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Fühlen

Wie Cannabis meine Beziehung zerstört hat

05.01.2016, 11:57 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Am Anfang war alles high. Unsere Liebe, unser Leben, unsere Ziele, unsere Wünsche. Doch irgendwann zerstörte die Cannabis-Sucht meines Freundes alles, wovon wir zuvor geträumt hatten.

Als ich Raúl das erste Mal sah, waren wir zusammen mit Freunden aus. Wir turtelten den ganzen Abend und waren schon kurz darauf unzertrennlich. Ich hatte nie zuvor einen so lebenslustigen und offenen Menschen kennengelernt und war mir sicher, dass er mich noch lange zum Lachen bringen wird. Doch es sollte alles anders kommen, als wir es uns ausgemalt hatten.

Die Abende verbrachten wir fast täglich zusammen. Meist trank ich eine Cola oder mal ein Glas Wein, während Raúl sich einen Joint baute. Für mich war das nichts Besonderes. 4,5 Prozent der befragten Erwachsenen geben an, sie hätten in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert; das geht aus dem Jahresbericht der Beobachtungsstelle für Drogen hervor (SPIEGEL ONLINE). Raúl war also keine Ausnahme. Überhaupt: Inzwischen ist Kiffen von der deutschen Gesellschaft weitgehend akzeptiert, schließlich fordern sogar einige Landespolitiker die Legalisierung von Cannabis (SPIEGEL ONLINE).

"Die Sucht beginnt mit einer Toleranz gegenüber der Wirkung."
Josef Condrobs, Drogenberater

Dabei ist das weiterhin umstritten: Während die einen auf die medizinische Wirkung des Hanfstoffes setzen, warnen Ärzte, Drogenberater und Psychotherapeuten vor der illegalen Substanz; zu ihnen gehört Josef Condrobs, Psychotherapeut und Drogenberater bei der Organisation Condrobs in München. Er sagt, Konsumenten würden oft erst sehr spät merken, dass sie abhängig von Cannabis sind: "Die Sucht beginnt mit einer Toleranz gegenüber der Wirkung", sagte er in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Auch sei die Sucht nicht so präsent, denn Cannabis-Abhängige spüren eher keine körperlichen Entzugserscheinungen. Keine zittrigen Hände, kein Problem. Dabei, so schätzt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, sind 0,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland abhängig von Cannabis oder zumindest bestehe ein "missbräuchlicher Konsum". Viele berichten auch von Nebenwirkungen wie Angstzuständen, Wahrnehmungsstörungen, Herzrasen, Übelkeit, Schwindel.

Bei Raúl blieb es anfangs bei einem Joint am Abend. Doch nach und nach wurden aus zwei schnell drei Tüten am Abend. Als er anfing, sich Joints für den Tag vorzudrehen und diese unter seinen normalen Kippen in der Zigarettenschachtel zu verstecken, bemerkte ich das erste Mal die Schattenseiten des Kiffens.

Bald darauf hatten wir immer weniger Sex. Raúl arbeitete tagsüber körperlich sehr hart. Also schob ich seine Lustlosigkeit auf die Arbeit. Als er immer träger wurde, legte ich ihm nahe, mit seinem Chef zu sprechen. Es könne so nicht weitergehen. Die Arbeit würde noch unsere ganze Beziehung zerstören. Da waren wir gerade einmal fünf Monate zusammen.

"Klar, kann ich mit dem Kiffen aufhören. Aber ich will gar nicht!"

Die Hoffnung

Nach knapp einem Jahr zogen wir zusammen. Wir waren 28 Jahre alt, wollten Kinder und hatten Pläne für ein gemeinsames Leben. Und ich hatte die Hoffnung, dass in einer gemeinsamen Wohnung alles besser werden würde.

Bald darauf gingen wir kaum noch aus. Freunde kamen immer öfter zu uns, weil Raúl nach der Arbeit keine Lust mehr hatte rauszugehen. Seine Ausrede war für alle dieselbe: Die Arbeit mache ihn fertig. Was sollten Freunde und Familie dazu schon sagen? Immerhin war er ein fleißiger Sohn, Freund und Partner.

