pendeln am Wochenende oder sogar jeden Tag. Wie fühlt es sich an, ständig unterwegs zu sein, wie geht man am besten damit um – und kann häufiges Pendeln sogar krank machen?

Das sagen die Experten

Was macht dauerhafter Stress mit dir?

Die Bahn verspätet sich, der Fernbus steht im Stau, die Mitfahrgelegenheit taucht gar nicht erst auf: "In Situationen, in denen wir unter Stress stehen, werden in unserem Körper die Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Das führt zu Anspannung und Bluthochdruck", erklärt Manfred Haseloff, Arzt für Innere Medizin aus Lüneburg. Auf Dauer steigt so das Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten.

(Bild: Daryn Bartlett)

Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung begünstigen dieses Risiko noch – und gerade Pendler kaufen sich am Bahnhof oft schnell noch eine Pizza oder ein Brötchen, das sie schnell schnell essen, bevor sie in die Bahn steigen. Haseloff warnt vor den Langzeitfolgen: "Wenn man regelmäßig zu viel Fett, Zucker und Salz zu sich nimmt, dann steigt das Risiko, frühzeitig an Arteriosklerose zu erkranken." Bei dieser Krankheit verengen sich unsere Blutgefäße und die Arterien verkalken, im schlimmsten Fall führt das zum Schlaganfall oder einem Herzinfarkt. (Wobei natürlich ein paar Stunden im Stau einen Menschen noch lang nicht herzkrank machen.)

Sind Pendler anfälliger für Grippe?

Der Sitznachbar hustet, ein Kind niest – in Bus und Bahn sind wir ständig Bakterien und Viren ausgesetzt. "Pendeln macht auch anfälliger für Erkältungskrankheiten", sagt Haseloff. "Wenn man dicht gedrängt in der U-Bahn steht, dann kriegt man schon was ab." Wissenschaftler der Universität Nottingham fanden heraus, dass Pendler im öffentlichen Nahverkehr ein sechsmal höheres Ansteckungsrisiko für Atemwegsinfektionen haben. (BioMed Central)

Macht Pendeln einsam?

Eigentlich ist es paradox: Wir nehmen die weiten Strecken auf uns, gerade weil wir unsere Fernbeziehung weiter führen wollen, unsere Familie oder Freunde besuchen. Aber durch die Fahrerei fühlen sich viele Pendler manchmal einsam. Wer ständig unterwegs ist, hat weniger Zeit für Hobbys und Freunde vor Ort. Zudem ist es nicht mehr so einfach, sich spontan mit Freunden zu verabreden.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das den Austausch mit anderen braucht. Zugfahrten am Wochenende verwandeln einen Menschen natürlich nicht in einen Soziopathen. Aber: Wenn wir uns häufig einsam fühlen, steigt das Risiko, an Depressionen zu erkranken – wobei natürlich auch sehr viele andere Faktoren beeinflussen, ob man tatsächlich eine Depression bekommt.

Wie stark uns chronische Einsamkeit belasten kann, untersuchte der Neurowissenschaftler John Cacioppo von der Universität Chicago: In einer Studie fand er heraus, dass Einsamkeit sogar unsere Lebenserwartung verringern kann und uns früher sterben lässt.

Buchtipp

Mehr über Studie von John Cacioppo steht in seinem Buch "Einsamkeit: Woher sie kommt, was sie bewirkt, wie man ihr entrinnt". Das Buch findet ihr bei Amazon. (Wenn ihr über diesen Link bestellt, bekommt bento eine Provision.)

Führt Pendeln zu Burnout?

Die Abgabefrist für die Hausarbeit rückt näher, die Referatsgruppe will sich mit dir treffen und deine Mutter beklagt sich, weil du schon so lange nicht mehr zu Hause warst: So aufregend und abwechslungsreich das Pendlerleben sein kann – schließlich findet es an ständig wechselnden Orten statt – manche leiden auch darunter, niemandem gerecht werden zu können.

Der ständige Druck kann aber auf Dauer deine Psyche belasten: Wer permanent unter Stress steht und sich nur wenige erholsame Phasen gönnt, der entwickelt ein höheres Risiko für Burnout. Die Wissenschaftlerin Annie Barreck von der Universität Montreal konnte nachweisen, dass ein langer Arbeitsweg zu emotionaler Erschöpfung, Zynismus und nachlassender Leistungsfähigkeit führen kann – den drei Hauptsymptomen für Burnout. Allerdings hängt das Burnout-Risiko auch von der eigenen Persönlichkeit ab, wie sehr man sich Stress zu Herzen nimmt. (zur Studie der Univerität Montreal)


Das sagen die Pendler

Isabelle Huppertz, 25

(Bild: Franziska Brändle)

"Ich wohne mit meinem Freund in Aachen, aber studiere noch in Münster. Im vergangenen Jahr bin ich bis zu dreimal die Woche gefahren, immer mit den Regionalbahnen. Eine Strecke dauert etwas mehr als drei Stunden, also am Tag bis zu sieben Stunden. Ich merke, dass ich gerade in Zeiten, wo ich viel pendeln musste, unausgeglichener und schneller gereizt wurde. Wenn ein Semester rum ist, kann ich auch erst mal keine Züge mehr sehen.

