Fühlen

Zurück aufs Land: Warum ich lieber im Dorf lebe als in der Stadt

30.09.2016, 10:39

Drei Menschen erzählen, warum sie zurückgezogen sind

Supermärkte, die Tag und Nacht geöffnet haben, Bars und Clubs an jeder Ecke - viele haben nach dem Schulabschluss ein großes Ziel: die Stadt. Nichts wie raus bei Mama und Papa, am besten so weit weg wie möglich.

Und was ist, wenn es da gar nicht so schön ist?

Wir haben mit drei Menschen gesprochen, die zurückgekehrt sind, ins Heimatdorf oder sogar zurück ins alte Kinderzimmer.

Angelina, 25, aus Derichsweiler (NRW), 2750 Einwohner

Ich kannte Köln bereits vor meinem Umzug, deswegen glaubte ich zu wissen, was mich erwartet. Und trotzdem bin ich nach nicht einmal einem Jahr zurück aufs Land gezogen.

Mein Freund wohnte in Köln, als in seiner WG ein Zimmer frei wurde, zog ich ein. Allerdings entsprach kaum etwas meinen Erwartungen: Zum Beispiel lag unsere Wohnung direkt an Bahnschienen. Es dauerte Monate, bis ich ruhig schlafen konnte.

Doch nicht nur die ländliche Ruhe fehlte mir: Vor allem vermisste ich meine Freunde, die fast alle in Derichsweiler geblieben sind. Großstädte sind so anonym, auf dem Dorf kennt jeder jeden. Das heizt zwar die örtliche Gerüchteküche an, aber ich mag es, dass man sich grüßt, wenn man sich auf der Straße trifft.


Derichsweiler

Derichsweiler

Auch die wöchentlichen Dorffeste fehlten mir. Natürlich gibt es in der Großstadt viel mehr Clubs und Bars. Aber einerseits rücken Partys in einer Beziehung auf der Prioritätenliste eh nach hinten, andererseits feiere ich, wenn überhaupt, lieber mit Menschen, die ich kenne.

Als sich auch noch die WG meines Freundes auflöste, war klar: Wir gehen gemeinsam zurück in meine Heimat. Zum Glück kommt er gebürtig ebenfalls aus einem kleinen Dorf und hatte nach ein paar Jahren in Köln keine Einwände, wieder aufs Land zu ziehen.

Ich arbeite nach wie vor in Köln, habe die Großstadt täglich um mich. Aber es ist einfach ein Unterschied, ob man abends auf Wiesen, Ein-Familien-Häuser und unbefahrene Straßen guckt oder auf Bahngleise. Wenn Freunde aus Köln mich besuchen, sagen sie immer, hier sei es wie im Urlaub. Urlaub, den ich täglich habe.

Lucas, 23, aus Bitburg (Rheinland-Pfalz), 10.000 Einwohner

Nach dem Abitur wollte ich nicht sofort anfangen, zu arbeiten oder zu studieren. Was ich stattdessen machen wollte, wusste ich aber auch nicht. Passenderweise luden mich alte Schulfreunde für einen Monat nach Berlin ein.

Beide studierten Fotografie und ich modelte ein bisschen für ihre Uni-Projekte. Danach überredeten sie mich, mich bei Modelagenturen zu bewerben. Ich wurde genommen und zog nach Berlin. Die Großstadt war für mich eine Herausforderung. Ich wollte sehen, wie ich in einer Stadt klar komme, in der ich kaum jemanden kenne.

Am Anfang war alles neu und aufregend. Meine Mutteragentur vermittelte mich nach Mailand und New York, und so lange es immer noch etwas zu entdecken gab, war ich auch sehr glücklich in Berlin. Aber irgendwann ist auch der aufregendste Job Alltag.

Bitburg

Bitburg

Ich fing an, meine Familie zu vermissen. Ein Großteil meiner Familie lebt in Amerika, bis auf meine Eltern und mein Bruder. Deswegen standen wir uns immer schon sehr nah. Es war nicht schlimm, nicht mehr im gleichen Ort zu wohnen; aber gleich 800 Kilometer waren einfach zu weit.

Schon als ich mit dem Modeln anfing, war mir klar: Ich werde mich nicht erst um einen Plan B kümmern, wenn ich zu alt für diesen Job bin. Ich hätte zwar auch eine Ausbildung in Berlin machen können, aber ich habe mich dort nicht mehr zu Hause gefühlt. Deswegen bin ich wieder zurück nach Spangdahlem zu meinen Eltern gezogen.