Unter der Woche rauchte er abends bis zu vier Joints, am Wochenende noch mehr. Ich ging allein einkaufen, traf mich allein mit unseren Freunden. Immer öfter war ich genervt von seinem Verhalten. Wir stritten uns. Raúl haute ab, wenn er keine Lust auf Diskussionen hatte.

Als er irgendwann die ganze Nacht mit seinen Kumpels beim Kiffen abhing, fühlte ich mich allein, verlassen, machtlos und verraten. Also stellte ich ihn zu Rede und fragte ihn, ob er mit dem Kiffen aufhören könnte. Seine Antwort war richtungsweisend für unsere nächsten Monate: "Klar, kann ich mit dem Kiffen aufhören. Aber ich will gar nicht!"


"Sie müssen Ihren Partner fallen lassen. So hart das klingt."

Die Schlüsselszene

Raúls Cannabis-Konsum gehörte mittlerweile seit anderthalb Jahren zu unserem Leben, bis ich eines Tages erschöpft vom Einkaufen nach Hause kam. Er hatte das Auto genommen, um nach der Arbeit mit seinen Jungs abzuhängen. Mit drei Tüten bepackt lief ich die Treppe rauf und klappte vor unserer Wohnungstür zusammen. Unsere Nachbarin fand mich kurz darauf. Völlig entkräftet schleppte ich mich in die Wohnung, um Raúl anzurufen, dass er nach Hause kommen solle. Er legte auf. Aber er kam nicht nach Hause.

Zum ersten Mal in unserer Beziehung hatte ich den dringenden Wunsch, mit jemandem zu sprechen. Mir die Seele aus dem Leib zu reden und all den angestauten Frust der vergangenen 18 Monate loszuwerden. Ich googelte im Netz nach Hilfe und fand die Nummer der Sucht-Hotline München. Weit genug weg, um die Peinlichkeit meines Anrufes zu verstecken und nah genug am Suchtthema, dachte ich mir.

Eine Frauenstimme nahm den Hörer ab. Sie klang sehr nett. Vertrauenswürdig. Ich erzählte ihr alles. Zum ersten Mal wurde mir zugehört und Anteil an meiner Situation genommen. Und ich bekam einen Ratschlag, der mich mitten ins Herz traf: "Sie müssen Ihren Partner fallen lassen. So hart das klingt."

Das klang nicht nur hart, das klang nach Verrat. Wie soll man einen Menschen ins offene Messer laufen lassen, den man liebt? Wie soll man einem Menschen dabei zusehen, wie er sich selbst zerstört?

Heute geht es mir so gut wie nie zuvor.

Die Heilung

Der Anruf bei der Suchthilfe hinterließ Spuren. Zum ersten Mal dachte ich darüber nach, mir selbst zu helfen und nicht immer nur anderen. Also dachte ich an mich und zog bereits kurze Zeit später zu Freunden, um darüber nachzudenken, wie es weitergehen soll. Nach fast zwei Jahren Beziehung fing das Kiffen an, auch mich zu zerstören. Und das ohne jemals einen Joint angefasst zu haben.

Der Abstand half mir, wieder klar zu sehen. Ich suchte mir eine eigene Wohnung in einer anderen Stadt. Denn ich vermisste das Lachen und das Leben. Ich wollte wieder ich sein und mein Leben nicht durch die Sucht meines Freundes bestimmen lassen. Zwar ließ ich dafür die Liebe meines Lebens hinter mir, aber heute weiß ich, dass ich diesen Preis zahlen musste, um für mich ein Happy End zu bekommen.

Heute geht es mir so gut wie nie zuvor. Die Entscheidung gegen die Sucht und für die Liebe zu mir selbst war die beste, die ich nach zwei Jahren Beziehung treffen konnte. Ich war frei von der Last, mich um das Suchtproblem eines anderen Menschen kümmern zu müssen, und konnte endlich wieder meine Bedürfnisse in den Vordergrund stellen.

Bei Raúl hat sich übrigens nichts verändert. Er arbeitet weiterhin sehr viel und füllt seine Abende mit seinen Joints. Nur mit dem Unterschied, dass ich nicht mehr dafür verantwortlich bin und es nie mehr sein werde.

Du bist in einer ähnlichen Situation? Hier findest du Hilfe:

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