1. Startseite
  2. Fühlen
  3. Kinder bekommen oder schwanger werden: Wie nervig es ist, wenn man als junge Frau nicht will

Bild: shira gal / cc by

Fühlen

Wie nervig es ist, wenn alle ein Baby wollen – nur du nicht

04.03.2016, 00:02 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

Wie sehr stehen junge Frauen und ihre Partner unter Druck, Kinder bekommen zu müssen? Und wie gehen sie damit um?

Man trifft sie überall: Im Café, in der Straßenbahn und im Hausflur krabbeln sie, sie sitzen in ihren Wägen und nuckeln an ihren Fläschchen. Babys!

Gleichzeitig fluten werdende Mütter Instagram und andere soziale Netzwerke mit Bildern von ihren Babybäuchen. Nach der Geburt laden sie dann ein Foto nach dem anderen hoch vom neuen, ach so wunderbaren Glück.

Wie fühlt sich das für jemanden an, der keine Kinder will? Wie sehr setzt das heile Familienbild andere junge Frauen und ihre Partner unter Druck, selbst für Nachwuchs zu sorgen?

Wir haben mit einer jungen Frau gesprochen, die diese Fragen beantworten kann: Chrissi, 31 Jahre alt. Sie wollte nie Kinder – und muss sich immer wieder dafür rechtfertigen.

Ja, nein, vielleicht?

Ja, nein, vielleicht? (Bild: Gitte Lehmann)

Es fing alles damit an, dass mein damaliger Partner Onkel wurde. Er drehte plötzlich völlig durch, kaufte Spielzeug ohne Ende, holte den Kurzen jedes zweite Wochenende zu uns und ersetzte unsere Pärchenbilder durch Bilder von ihm. Bis er schließlich mit der einen Frage auf mich zukam, die unser Ende einläutete: "Willst du nicht doch auch Kinder?"

Bis dahin waren wir uns einig, wir wollten beide keine. Wir reisten viel und gingen aus, wann immer wir es wollten. Es war die gemeinsame Freiheit, die uns verband. Und plötzlich sollte ein Kind alles verändern? War ich bereit dazu?
Guter Plan – oder?

Guter Plan – oder? (Bild: Kat Grigg / cc by)

Ich sprach mit meinen Freundinnen, die bereits alle Mütter waren. Sie redeten mir gut zu, dass ein Kind eine unheimliche Bereicherung sei und dass ich auch noch an den Punkt kommen werde, wo ich ein Kind will. Doch dieser Punkt ließ auf sich warten.
Ich hatte unzählige Diskussionen mit meinem damaligen Partner. Es folgte was folgen musste: die Trennung. Aber nicht nur mein Partner ging, sondern auch Freunde verabschiedeten sich nach und nach von mir – wegen meiner Überzeugung, ohne Kind glücklich zu sein.
Ich treffe seitdem immer wieder junge Mütter oder Pärchen, die einfach nicht verstehen können oder wollen, dass Kinder für mich nicht infrage kommen. Oft ertappe ich mich dabei, meine Entscheidung vor anderen zu rechtfertigen.
Ich habe als Kind nie gern Mutter-Vater-Kind gespielt. Vielleicht ist das ja der Grund, warum ich bis heute keine Kinder will.


So wie Chrissi geht es vielen jungen Frauen in Deutschland.

In Deutschland lebt jede fünfte Frau zwischen 40 und 45 Jahren ohne Kinder. In Hamburg entscheidet sich sogar jede Dritte dazu, auf Nachwuchs zu verzichten. Dementsprechend sinken die Geburtenraten (SPIEGEL ONLINE) – das bestätigt auch eine repräsentative Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen (mehr Infos dazu hier).

Der Grund dafür sind vielleicht die Finanzen: Ein Kind kostet monatlich durchschnittlich 496 Euro. Der durchschnittliche Netto-Verdienst einer Alleinerziehenden beträgt in Deutschland hingegen rund 2170 Euro pro Monat. (Statistisches Bundesamt, PDF-Datei). Ein Kind stellt für viele dementsprechend eine hohe finanzielle Belastung dar.