Meine Freunde in Berlin fanden das zwar alle sehr schade, aber jeder hat gemerkt, dass ich voll hinter der Entscheidung stehe und haben sie deswegen auch nicht angezweifelt.

Im Slider: Diese Dorfkinder haben ihre Heimat gar nicht erst verlassen. Hier erzählen sie, warum sie das Landleben lieben

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Am Anfang war es toll, die Familie wieder jeden Tag sehen zu können, nicht nur drei Mal im Jahr. Trotzdem fühlt es sich anders an, wenn man zurückzieht. Ich kannte die Freiheiten, die eine eigene Wohnung bietet und musste mich plötzlich erneut nach meinen Eltern richten.

Inzwischen habe ich einen Ausbildungsplatz als Einzelhandelskaufmann gefunden und bin gerade in meine eigene Wohnung gezogen. Es wurde Zeit, dass ich wieder unter meinen Regeln lebe.

Ich wohne jetzt 20 Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Im Moment ist das genau die richtige Distanz: Ich kann da sein, wann immer ich möchte, aber lebe trotzdem nicht im selben Haus.

Obwohl ich die Großstadt als Herausforderung gesehen habe, habe ich nicht das Gefühl gescheitert zu sein. Ich habe dort schnell Anschluss gefunden, gearbeitet und gelebt. Vor allem aber hat Berlin mir gezeigt, dass man das Gefühl von Heimat nicht erzwingen kann. Deswegen war es die einzig richtige Entscheidung zurück zu gehen.

Janine, 26, aus Harperscheid (NRW), 425 Einwohner

Ich zog eher unfreiwillig nach Köln: Ich bin in Gemünd aufgewachsen, habe hier meine Ausbildung zur Justizfachangestellten gemacht und gearbeitet. Aber leider gab es zu wenig Arbeit und zu viele Angestellte, so dass ich, die als letztes kam, als erstes gehen musste. Zum Glück gibt es dieses Problem in Köln nicht und ich fand schnell einen Job bei der Kölner Staatsanwaltschaft.

Zunächst pendelte ich jeden Tag nach Köln, aber nach einem Jahr war mir das zu anstrengend und ich zog um. Immerhin kannte ich dort schon einige Leute. Am Anfang gefiel es mir auch: jeden Abend was unternehmen, Freunde treffen, neue Leute kennenlernen.

Doch obwohl ich nach Köln gezogen bin, um mir das Pendeln zu ersparen, fuhr ich nun ständig nach Hause: Mindestens einmal die Woche schlief ich in meinem Kinderzimmer, weil ich meine Familie und Freunde so vermisste. Die meisten meiner Freunde sind gar nicht erst weggezogen oder sie kamen – genau wie ich – jede Woche nach Hause.

Harperscheid

Harperscheid

In Köln habe ich gemerkt, dass sich tiefe Freundschaft nicht in einem Jahr entwickeln kann. Ich hatte wahnsinnig schnell Anschluss gefunden – aber natürlich keine Freunde, die ich schon mein Leben lang kenne.

Es war sehr gewöhnungsbedürftig, mit 25 wieder zu Hause zu wohnen. Ich war nicht mehr nur zu Besuch, sondern Teil des Haushalts. Plötzlich gab es wieder Regeln: Zwar musste ich nicht um Erlaubnis bitten, wenn ich länger wegbleiben wollte, aber Hilfe im Haus wurde schon von mir erwartet. Und das auch nicht, wenn ich Lust darauf hatte, sondern wenn meine Eltern es sagten.

Kurz nach meiner Rückkehr lernte ich meinen jetzigen Freund kennen. Inzwischen wohnen wir zusammen. Und ich kann mir nicht vorstellen, wieder in eine Stadt zu ziehen. Zwar vermisse ich manchmal die ganzen Möglichkeiten, die Köln zu bieten hat. Natürlich wäre es auch schöner, nicht jeden Tag knapp drei Stunden mit dem Auto zur Arbeit zu fahren – aber das nehme ich gerne in Kauf, wenn ich dafür wieder hier sein kann.

Landei oder Stadtkind: Unser Test zeigt dir, wie du wirklich drauf bist.


Haha

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30.09.2016, 10:30 · Aktualisiert: 30.09.2016, 10:55