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Lesben und Queere verhüten mit "Lecktüchern". Das musste ich erst mal lernen

06.04.2016, 17:47 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Heikles Thema, aber: Es ist für alle gleich wichtig, sich beim Sex vor Krankheiten zu schützen.

Stell dir vor, dein Date ist super, ihr seid kurz davor, miteinander zu schlafen – und dann wird die Situation auf einmal unangenehm, weil dein Gegenüber nicht weiß, wie man verhütet.

Für manche klingt das vielleicht nach einer Szene unter Teenies, doch ich selbst erlebte diese Situation erst kürzlich – und bin Mitte 20.

Es war nicht die ungewollte Schwangerschaft, vor der ich Angst hatte, als ich meine damalige Affäre auf das Thema Verhütung ansprach. Er, Transmann mit Vulva – und ich, als genderqueere Person ebenfalls mit Vulva, hätten kein Kind bekommen können. Vielmehr waren es die vielen Krankheiten, mit denen wir uns vielleicht hätten anstecken können: HIV, Hepatitis, Syphilis, Feigwarzen, Herpes, Pilze.

Über unsere Sex-Kolumnistin Gul

Gul ist Mittzwanzigerin, Großstädterin und gender/queer. Das heißt: Gul steht auf Frauen, Lesben, Femmes, Bois, Butches, Femmebois, Agenders und andere Personen, die spielerisch mit ihrem Gender umgehen.

Ich, auf meinem Date liegend, sagte leise, dass ich, falls es jetzt zum Sex kommen sollte, nur sicheren Sex haben möchte. Ich lebte zu dieser Zeit in einer offenen Beziehung – und mit meiner damaligen Freundin war abgemacht, dass wir nur mit anderen Menschen schlafen, wenn wir dabei verhüten. Deswegen habe ich besonders darauf geachtet.

Mein Date verstand nicht, was ich wollte. "Safer Sex?!", fragte er. Und – wusch! – die Luft war draußen. Ich stieg von seinem Schoß und erklärte ihm, worum es mir ging: Ich wollte nicht, dass unsere Körperflüssigkeiten sich miteinander vermischen und das Risiko besteht, sich mit etwas zu infizieren.

Mein Wissen über Verhütung bei Lesben und Transpersonen mit Vulven verdanke ich meinen Ex-Freundinnen. Mit der ersten recherchierte ich auf Tumblr und Foren wie "GoFeminin", ja, selbst auf der Online-Seite der "Bravo".

Ich glaube nicht, dass besonders viele queere Personen Ahnung von Verhütung beim Sex haben – zumindest bleibt der Eindruck nach meiner persönlichen Erfahrung: Ich hatte mit zwölf queeren Menschen Sex, zwei von ihnen waren wirklich offen für das Thema.

Zurück zu mir und meiner Freundin, wir saßen vor den Foren: Um sich gegen die Übertragung von Krankheiten zu schützen, das fanden wir gemeinsam heraus, helfen Handschuhe und sogenannte "Lecktücher".

Mit Handschuhen bleibt man beim Sex hygienisch: Man kann sich an unterschiedlichen Körperöffnungen berühren, ohne dass man Angst haben muss, sich beispielsweise durch eine Wunde an der Hand des Partners mit einer Krankheit anzustecken.

Hier noch einmal all unsere Sex-Kolumnen im Überblick – als Fotostrecke:

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"Lecktücher" hingegen machen den Oralverkehr sicherer: Die transparenten Folien, die über die Stelle gelegt werden, die geleckt wird, schützen ebenfalls.

Die Tücher bringen allerdings einen Nachteil mit sich: Sie sind nicht nur teuer, sondern auch schwer zu bekommen. Während jede Drogerie Kondome verkauft, gibt es die Tücher nur online oder in einem gut sortierten Sex-Shop. Manche benutzen deswegen auch einfach Frischhaltefolie oder aufgeschnittene Kondome zur Verhütung.

Sexy klang das für mich jedenfalls nicht.

Als ich zum ersten Mal von Handschuhen und "Lecktüchern" hörte, konnte ich mir kaum vorstellen, sie zu gebrauchen: Sollte ich ab jetzt immer einen Handschuh oder Tücher mit mir herumtragen?

Sexy klang das für mich jedenfalls nicht. Die Praxis zeigte mir jedoch das Gegenteil: Der Handschuh zum Beispiel, latexfrei und rosafarben, fühlt sich wirklich gut an.

Vor dem Gebrauch sprachen ich und meine damalige Freundin darüber. Dass man je Akt manchmal mehr als einen Handschuh braucht, zum Beispiel, wenn man erst die andere Person und dann sich selbst anfasst, fanden wir beide nicht schlimm. Und die Handschuhe gibt es immerhin auch in der Drogerie – zwar nicht in der Abteilung für Verhütung, aber dafür bei den Haushaltswaren.

Auch Kondome können beim Sex zwischen Personen mit Vulven zum Einsatz kommen: Man zieht sie über Vibratoren und Dildos und hält diese so hygienisch. Wer Sextoys nicht nur für sich allein, sondern auch mit anderen Personen nutzen möchte, sollte unbedingt darauf achten, dass sie vor jedem Einsatz sauber sind.

Für die Safer Sex-Theorie gibt es mittlerweile queerfreundliche Literatur, zum Beispiel Daniela Stegemanns "Safer Sex – und wie machst du das so?". Das Handbuch enthält viele nützliche Tipps und Forderungen – die in der Realität aber nur selten umgesetzt werden. Mich stört es, dass auf vermeintlich queeren Partys fast immer nur Kondome herumliegen, als würde die Verhütung nur schwule Männer betreffen.

An besagtem Abend hatten wir, mein Date und ich, übrigens keinen Sex mehr. Wir unterhielten uns und aßen vegane Wurstbrote. Danach mündete die Affäre in eine sehr lose Freundschaft.

Für mich war das okay. Denn ich hatte etwas Wichtiges gelernt: Die Kommunikation über sicheren Sex ist schwierig und kann zu peinlichen Momenten führen – doch sie ist für das Sexualleben verantwortungsbewusster queerer Personen unabdinglich.

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