Bild: Unsplash

23.12.2017, 17:54 · Aktualisiert: 25.12.2017, 14:39

"Wozu ich gezwungen werde, ist gefährlich"

Kathi muss gegenhalten. Sie sitzt auf der Bettkante, neben ihr liegt eine hochschwangere Frau, die den Fuß gegen Kathis Schulter stemmt. Die werdende Mutter kneift ihre Augen zusammen und presst.

Das Stöhnen, das unfassbare Schmerzen erahnen lässt, wird lauter. "Ich kann nicht mehr", ruft die Frau in den Kreißsaal hinein. Kathi, die Hebamme, erwidert ruhig: "Doch, das kannst du. Endspurt."

Dann lässt die Wehe nach und mit ihr die Kraft der Gebärenden. Kathis Schulter wird entlastet. Beide atmen durch.

Erst vor wenigen Minuten haben sie sich im Bett eines großen Krankenhauses in Norddeutschland kennengelernt, kurz nachdem Kathis Schichtdienst begann. Die Schwangere lag schon mit gespreizten Beinen bereit, als Kathi hereinkam und sich mit sanfter Stimme vorstellte.

Eine solche Situation ist für die Hebamme, die seit vier Jahren festangestellt in der Klinik arbeitet und eigentlich anders heißt, Alltag.

In einer Schicht betreut Kathi mehrere Frauen. Manchmal braucht nur eine Frau ihre Aufmerksamkeit, manchmal sind es über die Stunden verteilt zwölf Schwangere, die kurz vor der Entbindung stehen.

Wer kann, darf, muss in diesem Moment anwesend sein?

Wer kann, darf, muss in diesem Moment anwesend sein? (Bild: Unsplash)

Doch selbst, wenn noch drei weitere Hebammen vor Ort seien, sei es nahezu unmöglich, allen Patientinnen die Zeit zu geben, die sie bräuchten, sagt Kathi. "Der Normalzustand ist hier oft katastrophal. Das ist keine Betreuung, das ist Fließbandarbeit."

Und trotzdem: Kathi liebt ihren Job. Sie empfinde es als besonders, dabei sein zu dürfen, wenn ein Kind zur Welt komme, sagt sie. Immer wieder schenkten Eltern ihr große Dankbarkeit.

Doch zu oft müsse Kathi die Bitte einer Frau, noch länger bei ihr zu bleiben, ablehnen. "In diesem Umfeld werde ich nicht allen Müttern gerecht", sagt sie. "Das frisst mich auf. Aber ich darf nicht zu emotional werden, sonst funktioniere ich nicht."

In diesem Umfeld werde ich nicht allen Müttern gerecht
Hebamme Kathi

In Deutschland arbeiten laut Deutschem Hebammenverband 23.000 Hebammen, 70 bis 80 Prozent freiberuflich. Im Jahr 2015 waren 72 Prozent aller in Krankenhäusern arbeitenden Hebammen in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt.

Seit Jahren streiten Hebammen, Ärzte, Verbände und Gewerkschaften über die Arbeitsbedingungen der Geburtshelferinnen. Viele Hebammen empfinden ihren Job als belastend und fordern mehr Lohn.

Ein Grund dafür: Seit 2002 haben sich die Haftpflichtversicherungsprämien für freiberufliche Hebammen mehr als verzehnfacht. Die Versicherer gehen davon aus, dass geburtsgeschädigte Kinder durch den medizinischen Fortschritt länger leben, was aber für die Versicherer die Kosten erhöht (SPIEGEL ONLINE).

Die inzwischen fälligen 7.600 Euro pro Jahr können einige Hebammen nicht mehr bezahlen. Festangestellte stehen hingegen vor dem Problem, dass es in den Kliniken an Personal mangelt – unter anderem, weil die klinische Geburtshilfe in vielen Regionen auf wenige Krankenhäuser zentralisiert wurde (DHV I, II).

Ein neues Leben – und wer hat bei der Geburt die Verantwortung?

Ein neues Leben – und wer hat bei der Geburt die Verantwortung? (Bild: Unsplash)

Kathi fing mit 18 an. Über die Sommerferien begleitete sie eine freiberufliche Hebamme, die Mutter einer Freundin, bei der Arbeit.

