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Fühlen

Wir sollten alle aufhören, Kinder zu bekommen. Denn das ist egoistisch!

04.11.2017, 00:18 · Aktualisiert: 04.11.2017, 14:08

Ein Kinderlächeln muss ich immer erwidern. Wenn mich ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen anlächeln, antworte ich ganz automatisch. Trotzdem habe ich ein Problem mit Babys.

Ich bin kein Kinderhasser. Wenn die Töchter und der Sohn von dem Nachbarn oben drüber im Treppenhaus auf jede Stufe extra laut trampeln, zucke ich müde mit den Schultern.

Ich mag die Kleinen, lade sie zum Pizzabacken ein oder zum Basteln. Kurzum: Kinder im Allgemeinen finde ich gut und Babys niedlich – wie wahrscheinlich fast der ganze Rest der Welt.

Ich habe selbst schon oft darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, ein Kind zu haben. Ihm alles beizubringen, laufen, sprechen und Respekt, es aufwachsen, lachen und herumtrampeln zu sehen.

Doch es gibt etwas, das mich daran hindert, diesen Gedanken in die Realität umzusetzen. Etwas neben den typischen Gründen gegen das Kinderkriegen, neben "es ist nicht genug Geld da" und "ich will noch was erleben".

Kinder zu kriegen ist für mich egoistisch.

Nicht, weil herrschsüchtige, narzisstische Staatsführer in der weiten Welt auf unsere Kinder warten – oder, vielleicht gleich in der Nachbarschaft, Nazis. Nein, Kinderkriegen ist meiner Meinung nach aus einem ganz anderen Grund egoistisch. Ich denke dabei an die Gesamtbevölkerung auf der Erde.

Lena Seiferlin, Autorin des Textes: "Was überwiegt, das Glück des Einzelnen oder das aller?"

Lena Seiferlin, Autorin des Textes: "Was überwiegt, das Glück des Einzelnen oder das aller?"

Die Erdbevölkerung wird bis Mitte des Jahrhunderts zufolge genauso stark wachsen, wie sie das seit Ende der Achtzigerjahre schon macht, nämlich um 2,4 Milliarden Menschen. 7,3 Milliarden leben jetzt gerade auf der Welt.

In jeder Sekunde kommen durchschnittlich 2,62 dazu. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter. Krankheiten werden geheilt, Tode hinausgezögert (Deutsche Stiftung Weltbevölkerung).

Dramatisch ist die steigende Weltbevölkerung, weil die Ressourcen schon jetzt knapp werden. Das Trinkwasser zum Beispiel, dessen Bedarf diesem UN-Bericht zufolge bis 2050 um 55 Prozent steigen wird.

Aber auch saubere Luft und Anbauflächen für Getreide, Soja oder Mais sind nicht unendlich verfügbar. Diesem Bericht der Food an Agriculture Organization der UN zufolge hungern schon jetzt 815 Millionen Menschen auf der Welt. Doch von diesen Grundversorgungen müssen alle Menschen leben.

Dann ist da noch der Klimawandel, der eigentlich gar nicht zulässt, dass die Bevölkerung in manchen Regionen ansteigt. Dort zum Beispiel, wo zunehmende Temperaturen langsam aber sicher ganze Landstriche unbewohnbar machen: Savannen werden zu Wüsten, Inseln versinken im Meer.

Je nachdem, wie stark die Klimaerwärmung ansteigt, sind einer Studie der US-Forschungsorganisation Climate Central bis zu 760 Millionen Menschen vom höheren Meeresspiegel betroffen (bei einem Anstieg um vier Grad Celsius).

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Meiner Meinung nach verschlimmern Menschen, die Kinder bekommen, diesen Zustand.

Jeder einzelne. Eltern lassen ihren Kinderwunsch größer werden als ihr Mitgefühl für die Welt und ihre Bewohner – und auch größer als ihre Sorgen um die Zukunft. Und genau das ist für mich Egoismus.

"Eine US-amerikanische Familie, die auf ein Kind verzichtet, spart genauso viel Emissionen ein wie 684 Teenager, die für den Rest ihres Lebens strikt recyceln", schreiben die Wissenschaftler Seth Wynes und Kimberly Nicholas im Fachblatt "Environmental Research Letters.

In ihrer Studie über die Entwicklung der Bevölkerung fanden sie heraus, dass ein Kind weniger zu haben dem Einsparen von 58,6 Tonnen Kohlendioxid im Jahr entspricht (die Emissionen anderer Treibhausgase wie Methan wurden entsprechend umgerechnet und sind enthalten).

Eltern lassen ihren Kinderwunsch größer werden als ihr Mitgefühl für die Welt und ihre Bewohner
Lena Seiferlin

Ich weiß: Zu fordern, dass alle Menschen grundsätzlich für einige Zeit aufhören sollten, Kinder zu bekommen, ist utopisch.

Es ist ein großes Gedankenexperiment – und natürlich würde ein Kinder-Stopp nicht dazu führen, dass sich die die strukturellen Probleme der Erde automatisch in Luft auflösen. Was auf dieser Erde falsch läuft, wird sich nicht ändern, nur weil wir alle aufhören, Babys zu bekommen.

Aber ich bin mir sicher, dass in diesem Gedanken ein Teil der Lösung liegen könnte. Mit meiner Forderung will ich dazu anstoßen, an alle zu denken, den Egoismus nicht siegen zu lassen. Und ich will, dass sich die Leute eine Frage stellen: Was überwiegt, das Glück des Einzelnen oder das aller?

Wenn wir weniger Kinder bekommen, wird die Bevölkerung vielleicht überaltern, ja. Aber die nächste Generation kann dann womöglich etwas beruhigter schwanger werden.

Ich kann mir vorstellen, dass das schwierig ist. Kinder sind eben toll und süß und witzig, sie sind Zukunft und Halt. Für viele Menschen bedeuten sie gar die Vervollkommnung der eigenen Beziehung. Sie können Altersvorsorge und Hilfe im Alltag sein, sie werden Pflegekräfte für die eigenen Eltern und sorgen für die Rente der Alten.

Für den Verzicht kann sich also nur jeder Mensch selbst entscheiden. Es ist eine Entscheidung zwischen dem eigenen Glück und dem der ganzen Welt.

Und natürlich ist das Glück der ganzen Welt viel weniger greifbar, es ist abstrakt.

Das eigene Glück hingegen können sich Eltern besser vorstellen. Sie stellen sich vielleicht die eigene Tochter vor, wie sie im Garten tobt, oder den Sohn, wie er seinen Abschluss schafft. An Hunderttausende von der Dürre betroffene Menschen denken sie vermutlich nicht.

Ich hoffe, dass ich selbst es durchziehen kann, keine Kinder zu bekommen. Denn: Nicht egoistisch zu werden, fällt mir gar nicht mal so leicht. Während um mich herum alle Freunde und auch mein Bruder Kinder bekommen, versuche ich, trotz langjähriger Beziehung, zuerst an die Welt – und dann an mich zu denken.

Korrektur: In der Erstversion haben wir fälscherlicherweise geschrieben, jede Sekunde werden auf der Erde 2,62 Millionen Kinder geboren. Tatsächlich sind es nur 2,62 Kinder.


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