Bekannte reagieren zu Beginn immer mit Erstaunen, wenn sie hören, dass ich diesen Weg auf mich nehme. Aber wenn ich die Umstände erkläre, haben sie immer Verständnis. Ich hatte bisher Glück, dass auch bei Uni-Gruppenarbeiten die Diskussionen teilweise bei Skype abgehalten wurden, damit ich nicht fahren musste. Trotzdem: Ich habe mir das selbst ausgesucht, also muss ich auch die Konsequenzen in Kauf nehmen."

Lesetipp


Julia Haseloff, 26

(Bild: Julia Haseloff)

"Ich studiere in Greifswald, mein Freund wohnt in Bremen und meine Familie lebt in Lüneburg. Meist fahre ich Zug, aber ab und an gibt es auch schnelle Mitfahrgelegenheiten. In letzter Zeit bin ich auch mal öfter mit dem Postbus gefahren. Durchschnittlich bin ich nach Bremen fünf Stunden unterwegs, nach Lüneburg meist eine Stunde weniger.

Am Tag der Fahrt bin ich meist genervt und abends auch schnell müde, sodass ich den Abend dann nicht mehr schön nutzen kann. Da Greifswald keine große Stadt ist, freue ich mich aber auch immer auf Bremen und auf meinen anderen Freundeskreis. Umso schlimmer ist dann oft der Abschied von meinem Freund."


Jan Hüttemann, 24

(Bild: Jan Hüttemann)

"Da ich für mein Studium in Münster kurzfristig keine bezahlbare Bleibe gefunden habe, musste ich das erste Jahr von meinem Heimatort Werne an der Lippe pendeln. Ich habe es zwar nicht als stressig empfunden, aber ich hatte das Gefühl, nichts Halbes und nichts Ganzes zu machen. Es war echt schade, wenn deine Kommilitonen abends noch gemütlich auf ein paar Bierchen losgezogen sind oder einfach mal spontan etwas unternommen haben. Durch das Pendeln war es echt schwierig, Anschluss zu finden. Das wahre Studentenleben? Fehlanzeige.

Wenn ich jetzt erzähle, was ich in der Zeit gegessen habe? Sagen wir so: Stell dir vor, du gehst zur Dönerbude am Bahnhof, wo täglich Hunderte verschiedene Menschen ein- und ausgehen. Und die einzige Frage, die du hörst, lautet: Das gleiche wie immer?"


Nina Richter, 25

"Ich pendele jeden Mittwoch nach der Uni von Münster nach München, weil ich dort donnerstags und freitags arbeite. Anschließend verbringe ich häufig noch das Wochenende in Köln, weil da mein Freund wohnt. Seit November lebe ich eigentlich nur noch aus meinem Rucksack, weil es sich gar nicht lohnt, irgendwo auszupacken. Das ist anstrengend und ich bin ständig verspannt. Am meisten nervt mich jedoch, dass ich viel weniger Zeit für meine Freunde habe. Mittwochs bis freitags gehen sie oft weg und ich bin nie dabei.

Unterwegs kaufe ich mir immer etwas zu Essen am Bahnhof, einen obligatorischen Schokoriegel habe ich immer dabei. Außer vor zwei Wochen: Da wollte ich mal gesund essen. Und prompt hatte mein Zug mehr als drei Stunden Verspätung und ich kam erst um 2 Uhr morgens statt um 23 Uhr in Köln an – gerade da war es die schlechteste Entscheidung, keinen Notfall-Schokoriegel dabei zu haben."


So bleibst du beim Pendeln entspannt

  1. Kopfhörer auf und abtauchen: Musik zu hören, entspannt dich und du fühlst dich weniger gestresst.
  2. Du wolltest schon längst das Buch lesen, das du zu Weihnachten bekommen hast? Oder deine Geburtstags-Party planen? Auf der langen Bahnfahrt hast du die Gelegenheit dazu.
  3. Auch zum Lernen kannst du die Fahrten nutzen, zum Beispiel Texte für die Uni lesen oder mit Sprachlernprogrammen Vokabeln auffrischen.
  4. Deine Mitfahrgelegenheit war gerade im Auslandssemester und dein Sitznachbar im Bus spricht fließend Arabisch? Unterwegs kannst du interessante neue Leute kennenlernen.
  5. Immer ein Apfel in der Tasche: Gesunde Ernährung hilft dir, deine Abwehrkräfte zu stärken.
  6. Am Bahnhof einfach mal die Treppe nehmen. Mit Schrittzähler-Apps fürs Smartphone kannst du deine Motivation noch steigern.
  7. Wenn alles nichts hilft, tief durchatmen und an den nächsten Urlaub denken: Positive Gedanken können deine Laune heben.

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