Gemeinsam versorgten sie Paare und Säuglinge, erarbeiteten sich Vertrauen und bauten Bindungen auf. Das Ende der Ferien war Kathis Anfang. "Hier bin ich richtig aufgehoben", sagte sie sich.

Nach dem Abiball machte sie weitere Praktika und bekam einen der begehrten Plätze an einer Hebammenschule. Dort wurde sie innerhalb von drei Jahren zur staatlich anerkannten Hebamme ausgebildet.

Hebamme werden

  • Die Ausbildung an Hebammenschulen dauert drei Jahre. 
  • Das sind 1600 Stunden Theorie und 3000 Stunden praktische Ausbildung mit Einsätzen im Kreißsaal und in einer freien Praxis. 
  • Für die Zulassung ist eine gesundheitliche Eignung und ein Realschulabschluss nötig. Unter bestimmten Bedingungen reicht auch ein Hauptschulabschluss (DHV).

Rückblickend sagt Kathi: "Die Ausbildung hat mich psychisch gefordert." Mehrere Fehl- und Totgeburten in den ersten Wochen belasteten sie. Doch Kathi lernte schnell: Auch diese Momente gehören zum Job.

Angst sei eine schlechte Geburtshilfe, sagt sie. "Ich muss die Risikobereitschaft haben, mit einem Bein im Knast zu stehen." Das mag extrem klingen, doch selbst bei gewöhnlich verlaufenden Geburten kann es aus rechtlicher Sicht schnell heikel für sie werden, wenn der natürliche Geburtsvorgang stockt.

Denn Hebammen, egal ob festangestellt oder freiberuflich, dürfen in Deutschland nur normal verlaufende Schwangerschaften selbstständig betreuen.

Damit sind Geburten gemeint, bei denen das Risiko, dass Mutter oder Säugling etwas zustößt, gering eingeschätzt wird, weil die Schwangerschaft komplikationsfrei verlief (WHO). Doch selbst, wenn eine Geburt nicht regelrecht verläuft und ein Arzt hinzukommen muss, behält die Hebamme einen Teil der Verantwortung.

Ich muss die Risikobereitschaft haben, mit einem Bein im Knast zu stehen
Hebamme Kathi

Sobald eine Geburt in einer Klinik stattfindet, sind Hebammen in der Regel verpflichtet, einen Arzt hinzuzuziehen. Bei normal verlaufenden Geburten seien Hebamme und Arzt einander nicht unter- bzw. übergeordnet, sondern stünden gleichberechtigt nebeneinander, schreibt ein Ratgeber des Hebammenverbandes.

Von dieser Gleichberechtigung sieht Kathi auf ihrem Konto nichts. Während sie mit 1.800 Euro netto klarkommen muss, verdiene ein Arzt mindestens das Doppelte, schätzt die Hebamme. "Für die Verantwortung, die ich täglich im Kreißsaal trage, ist meine Bezahlung lächerlich."

Sie sei zwar nicht wegen des Geldes Hebamme geworden, sondern aus Herzblut – aber das allein finanziere das Leben eben nur schwer.

Was steht nach diesem Tag auf dem Kontoauszug?

Was steht nach diesem Tag auf dem Kontoauszug? (Bild: Unsplash)

Kathi hält sich an die Vorgaben des Krankenhauses, auch heute ist im Kreißsaal eine ärztliche Helferin anwesend.

Sie könnte im Notfall helfen, wenn Kathi ihr das Signal gibt. Doch Kathi muss mit ihrem Wissen, ihrer Erfahrung und ihrem Gefühl einschätzen, ob etwas schief läuft. Aufschneiden oder nicht aufschneiden lautet dann schon mal die Frage. Wenn sie Anzeichen falsch beurteilt, muss sie mit einer Abmahnung rechnen oder verliert ihren Job.

Brenzlig wird es auch an diesem Tag. Auf dem Bett hockend schafft es die Mutter zunächst, den Kopf ihres Säuglings durch den Geburtskanal zu schieben. Ein an der Decke befestigtes Tuch und ihr Mann geben ihr Halt. Ihre Tochter, lila angelaufen und zerknautscht vom Druck, röchelt zwischen den Schenkeln.