Obwohl immer weniger Deutsche Kinder bekommen, werden kinderlose Frauen immer noch als nicht normal angesehen. Seit Ende der Siebzigerjahre können Frauen dank der Anti-Babypille zwar selbst bestimmen, wann sie Kinder bekommen. Doch über die Rolle der Frau in der Gesellschaft diskutiert man noch immer.

"Zu sagen, dass eine Frau nur dazu geschaffen ist, Mutter zu sein, ist lächerlich", sagt die Soziologin und Philosophin Elisabeth Badinter. Die selbstbestimmte Entscheidung einer Frau, keine Kinder bekommen zu wollen, sei wichtig und müsse respektiert werden.

Weil gerade das in der Gesellschaft aber noch nicht immer passiert, hatte Lydia (29) schon viele Probleme. Sie entschied sich gegen ein Kind – da war sie allerdings schon schwanger.

Und wenn es passiert ist – was dann?

Und wenn es passiert ist – was dann? (Bild: Jerry Lai / cc by-sa)

Es war ein Schock. Dieser zweite Balken auf dem Schwangerschaftstest, den ich in der Mittagspause auf der Arbeit machte. Ich schwanger? Der Test musste lügen. Tat er aber nicht. Es war eine Vollkatastrophe. Die Nachricht über die Schwangerschaft warf mich völlig aus der Bahn.
Mit dem werdenden Vater war ich zu dieser Zeit nicht fest zusammen. Trotzdem beschloss ich, ihn zu informieren. Wir überlegten gemeinsam, was die beste Lösung wäre.
Am nächsten Tag gingen wir zu meiner Frauenärztin. Sie reagierte absolut verständnisvoll und ließ mich mit den Worten zurück: "Egal, wie Sie sich entscheiden, am Ende müssen Sie ganz allein damit leben. Also überlegen sie beide Möglichkeiten gut.“
Die Entscheidung abwägen. Aber wie lange?

Die Entscheidung abwägen. Aber wie lange? (Bild: Nate Grigg / cc by)

Ich ging zu einer Familienberatung. Wieder wurden mir alle Lösungen aufgezeigt – und ich bekam auch Adressen von Ärzten, die einen Schwangerschaftsabbruch hätten durchführen können.
Bis zur Abtreibung musste ich, das ist gesetzlich so vorgesehen, drei Tage warten, um meine Entscheidung noch einmal zu überdenken.
Es waren die schlimmsten drei Tage meines Lebens. Denn ich wollte dieses Baby nicht. Ohne Partner, mit wenig Geld und ohne soziale Familienanbindung dachte ich, dass ich das Kind nicht richtig versorgen könnte.

Gedankenansätze für alle, die unter dem Druck stehen, unbedingt schwanger werden zu müssen:

  • Lebe dein Leben so, wie du es möchtest. Du triffst die Entscheidungen – niemand anders.
  • Es ist in Ordnung, Job oder Karriere einem Kind vorzuziehen – deine Sache.
  • Ein Kind hat immer zwei Elternteile. Beide sollten sich sicher sein – nicht nur einer.
  • Frage dich, was dir wirklich wichtig ist: Selbstverwirklichung? Heiraten? Herumreisen? Die große Liebe finden – sie lieber erstmal noch nicht finden?
Ich führte einen medikamentösen Abbruch durch.

Das alles ist jetzt etwa ein Jahr her. Es geht mir heute immer noch gut mit meiner Entscheidung. Auch, wenn ich irgendwann mal Kinder haben möchte, möchte ich selbst entscheiden, wann es soweit ist.

In Deutschland entschließen sich immer weniger Frauen zu einem Schwangerschaftsabbruch. 2014 wurden rund 99.800 Abbrüche vorgenommen (Statistisches Bundesamt I), das sind rund drei Prozent weniger als im Vorjahr (Statistisches Bundesamt II).

Vielleicht trifft man zukünftig also noch mehr Schwangere in Cafés, Straßenbahnen und Hausfluren. Wäre doch ganz schön – oder nicht?

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Eine Auswahl der Fragen und Antworten werden wir auf bento veröffentlichen. Anonymisiert natürlich!