Für die Verantwortung, die ich täglich im Kreißsaal trage, ist meine Bezahlung lächerlich
Hebamme Kathi

Zeit vergeht. Kathi ertastet die Nabelschnur im Inneren und fühlt den Puls. Der ärztlichen Helferin wirft sie einen Blick zu, der nach Zeitnot aussieht.

Normalerweise sollte nicht mehr als eine Minute vergehen, bevor auf den Kopf der restliche Körper des Kindes folgt. Doch nun steckt eine Schulter hinter dem Beckenknochen fest, vermutet Kathi. Eine seltene Komplikation, die die Geburt zum Stillstand bringt. Und solange die Nabelschnur des Babys im Inneren der Mutter zusammengepresst ist, wird es nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

Kathi muss jetzt schnell handeln – und an diesem Morgen entscheidet sie sich für etwas Geduld und eine veränderte Geburtsposition. Statt in der Hocke soll die Frau nun erst im Vierfüßlerstand, dann sitzend und zurückgelehnt bestimmte Bewegungen machen, die Kathi ihr erklärt. Gefühlt vergehen Minuten.

Und wer macht jetzt den Papierkram?

Und wer macht jetzt den Papierkram? (Bild: Unsplash)

Und dann ist das Mädchen endlich da.

Babygeschrei erklingt im Kreißsaal. Alle atmen auf. Kathis Entscheidung, ruhig zu bleiben und die Position zu wechseln, hat der Mutter weitere schmerzhafte Eingriffe oder sogar einen Notkaiserschnitt erspart.

In stressigen Momenten wie diesem kann Kathi unmöglich allein die Übersicht behalten. Wenn sie eine Frau mit Wehen versorgt, kann sie nicht wissen, ob nebenan eine Frau verblutet. Ihre Patientinnen unbeaufsichtigt lassen zu müssen, macht Kathi wütend: "Wozu ich manchmal gezwungen bin, ist gefährlich und fahrlässig."

Die Ausbildung hat mich psychisch gefordert
Hebamme Kathi

Ein großer Teil ihrer Arbeit besteht aus Papierkram. Jede Geburt muss sorgfältig dokumentiert werden – als Schutz vor Gericht. Vor allem bei Komplikationen ist es wichtig, dass sie auch nach einem stressigen Tag jedes Detail erinnert und notiert. Das kann pro Geburt bis zu zwei Stunden dauern, Kathis kommt meistens erst nach Feierabend dazu.

Einen Wechsel in die Freiberuflichkeit traut sie sich trotz aller Probleme in den Kliniken jedoch nicht zu. Dann würden ihre Versicherungskosten steigen, sie hätte ständige Rufbereitschaft, die das Privatleben einschränkt – und das schreckt sie ab.

Im Moment überlegt sie, den Kreißsaal gegen den Hörsaal einzutauschen, um Medizin zu studieren. "Die Eltern verdienen es einfach nicht, von einer völlig überarbeiteten Person betreut zu werden", sagt Kathi.

Die Erschöpfung ist ihr nicht anzumerken. Und obwohl sie schon unzählige Geburten erlebt hat, ist Kathi auch heute wieder verzaubert. Sie misst Gewicht, Kopfumfang und Körperlänge des Babys – dann übergibt sie das Mädchen der Mutter und verlässt mit einem Lächeln den Raum. Die nächsten Frauen warten schon.


Fühlen

"Ich mache anderen eine Freude": So feiern deutsche Muslime Weihnachten

23.12.2017, 17:46 · Aktualisiert: 23.12.2017, 18:01

Muslime lieben Weihnachten. So wie so ziemlich jedes Fest: In der arabischen Welt wird neben den islamischen Feiertagen auch Ostern, Valentinstag, Halloween und eben Weihnachten gefeiert. 

Allerdings sind die Feiern dort eher folkloristisch: In Geschäften gibt es bunte Deko und Lichter zu kaufen, Restaurants bieten Feiertagsmenüs und irgendwer schmeißt immer eine "Santa Dance Party".